„Ein einziges Leben“: Bewegendes Theater-Erlebnis

Mit dem Stück „Ein einziges Leben“ bringen Theaterinitiative Burgenland und Offenes Haus Oberwart die Erinnerungen vertriebener Jüdinnen und Juden auf die Bühne.

Wolfgang Millendorfer
Wolfgang Millendorfer Erstellt am 28. September 2017 | 08:43
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Die Erinnerung steht im Zentrum einer weiteren Uraufführung der Theaterinitiative Burgenland, die in der Vorwoche umjubelte Premiere im Offenen Haus Oberwart feierte. Das Stück „Ein einziges Leben“ basiert auf Interviews, die von der Burgenländischen Forschungsgesellschaft mit Jüdinnen und Juden geführt wurden, die man vor und während des Zweiten Weltkrieges aus dem Land vertrieben hatte.

„Ein einziges Leben“ ist noch von 28. bis 30. September (jeweils um 20 Uhr) sowie im Rahmen einer Matinee am 1. Oktober (11 Uhr) im Offenen Haus Oberwart zu sehen.

Infos: www.oho.at

Alfred Masal, OHO-Geschäftsführer, über das Stück:

Theaterarbeit im Burgenland auf professioneller Ebene zu betreiben, ist ein Gewaltakt, den die Theaterinitiative Burgenland nicht scheut. Mit einer zweiten Produktion in diesem Jahr, diesmal aus einer Werkstattbühne für junge Theatertalente des Burgenlandes, lässt das Team um Reinhold Stumpf aufhorchen. Das erste Ergebnis dieser Werkstattbühne, eine Dramatisierung und Inszenierung des nicht nur im Burgenland bekannten Standardwerkes „Vertrieben“ der Forschungsgesellschaft Burgenland, über die vertriebenen ehemaligen burgenländisch-jüdischen Bewohner, durch die junge Regisseurin Katrin Hammerl ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend.

In ihrer ersten burgenländischen Regie von „Ein einziges Leben“ gelingt es, eine klare epische Formensprache zu entwickeln, die von den Schauspielerinnen Anna Kramer, Elisabeth Veit und Schauspieler Kilian Klapper einiges abverlangt. In einem nahezu epischen, brechtschen Stil sind die Monologe und montierten Dialoge stark an die Sprache in den  Videointerviews, die die Grundlage des Buches der Forschungsgesellschaft sind, angelehnt.

Mit offenem Mund folgt man den Erzählungen der Geflüchteten. Diese werden nie aufdringlich oder weinerlich. Die Darsteller, in den alten Kleidern der Geflüchteten, die an ihnen in scheinbar unpassend Größen haften (Kostüm: Valentina Mercedes), bleiben sich im Erinnern treu. Sie erzählen ja nur, haben manches vergessen, oder lassen etwas bewusst aus, gleiten ins Nebensächliche ab und wiederholen sich, treiben die Geschichten in unseren Köpfen weiter, wiederhallt in den Soundinstallationen von Franco Visioli – der Zuschauer kann sich schon deshalb nicht entziehen.

So wird das vielfältige jüdische Leben vor 1938  im Burgenland in uns lebendig. Dabei gehen die Erzählungen immer bis an den Rand der Klippe, nie darüber hinaus. Der Abgrund gähnt bedrohlich vor uns und in uns, bevor wir plötzlich ganz unverhofft auf der anderen Seite sind, dem Leben in der Fremde, das ein ausgesprochenes beziehungswiese unausgesprochenes „Unverständis“ hinterlässt. Zuletzt die  Rückkehr oder Wiederbegegnung mit Österreich, das die Grenzen der Erinnerung und der Versöhnung deutlich aufzeigt, sowie die Frage nach der Heimat aufwirft, die in diesem Stück allgegenwärtig ist.

Einige Videosequenzen zum Schluss, die auf die Rückseite des genialen Bühnenbildes von Elisabeth Vogetseder geworfen werden, sind wie beredete Zeugen des vorherig erlebten Theatermysteriums. Diese unglaubliche Inszenierung hat mich alten Theaterhasen vollkommen begeistert und überzeugt, dass wir mit dieser Werkstattbühne absolut auf dem richtigen Weg sind.