Wolfgang Böck: „Kobersdorf als unser Landestheater “

Erstellt am 12. Mai 2022 | 05:28
Lesezeit: 7 Min
440_0008_8353397_opu19interview_boeckliliom3sp.jpg
In Kobersdorf stand Wolfgang Böck zum dritten Mal in seiner schauspielerischen Laufbahn als „Liliom“ auf der Bühne nach dem Volkstheater und dem Theater in Klagenfurt.(Foto). Es ist eine jener Rollen, die er besonders gern gespielt hat.
Foto: BVZ-Archiv/E.Tritremmel
Am 16. Mai starten die Proben für die Kobersdorfer Schlossspiele, die heuer 50 Jahr-Jubiläum feiern. Die BVZ warf mit Intendant Wolfgang Böck einen Blick hinter die Kulissen.
Werbung

Die Schloss-Spiele werden heuer 50 Jahre. Wie ist es, einer so traditionsreichen Institution vorzustehen?

Wolfgang Böck: Das freut einen klarerweise. Das ist durchaus schon ein traditionelles Unternehmen. Ich bin seit fast 20 Jahren dabei und es ist uns gelungen, in dieser Zeit auch überregionale Bekanntheit und eine überregionale Vernetzung zu erlangen. Die Leute kommen zum Großteil aus dem Burgenland, viele auch aus dem Wiener Raum und dem angrenzenden Niederösterreich und der Oststeiermark, aber wir haben auch Gäste aus anderen Bundesländern und vor allem sehr viele Stammgäste.

Viele verbinden Sommertheater mit leichter Unterhaltung. Wieso wird zum Jubiläum gerade „Der Bockerer“ gespielt?

Als ich angetreten bin, habe ich eine andere Überlegung angestellt. Kobersdorf ist die einzige große Sprechbühne des Landes, weil das Burgenland das einzige Bundesland ohne Landestheater ist. Ich wollte Kobersdorf in den Köpfen und Herzen so etablieren, dass es unser Landestheater ist, auf das die Leute stolz sind und wo sie hingehen. Dann kann ich nicht nur leichte Sommerkost spielen. Dann muss ich den Bogen breiter spannen. Das hat auch funktioniert. Anfangs waren die Leute skeptisch. Als ich im zweiten Jahr Liliom gespielt habe, wurde ich gefragt, ob es mir noch gut geht. Theater kann immer funktionieren, es muss nur spannend erzählt werden. Ich versuche, das jedes Jahr so ehrlich und ehrgeizig wie möglich ohne wichtig machen und ohne moralisch erhobenen Zeigefinger. Sobald es spannend ist, ist es Unterhaltung. „Der Bockerer“ war eigentlich als Jubiläumsstück für 100 Jahre Burgenland, gedacht, aber da hat uns die Pandemie einen Streich gespielt. Und nach der Pandemie im Vorjahr waren die Leute dann froh, dass sie bei „Außer Kontrolle“ lachen konnten. Wir haben aber schon viel Vorbereitung gemacht. Vom Inhalt her ist „Der Bockerer“ durchaus auch eine Möglichkeit. Es ist ein Stück österreichischer Zeit- und Theatergeschichte.

440_0008_8353396_opu19interview_boeck_krug3sp.jpg
Unter den Rollen, die Wolfgang Böck besonders gern gespielt hat, wie auch jene des „Dorfrichters Adam“ in der „Zerbrochene Krug“ (Foto). Foto: BVZ-Archiv/E.Tritremmel
Foto: BVZ-Archiv/E.Tritremmel

Wie trifft man überhaupt die Auswahl für ein Stück?

Die kaufmännische Direktion hätte gerne schon am Tag der Premiere das Stück des nächsten Jahres. Aber ich brauche einen Regisseur passend zum Stück, besetzen muss ich es auch noch und alle erwarten, dass der Direktor auch spielt. Mir geistern immer drei bis vier Vorschläge durch den Kopf, diese werden besprochen, bis sich einer herauskristallisiert und auf einmal lichtet es sich.

Sie haben viele Rollen in Film, Fernsehen und auf der Bühne gespielt. Was macht Kobersdorf so besonders?

Kobersdorf hat eine große Bühne, die große Gesten verlangt. Das ist auch für gestandene Schauspieler, die die Bühne das erste Mal betreten, nicht einfach. Der Zuschauerraum ist mächtig. Der Schauspieler will jeden erreichen, der dort sitzt, bis zur letzten Reihe und das sind 850 Leute, wenn das Haus voll ist und das ist zumeist der Fall. Das hat Kraft und ist eine Macht, die vor einem steht. Um halb neun ist es außerdem noch hell, was bedeutet, dass ich mein Publikum in der ersten halben Stunde noch sehen kann. Das ist in einem regulären Theater nicht so. Das kann einschüchternd wirken auf manche Kollegen. Das hat Kraft und gibt aber auch Kraft.

Wann starten normalerweise die Vorbereitungen?

Wir proben sechs bis sieben Wochen. Heuer beginnen die Proben am 16. Mai, zuerst vier Wochen in Wien, dann drei in Kobersdorf.

Wie lange lernt man an einer Rolle wie dem „Bockerer“?

