Zsifkovics: „Kirche muss auch auf Neuerungen setzen“. Die BVZ sprach mit Bischof Ägidius Zsifkovics über die Flüchtlingsfrage, das Verhältnis zur Politik, beliebte Pfarrer und den Sparkurs der Kirche.

Von BVZ Redaktion. Erstellt am 20. Dezember 2017 (09:55)
Wolfgang Millendorfer
Bischof Zsifkovics: „Ich habe mehr Angst vor Christen, die nicht mehr wissen, was ihr Kirchturm bedeutet, als vor Moslems. Wir sollten die Sorgen ernst nehmen, ohne falsche Schlüsse zu ziehen.“

Herr Bischof, die Diözese Eisenstadt ist sehr aktiv mit zahlreichen Aktionen und Projekten. Was waren Ihre Highlights 2017?

Bischof Ägidius Zsifkovics: Wenn ich 2017 Revue passieren lasse, dann fällt mir zunächst ein, dass wir in diesem Jahr wieder Fortschritte gemacht haben beim pastoralen Weg der Diözese und wieder neue Seelsorgeräume errichtet und eine neue Ordensgemeinschaft im Südburgenland bekommen haben. Für uns als burgenländische Kroaten war auch die grenzüberschreitende Wallfahrt, bei der Kroaten aus dem Burgenland, aus Ungarn und aus der Slowakei nach 500 Jahren erstmals gemeinsam nach Zagreb gepilgert sind, ein Highlight, ebenso wie unsere Diözesanwallfahrt nach Fátima.

Auch als „Österreichs Flüchtlingsbischof für Europa“ sind Sie sehr aktiv. Wie schätzen Sie derzeit die Lage ein? Ist die Situation im Griff oder ist das sozusagen die Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Wenn ich auf unsere Diözese, direkt an der Grenze, schaue und Gespräche mit der Caritas führe, muss ich sagen: Die Flüchtlingszahlen sind wirklich zurückgegangen. Aber ich bin hier realistisch und ich denke, wir sollten nicht blauäugig sein. Eine weitere Flüchtlingswelle ist durchaus möglich. Und denken wir nur weiter als nach Syrien, vor allem an den afrikanischen Kontinent. Hier sind wir nicht gefeit, welche Dinge wieder auf uns zukommen können. Ich glaube, das Wichtigste ist dabei, dass es eine europäische Lösung in dieser Frage gibt, denn wir sehen, was passiert, wenn die einzelnen Nationalstaaten gefordert sind. Ein einzelner Staat kann diese Welle nicht bewältigen, dann kommen eigene Gesetzgebungen. Es braucht aber eine gemeinsame, neue Regelung für die ganze europäische Union.

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Bischof Ägidius J. Zsifkovics in seinem Büro in Eisenstadt. Nicht nur in diözesanen Angelegenheiten, sondern auch als „Österreichs Flüchtlingsbischof für Europa“ ist er vermittelnd tätig.

Haben Sie den Eindruck, dass sich hier etwas bewegt?

Wir merken, dass alle an dieser Lösung arbeiten, aber dass die Solidarität innerhalb von Europa noch unreif ist. Auch im kirchlichen Bereich bemühen wir uns, diese Solidarität zu wecken. Und ich denke, wir kommen in langsamen Schritten voran.

Es gibt auch immer wieder Diskussionen. Zuletzt hieß es etwa, dass viele Christen Angst hätten, in Österreich in den nächsten Jahrzehnten gegenüber Moslems in die Minderheit zu geraten.

Wir sollten die Sorgen der Menschen und unserer Bevölkerung ernst nehmen, ohne daraus falsche Schlüsse zu ziehen. Ich nehme diese Sorgen wirklich ernst, weil einfach auch die Zahlen dafür sprechen. Aber ich denke, das sollte auch ein Aufruf für uns Christen sein, uns zu bemühen, unser Christsein im Alltag zu leben. Dass wir zu den christlichen Werten stehen und in den Familien auch wieder den Mut zu Kindern haben. Das wird uns helfen, in eine positive Zukunft zu gehen. Ich glaube, wenn Christen wissen, was ihr Kirchturm bedeutet, leben sie auch ihren Glauben. Denn ich habe mehr Angst vor Christen, die nicht mehr wissen, was ihr Kirchturm, was ihr Glaube bedeutet, als vor Moslems.

„Die Kunst der kirchlichen Verantwortungsträger ist die, dass sie die Menschen zu Jesus Christus hinführen“

Die Zeiten der großen Kirchenaustrittswellen sind vorbei. Von einem Kirchenboom kann man vielleicht nicht sprechen. Man hat aber das Gefühl, dass die Menschen wieder mehr Sicherheit im Glauben suchen.

Auch ich teile dieses Gefühl. Obwohl es immer wieder auch Austritte gibt, merken wir, dass es immer mehr Menschen gibt, die die Spiritualität für sich beanspruchen und der Sinnfrage nachgehen. Und das muss uns als Kirche lebendig machen, dass wir hier Angebote von unserer Seite setzen, damit wir diese Menschen begleiten und im Sinne unseres Glaubens zum Ziel hinführen. Das ist eine große Aufgabe für die Kirche.

Auffallend ist auch, speziell im Burgenland, dass dort, wo es beliebte Pfarrer gibt, die Kirchen fast voll sind. Man könnte pragmatisch fragen: Brauchen wir einfach noch mehr bessere Pfarrer?

