Camo & Krooked und Christian Kolonovits im Interview. Eine Musikshow, in deren Rahmen zwei vollkommen unterschiedliche musikalische Welten aufeinandertreffen und sich verbinden. Am 1. und 2. Februar präsentiert das österreichische Drum-‘n’-Bass-Duo CAMO & KROOKED gemeinsam mit dem Komponisten CHRISTIAN KOLONOVITS und dem MAX STEINER ORCHESTRA im Wiener KONZERTHAUS ein aufregendes Programm, in dessen Rahmen die Musik von CAMO & KROOKED eine gänzlich neue Interpretation erfährt. MARKUS WAGNER und REINHARD RIETSCH von CAMO & KROOKED und CHRISTIAN KOLONOVITS sprachen mit Michael Ternai.

Von Redaktion noen.at. Erstellt am 31. Januar 2020 (14:15)
Philipp CARL Riedl / Red Bull Content Pool

Wie ist es zur Zusammenarbeit gekommen? Ihr bewegt euch ja in zwei vollkommen unterschiedlichen musikalischen Welten.

Markus Wagner: Die Ursprungsidee stammt von Felix Günther, einem ehemaligen Red-Bull-Mitarbeiter, der leider viel zu früh von uns gegangen ist. Felix war ein guter Freund von uns und auch ein riesiger Camo-&-Krooked-Fan der ersten Stunde. Sein größter Traum, wie er einmal gemeint hat, war, mit uns eine Orchestershow zu verwirklichen. Das muss so um 2012, 2013 gewesen sein. Aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes und seines Ablebens ist es aber leider nicht mehr dazu gekommen. Aber anscheinend lag seine Idee dann doch noch einige Zeit in irgendeiner Lade im Red-Bull-Headquarter herum. Wir haben diese Idee eigentlich schon lange abgeschrieben gehabt, als wir Ende 2018 plötzlich einen Anruf bekamen und gefragt wurden, ob wir so etwas nicht machen wollen. Wir waren richtig überrascht, denn wirklich damit gerechnet haben wir nicht mehr. Wir haben natürlich sofort Ja gesagt.
Anfang des letzten Jahres ist es dann ernst geworden. Da haben wir uns zum ersten Mal mit Christian getroffen und über das Projekt gesprochen. Wir haben uns damals schon auch hier und da die Frage gestellt, warum denn die Wahl auf uns gefallen ist, denn musikalisch liegen wir beide schon sehr weit auseinander. Aber es dürfte den Leuten von Red Bull an dieser Konstellation irgendetwas gefallen haben, sonst hätten sie diese Idee nicht wieder ausgegraben. Heute bin ich echt froh, dass das passiert ist, denn ich glaube, dass wir definitiv eine einzigartige Show auf die Beine gestellt haben.

Reinhard Rietsch: Vor allem auch eine einzigartige Show für uns, weil die Konzerte im Konzerthaus schon eine Art Once-in-a-Lifetime-Event sind. Am Anfang haben wir uns schon gefragt, ob das überhaupt funktioniert, ob es überhaupt jemanden interessiert, ob ein so großes Projekt mit den Leuten resoniert, ob man wieder einmal viel Arbeit hineinsteckt und es am Ende niemanden schert. Aber rückblickend muss ich sagen, dass unsere Sorgen ganz unbegründet waren. Das Projekt ist in aller Munde, die Ticketverkäufe sind super. Und auch für uns und alle Beteiligten war so viel drinnen. Wir haben viel gelernt, persönlich wie auch musikalisch. Es war extrem spannend, sich auf musikalischer Ebene auszutauschen und wirklich etwas Gutes zu erschaffen.

„ICH WAR ABER ÜBERZEUGT DAVON, DASS ICH ZU DIESEM PROJEKT ETWAS BEITRAGEN KANN.“

Christian, hast du Camo & Krooked davor eigentlich gekannt? 

Christian Kolonovits: Nicht so richtig. Den Namen natürlich. Ich habe aber erst über meine Tochter erfahren, wie toll die beiden sind und wie gut und ernst zu nehmend ihre Musik ist. Als die Anfrage kam, habe ich mich natürlich in ihre Musik reingehört und ich habe erkannt, dass die Chance besteht, dieses Projekt wirklich umzusetzen, weil ich so viel Orchestrales in ihrer Musik sah. Und da ich ein Mensch bin, der immer wieder auf Neues zugeht – manchmal auch auf extreme Art –, bin ich jemand, der einem solchen Projekt offen begegnet. Ich war aber überzeugt davon, dass ich zu diesem Projekt etwas beitragen kann.

