Ein neues Spiel im Spiel

Erstellt am 02. Dezember 2022 | 04:17
Lesezeit: 2 Min
Über die überlange Nachspielzeit – bei der WM und im professionellen Fußball ein interessanter neuer Impuls, im Unterhaus noch undenkbar.
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Die Veränderungen im modernen Fußball mögen schleichend sein, aber sie sind im Gang. Vor vier Jahren etwa feierte der Video Assistant Referee (VAR) sein breit angelegtes internationales WM-Debüt. Nach und nach eroberte die davor bereits vereinzelt angewandte Technologie die nationalen Meisterschaften. Mittlerweile wundern wir uns bereits, wenn es noch höherklassige Pflichtspiele ohne TV-Beweis gibt. Es sind aber auch kleinere Regeladaptierungen, die nicht mehr wegzudenken sind. Der Torabstoß 2.0 etwa, der seit 2019 auch innerhalb des Sechzehners ausgeführt werden darf, ist längst in unserer Fußball-DNA verankert und hat die Möglichkeiten einer Spieleröffnung positiv verändert.

Aber selbst die aktuelle Fußball-WM in Katar, so umstritten sie auch sein mag, hat sportlich eine interessante neue Aktie zu bieten: die Nachspielzeit. Zu Beginn noch seltsam anmutend, werden Überspielzeiten von gut zehn Minuten mehr und mehr normal. Gerade nach der Pause, wenn Wechselperioden, etwaige VAR-Überprüfungszeiten, aber auch taktisches Geplänkel dem Match die reine Spielzeit nehmen, hat eine spürbar längere Nachspielzeit den Charme von ausgleichender Gerechtigkeit. Vor allem eröffnet sie ein neues Spiel im Spiel, wenn kurzfristig noch ein spürbares Zeitbudget folgt. Wer hinten liegt, öffnet minutenlang alle Schleusen – Hektik und schwer berechenbare Spielsituationen attraktivieren die Partie in so einem Nachgang. Auch taktisch ist die Palette in dieser Phase zwischen Coolness und Wahnsinn breit. Bei fünf erlaubten Wechseln ist die körperliche Komponente einer merklichen Überzeit ebenso vertretbar. Im Fußball-Unterhaus wäre so eine Regelung zum jetzigen Zeitpunkt freilich noch völlig undenkbar, nicht nur mangels Selbstverständnis, sondern vor allem mangels Struktur. Wenn Schiedsrichter, die auf sich allein gestellt sind, ohne jegliche Hilfe von außen ein hitziges Lokalderby mit mehr als zehn Minuten Nachspielzeit versehen, klingt das eher nach Harakiri.