Ich bin jemand, der nicht großartig im Vorhinein Text erarbeitet. Manchmal geht es aber nicht anders. Wenn man wirklich viel Text hat, muss man diesen schon im Vorhinein lernen. Das ist schwierig alleine, denn man hat kein Gegenüber, keinen Raum, keine Szene. Meine Gattin wird dabei durchaus auch mal ein bisschen zum Text abhören gezwungen. Wenn jemand die anderen Figuren liest, ist das auch hilfreich. Meine Frau hat durchaus auch andere Dinge zu tun und liest das halt dann völlig neutral runter. Das klingt noch lange nicht so, wie die Kollegen klingen werden oder wie das, was man im Ohr hat. Es gibt mehrere Verknüpfungspunkte – der Text ist einer. Bei der Probe kommt die Geografie dazu, es kommen emotionale Elemente dazu. Aus allen Verknüpfungspunkten heraus, erstellt man ein Netz, das man sich merkt und in dem man operiert. Schon Kleinigkeiten können einen aus dem Konzept bringen und dann passiert es, dass man einen Generalhänger hat. Dann schaut man wie ein Autobus und es bricht innere Panik aus. Das ist mir voriges Jahr bei der Premiere passiert. Man versucht Zeit zu gewinnen und über die Bühne zu gehen. Mein erster Gedanke war, dass ein Kollege vergessen hat, aufzutreten, aber es konnte niemand kommen. Ich bin völlig verwirrt habe ich gesagt und in dem Moment ist es mir wieder eingefallen: Ich muss zum Radio gehen und es einschalten.

Wie trifft man die Auswahl der Schauspieler bzw. der Mitwirkenden hinter den Kulissen?

In Absprache mit der Spielleitung und der Regie. Die haben eine Vorstellung, wer was spielen sollte und wenn ich das erfüllen kann, erfülle ich das. Ich werde allerdings niemand engagieren, den ich nicht ausstehen kann. Ich bin kein Masochist. Mein Bestreben als Intendant ist es, dass man pfleglichst miteinander umzugehen hat. Es ist ohnehin ein schwieriger Beruf und je mehr Freude wir damit haben und je harmonischer es ist, umso besser ist es. Auch der Zuschauer spürt es, wenn es eine Truppe ist, die miteinander kann.

Warum sollte man eine Theateraufführung in Kobersdorf besuchen?

Ins Theater sollte man gehen, um seine Herzensbildung voranzutreiben. Der Zuschauer darf sich sicher sein, dass er in Kobersdorf ehrlichen Einsatz von uns bekommt und dass wir handwerklich gutes, ehrliches Theater machen. Er bekommt ein Erlebnis, das man nicht alle Tage so hat. Man kann einen schönen Abend verbringen, essen gehen und eine wahre Auszeit nehmen.

Warum haben Sie die Oldtimer- und die Bikerfahrt ins Leben gerufen?

Ich bin ein leidenschaftlicher Motorradfahrer und fahre seit über 50 Jahren Motorrad. Als ich in Kobersdorf angefangen habe, habe ich das Stammpublikum gesehen, das mit Survival Ausrüstung kommt – mit Sack und Pack. Polster, Decke, Regenbekleidung, alles ist dabei. Bei uns gibt es keinen Dresscode und da dachte ich mir als Werbemaßnahme und um Aufmerksamkeit zu erlangen, dass ich meine Motorradfreunde einlade. Und als Motivation habe ich gesagt, ich fahre auch mit und es gibt einen gemeinsamen Treffpunkt. Die Bikerfahrt hat mediales Interesse erregt und uns mitten in der Spielzeit die Möglichkeit gegeben, auf die Produktion hinzuweisen. Und da ich auch ein Faible für alte Autos habe, haben wir im nächsten Sommer gemeint, wir könnten das auch mit Autos machen.

Wie hat sich das Theater in Kobersdorf verändert?

Es hat sich immer mehr entwickelt. Aus bescheidenen Anfängen ist eine hochprofessionelle Bühne geworden, wobei sich die bescheidenen Anfänge auf Geld und Ausstattung beziehen, professionell war es damals auch schon.

Welche besonderen Momente gab es?

Es gibt immer wieder besonders tolle Momente, die auch mit dem Freilufttheater zu tun haben. Beim ‚Kopf des Joseph Haydn‘ gibt es eine Szene, in der Haydn und seine große Liebe aufeinander zugehen und sich einen Kuss geben und in einer Vorstellung hat genau zu diesem Zeitpunkt ein Blitz eingeschlagen,   wie Regie von oben. Und wo sonst außer in Kobersdorf nisten in der Maske Rotkehlchen oder schauen einem die Jungvögel eines Falken beim Proben zu.

Gibt es eine Rolle, die Sie besonders gern gespielt haben?

Ich habe viel Theater gespielt, aber „Liliom“ ist eine, der „Dorfrichter Adam“ und auch der „Bockerer“. Ich habe nur leiwande Rollen gespielt in Kobersdorf.

Gibt es eine Rolle, die sie in Kobersdorf noch unbedingt spielen wollen bzw. ein Stück, das sie in Kobersdorf noch unbedingt auf die Bühne bringen möchten?

Den Rappelkopf in der Alpenkönig und der Menschenfeind würde ich schon gerne noch spielen wollen. Ich werde nächstes Jahr 70, das wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk.

Wie lange möchten Sie Intendant in Kobersdorf bleiben?

Der Herr Landeshauptmann hat gemeint die nächsten zehn Jahre, aber das ist zuviel. Ich werde wie gesagt immerhin 70, aber ich würde sagen, bis 75 möchte ich es jedenfalls bleiben.