Und so war es dann auch. Als wir aufeinander zugekommen sind und uns gegenseitig erklärt haben, wer was kann oder ausfüllen könnte, habe ich schon gemerkt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wobei der Anfang eines solchen Projekts natürlich kein einfacher ist. Da kämpft noch jeder um seine eigene Position, um seine eigenen Noten, um seine eigene Komposition, um jeden Sound. Wir haben uns aber schon sehr früh auf einer gemeinsamen Ebene gefunden. Ab dem Moment war für uns drei dann klar, wie wir das Projekt zu bearbeiten haben und wer was zu tun hat.

Man hat dich also nicht groß überreden müssen, bei diesem Projekt mitzumachen. 

Christian Kolonovits: Überhaupt nicht. Ich habe die Musik gehört und gewusst: Da gibt es eine Möglichkeit, mich zu artikulieren.

Wie kann man sich das vorstellen? Camo & Krooked steht für tanzbare elektronische Clubmusik, für einen Sound der jungen Generation, du, Christian, wirkst schon mehrere Jahrzehnte im musikalischen Metier. Wie hat sich das verbinden lassen? Habt ihr euch auf Anhieb verstanden? 

Christian Kolonovits: Wenn ich etwas über mich aussagen darf. Ich habe die seltene Gabe, Alter nicht wahrzunehmen. Wenn ich jetzt gefragt werden würde, wie alt ich denn sei, könnte ich das auf die Schnelle nicht sagen. Ich würde mich sicher vertun, weil ich Zeit nicht als Dimension begreife, sondern nur den Moment des Musizierens wahrnehme. Und ich glaube, das ist ein großer Vorteil. Ich kenne in der Musik nur eine gewisse Alterslosigkeit. Und dort wird es erst spannend. Es gibt so viele junge Leute, so viele ältere und auch schon verstorbene, die ich als gleichaltrig bezeichne. Und dort ist der Moment, den ich als Leben begreife. Das ist ein Moment, der immerwährend ist. Der hat kein Alter und deswegen kenne ich auch keinen Altersunterschied. Selbst im Äußeren. Es geht so weit, dass ich das nicht checke, wenn jemand jünger ist. Ich checke das erst an dem, was ich davon lernen kann.

Insofern tue ich mich mit solchen Umgängen irrsinnig leicht. Ich kann sofort umschalten und bin interessiert, die Sprache der bzw. des anderen zu lernen. Von Camo & Krooked habe ich zum Beispiel gelernt, was man im Drum ‘n‘ Bass unter einem Drop versteht. Der ist in der Klassik ja etwas ganz was anderes. Wenn es in der Klassik droppt, ist einfach gar nichts.

Bild Christian Kolonovits, Camo & Krooked

Christian Kolonovits, Camo & Krooked (c) Philipp CARL Riedl / Red Bull Content Pool

„[…] WENN MAN ZWEI SACHEN ZUSAMMENBRINGT, DIE AUF DEM ERSTEN EINDRUCK NACH NICHT ZUSAMMENGEHÖREN, ENTSTEHT MAGIE […]“

Reinhard Rietsch: Ich denke, das Spannende liegt genau in der Mitte. Wenn wir beide dasselbe oder etwas sehr Ähnliches machen würden, dann ist das Resultat nicht das Noch-nie-Dagewesene. Aber wenn man zwei Sachen zusammenbringt, die auf dem ersten Eindruck nach nicht zusammengehören, entsteht Magie, weil man da wirklich etwas Neues zu kreieren beginnt. Ich sehe es positiv, dass in unserem gemeinsamen Projekt zwei unterschiedliche Generationen aufeinandertreffen. Es bietet die Möglichkeit, voneinander zu lernen. Und es ist eines, das im Ergebnis etwas Außergewöhnliches und Besonderes ist, in dem, für alle hörbar, jeder seinen Platz gefunden hat. 