Es ist sicher ein Phänomen, dass dort, wo der Pfarrer dieses positive Werkzeug und ein guter „Dolmetscher“ in Fragen des Glaubens ist oder bewusst viele Akzente in der Pfarrgemeinde setzt, die Menschen aller Altersgruppen kommen. Natürlich müssen wir immer aufpassen: Unser Glaube ist nicht auf den Pfarrer hinkonzipiert, sondern die Wiege unseres Glaubens ist Jesus Christus. Die Kunst der kirchlichen Verantwortungsträger ist die, dass sie die Menschen zu Jesus Christus hinführen.

Gerade Sie sind als volksnaher Bischof das beste Beispiel dafür. Sie stehen auch Neuerungen sehr aufgeschlossen gegenüber. Wo muss sich die Kirche aus Ihrer Sicht erneuern?

Wir sind gerade in der Frage der Jugend sehr herausgefordert. Die Weltkirche hat für das nächste Jahr eine Weltjugendsynode in Rom einberufen, ein Jahr der Jugend, wo dieses Thema behandelt werden soll. Und ich glaube, gerade das ist für uns das wichtigste Zukunftsthema: Wo können wir als Kirche junge Menschen dort abholen, wo sie stehen, ihnen auch Inhalte mitgeben und sie auf ihrem Lebensweg begleiten? Das ist eine große Herausforderung, da muss die Kirche auch noch viel dazulernen – ob es die Sprache ist, oder ob es neue Methoden sind. Da müssen wir uns von manchen Dingen der Vergangenheit verabschieden und auf Neues setzen. Junge Menschen verlangen Stabilität und wenn sie im Leben Sinn suchen, müssen sie eine Adresse finden, wo ihnen beigestanden wird. Denn wir wissen, dass Vieles in der Familie nicht mehr abgedeckt werden kann. Die Kirche ist gefordert, die Familie zu schützen und zu unterstützen.

„Ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich mit Hans Peter Doskozil sehr gut zusammengearbeitet habe“

Papst Franziskus ist für seine Sparsamkeit bekannt. Man wird sich keine Geldsorgen um die Diözese Eisenstadt machen müssen, aber wie kann so ein Sparkurs auch im Burgenland aussehen?

Wir alle wissen, dass es Papst Franziskus ein großes Anliegen ist, einfach zu leben und auf das Wesentliche im Leben, im Glauben fixiert zu sein. Das ist ein Auftrag für uns alle in den Diözesen: Dass wir uns diesem Programm, das ja letztlich das Programm Jesu ist, verpflichten und versuchen, das in unserer Diözese umzusetzen. Ich bin natürlich auch für das Sparen, aber es soll ein Sparen sein, das effizient und nachhaltig ist und auch Sinn macht. Es braucht heute ein neues Anpassen und neue Prioritäten, die wir setzen müssen. Insofern sind wir auf dem Weg, Maßnahmen zu setzen, die auch strukturell, personell und finanziell ihre Auswirkungen haben.

Ihr Verhältnis zur Politik war immer sehr offen, ohne sich jedoch direkt in die Tagespolitik einzumischen. Im nächsten Jahr steht wahrscheinlich eine Wachablöse an der Spitze des Landes an. Sie haben gute Kontakte zu Landeshauptmann Hans Niessl und zu seinem wahrscheinlichen Nachfolger Hans Peter Doskozil. Wie stehen Sie zu den Veränderungen?

Eine Prämisse, an die ich mich halte, ist, dass wir als Kirche in der Tages- und in der Parteipolitik nichts zu suchen haben. Aber wir haben in der Gesellschaft unsere Stimme zu erheben, überall dort, wo die Würde des Menschen in Gefahr ist oder wo Menschen in Not sind und vergessen werden. Ich kann nur sagen, dass ich zu allen politischen Kräften und Verantwortungsträgern in unserem Land ein sehr gutes und korrektes, auch teilweise ein freundschaftliches Verhältnis habe. Ich will vor allem auch dem Herrn Landeshauptmann danke sagen für die gute Zusammenarbeit, die wir haben. Ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich mit Hans Peter Doskozil sehr gut zusammengearbeitet habe, in der Zeit als er Landespolizeidirektor war. Weil ich auch seine Kompetenz schätze, die sich in der Flüchtlinssituation gezeigt hat, als er pragmatisch, aber auch menschlich an die Sache herangegangen ist. Da habe ich ihn sehr zu schätzen gelernt.

Welche großen Herausforderungen sehen Sie für die Diözese Eisenstadt für das kommende Jahr?

Unsere Diözese hat im Jahr 2018 sehr schöne Festlichkeiten geplant: Wir erinnern uns an 30 Jahre Papstbesuch, als Papst Johannes Paul II. in Trausdorf und in Eisenstadt war. Wir wollen in der Folge ein großes diözesanes Fest veranstalten, wo wir alle einladen, die in der Kirche und darüber hinaus im Burgenland mitarbeiten. Dieses Fest wird am 22. September 2018 im Römersteinbruch St. Margarethen stattfinden. Eine große Herausforderung wird auch das Jugendthema sein, bei dem wir als Diözese eingebunden sind. Ebenso wie die frohe Botschaft, die wir erst vor Kurzem vernommen haben, dass das erste orthodoxe Kloster Österreichs in St. Andrä am Zicksee jetzt doch gebaut wird. Hier wollen wir alle Anstrengungen unternehmen, um diesem Klosterbau unsere Aufmerksamkeit zu schenken und mitzuhelfen, wo wir können, und vor allem auch mit unserem Gebet zu begleiten.

 

 

Bischof Zsifkovics hat auch eine Video-Weihnachtsbotschaft an die BVZ-Familie. Wir freuen uns, diese am Freitag auf Facebook und BVZ.at veröffentlichen zu können!