Markus Wagner: Und ich glaube, dass der musikalische Mehrwert, den man aus so einer Zusammenarbeit mitnimmt und vielleicht in zukünftigen Projekten wiederverwerten kann, ein sehr wertvoller ist. Man kennt es ja selber gut genug: Wenn man monatelang im Studio sitzt und an Sachen feilt, dann bekommt man irgendwann einmal diesen Tunnelblick, den man dann nur noch schwer loskriegt. Und genau solche Projekte helfen einem, diesen Tunnelblick loszubekommen. Sie sind eine Art kreative Horizonterweiterung. Reini und ich haben es auch schon jetzt bei diesem Projekt festgestellt. Wir merken, dass wir etwas mitnehmen und einiges von Christian gelernt haben. Zum Beispiel, wie man von der klassischen Sicht heraus etwas in den Drum-‘n‘-Bass-Sound hineinbringen kann.

„DAS PROGRAMM HAT GENAUSO VIELE HÖHEPUNKTE WIE AUCH LANG GEZOGENE EMOTIONALE ELEMENTE […]“

Habt ihr eigentlich schon am Anfang ganz konkrete Vorstellungen gehabt, wohin die Reise, was den Sound betrifft, gehen soll?

Reinhard Rietsch: Ich würde sagen, es ist jetzt so geworden, wie ich mir meine optimale Version vorgestellt habe. Nur habe ich mir zu Beginn nicht gedacht, dass wir diese erreichen würden. Ich war am Anfang der Meinung, dass es wirklich extrem geil klingen würde, aber dass uns einfach die Zeit und die Ressourcen fehlen würden, um das zu erreichen. Aber irgendwie ist sich doch alles ausgegangen. Wir haben unsere Seite –  den elektronischen Part – minimiert, um für das Orchester Platz zu schaffen. Und das hat wirklich sehr gut funktioniert. Das Set, das wir aufgebaut haben, diese Geschichte, die wir über 75 Minuten erzählen, sind sehr bunt, es ist immer kurzweilig und es ist von allem genug dabei. Das Programm hat genauso viele Höhepunkte wie auch lang gezogene emotionale Elemente, die mehr an die Klassik erinnern, aber trotzdem noch genug Elektronisches dabeihaben, um dem Ganzen einen Touch von „Electronic meets Classic“ zu geben.

Bild Christian Kolonovits, Camo & Krooked

Christian Kolonovits, Camo & Krooked (c) Philipp CARL Riedl / Red Bull Content Pool

Markus Wagner: Die Schwierigkeit zu Beginn lag sicher darin, überhaupt einmal eine Form beziehungsweise einen Weg der Kommunikation zu finden. Wir haben mit dem Intro begonnen. Und das war mit Sicherheit gleich eine der größten Herausforderungen, weil in dieser Nummer schon von unserer Seite aus so viel passiert. Da mussten wir zunächst einmal klären, ob wir über diese einfach noch etwas darüberschreiben, etwas aus ihr herausnehmen oder sie überhaupt gänzlich umschreiben sollen. Wir haben Wochen gebraucht, um einen wirklich funktionierenden Workflow zu finden. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass wir Christian immer eine Referenz schicken. Wir haben zum Teil Sachen reduziert, woanders mit einer Sample-Library eine Orchestration draufgeschrieben, um Christan so unsere Vorstellungen näherzubringen.

Reinhard Rietsch: Auf diese Weise haben wir miteinander kommuniziert. Und Christian hat das dann aufgenommen und mit seinem Wissen erweitert.

Markus Wagner: Das war aber nicht bei allen Nummern der Fall. Es gab auch Nummern, bei denen wir Christian volle Interpretationsfreiheit gelassen haben und ihm einfach nur gesagt haben: „Das ist hier die Parade-Drum-‘n‘-Bass-Nummer, mach bitte etwas anderes draus.“ Gerade da wird es ja spannend. Musik ist subjektiv. Jede und jeder nimmt sie anders wahr. Wir nehmen unsere Musik wahr, wie wir sie geschaffen haben. Aber jemand, der sie noch nie vorher gehört hat, hat vielleicht eine ganz andere Emotion und sieht in dieser Nummer vielleicht eine ganz andere Essenz. Und da wird es auch spannend. Was wird aus einem Werk, wohin wird es transportiert? Das Schöne bei unserem Projekt ist, dass es einen riesigen Bereich abdeckt. Es gibt Nummern, die sehr nah am Original geblieben sind, aber auch solche, bei denen man die Originalversion nur mehr schwer heraushört.

Christian, wo lag bei dir die große Herausforderung, als du die Arrangements für die Stücke geschrieben hast?

Christian KolonovitsDie Herausforderung war, eine Klanglichkeit zu erfinden, die das zwar Spektrum erweitert, gleichzeitig die Essenz aber nicht verloren gehen lässt. Das ist das Wichtigste, weil ein Track letztlich immer noch erkennbar bleiben soll. Im Grunde genommen war die Aufgabe auch gar nicht einmal so schwer. Dennoch musste ich schon darauf achten, mich bei der klanglichen Erweiterung nicht zu vertun. So etwas kann beim Arrangieren des Orchesters schnell einmal passieren.

Aber darin, einen Klang zu finden, und den auch umzusetzen, bin ich eigentlich recht gut. Ich kann mir gut vorstellen, wie es klingt, wenn das Holz, die Klarinetten, die Flöten und die Oboen das eine machen und die Streicher das andere, und zu welchem Ergebnis das führt. Aber ja, wenn man wie bei diesem Projekt an die Nummern von Camo & Krooked herangeht, denkt man schon lange nach, bis man irgendeinen Ton niederschreibt. Da geht es oft gar nicht um die Tonalität, sondern um den Klang und die Gesamtästhetik.

Markus Wagner: Das ist eigentlich wunderbar vergleichbar mit dem, was wir bei Como & Krooked in Studio tun. In der Produktion überlegt man sich, was dieses musikalische Spektrum ausfüllt, vor allem das Frequenzspektrum, und welche Emotionen das Ganze triggert. Da geht es zum Beispiel ganz stark um die Auswahl von Oszillatoren, die alle andere Obertöne haben. Im Grunde genommen macht Christian genau dasselbe. Er schaut, wie man die Instrumente stacked, sodass dieses Oberton-Spektrum entsteht.

War es schon am Anfang klar, dass ihr dieses Projekt mit dem Max Steiner Orchestra verwirklichen wollt? 

Christian Kolonovits: Es war wichtig, ein Orchester zu finden, das mit Drum ‘n‘ Bass umgehen kann und auch will. Vor allem mit der Technik. Man muss dem Klick im Ohr freundschaftlich begegnen. Viele Klassiker haben das Manko, dass sie nicht mehr spielen oder intonieren können, wenn sie über In-Ears einen Klick oder elektronische Musik hören, und dass sie das Ganze auch feindlich betrachten, weil sie das, was sie gelernt haben – nämlich dieses Instrument zu behandeln –, ohne Kopfhörer gelernt haben. Ich bin draufgekommen, je jünger die Musikerinnen und Musiker im klassischen Bereich sind, umso mehr haben sie aus ihrer Jugend heraus andere Musik gehört als Klassik. Sie sind viel besser auf der time als diejenigen, die moderne Musik nicht hören. Und sie spielen sich selbst viel mehr. Es gibt nichts Schlimmeres als Orchestermusikerinnen und -musiker, die nur Noten abspielen. Deswegen das Max Steiner Orchestra: Da bin ich sicher, dass die Musikerinnen und Musiker diese Aufgabe meistern.

„VON AUSSEN SCHAUT DAS KONZERTHAUS DOCH EHER UNSCHEINBAR AUS, ABER WENN MAN EINMAL DRINNEN IST, IST DAS GANZ ANDERS.

Markus und Reini, wie, glaubt ihr, wird der Wechsel von einem Club auf die Bühne eines großen Konzerthauses sein?

Reinhard Rietsch: Die Venue ist für uns natürlich etwas ganz Neues und etwas Einzigartiges. Und ich muss sagen, als wir zum ersten Mal reingegangen sind, waren wir doch ein wenig eingeschüchtert. Von außen schaut das Konzerthaus doch eher unscheinbar aus, aber wenn man einmal drinnen ist, ist das ganz anders. Wir haben uns schon gefragt, wie wir es anstellen sollen, den Saal voll zu bekommen. Das hat sich aber letztlich super gelöst. Der Andrang ist groß. Die Leute wollen die Show anscheinend wirklich sehen. Auf jeden Fall haben wir wirklich eine super Resonanz erhalten.

In Kooperation mit mica – music austria

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