Commerzialbank offenbar seit Jahren faktisch pleite. Die Commerzialbank Mattersburg soll laut einer Aussage von Ex-Bankchef Martin Pucher vor der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) schon lange faktisch pleite gewesen sein, berichtet das Nachrichtenmagazin "profil". Anfangs kleinere Bilanzfälschungen sollen schließlich zu einem nicht mehr sanierbaren Selbstläufer geworden sein.

Von APA, Redaktion. Erstellt am 08. August 2020 (13:00)
Das Aus der Bank in Mattersburg zieht weite Kreise
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Pucher wurde laut "profil" vor kurzem von der WKStA einvernommen. Dabei soll er ausgesagt haben, bereits 1992 mit Bilanzfälschungen begonnen zu haben - sonst hätte man dem Ergebnisdruck nicht standhalten können. Dann seien noch die verschärften Regulierungsvorschriften für Banken - "Basel I" und "Basel II" - dazugekommen. In frühen Jahren hätten die Bilanzfälschungen eine viel kleinere Dimension gehabt.

Die Finanzmarktaufsicht (FMA) stellte den Geschäftsbetrieb der Bank am 14. Juli vor Mitternacht ein. Am Morgen des 15. Juli habe die FMA den Staatsanwälten eine fünfseitige Sachverhaltsdarstellung geschickt, der sich mit den bei einer Vorort-Prüfung der Nationalbank bei der Commerzialbank zutage getretenen Auffälligkeiten beschäftigte.

Erste Bilanzfälschungen bereits 1992

Die FMA habe laut dem Nachrichtenmagazin noch am selben Tag herausgefunden, dass angebliche Forderungen der Commerzialbank gegenüber der Oberbank und der Hypo Tirol von insgesamt rund 128,5 Millionen Euro offenbar nicht existierten. Beide Banken hätten laut der Sachverhaltsdarstellung bestätigt, "seit mehreren Jahren keine Geschäftsbeziehung" mit der Commerzialbank zu haben.

Eine Selbstbereicherung seines Mandanten habe Puchers Anwalt zuletzt vehement ausgeschlossen. In einer am 16. Juli durch einen Wirtschaftsexperten der WKStA erstellten, erste Analyse zu den Vorwürfen, heiße es: Die Erkenntnislage lasse "keine abschließende Beurteilung dahin gehend zu, ob durch die fingierten Kredite Zahlungsmittelabflüsse für eigene oder fremde Zwecke verursacht wurden".

Am Nachmittag des 15. Juli habe Puchers Anwalt Norbert Wess der WKStA einen Schriftsatz übermittelt. Darin werde bestätigt, dass es zu Fehldarstellungen in den Jahresabschlüssen der Commerzialbank gekommen sei. Pucher übernehme für sein Handeln die volle Verantwortung und sei bereit, die Behörden in jeder Hinsicht zu unterstützen und "proaktiv und unumwunden an einer umfassenden und schonungslosen Aufarbeitung des Sachverhalts mitzuwirken".

Die WKStA habe angeordnet, Gelder auf Konten von Pucher und einer mitbeschuldigten Ex-Vorständin sicherzustellen. Bei den Vorstandsmitgliedern der Commerzialbank und in den Büros des SV Mattersburg, dessen Obmann Pucher jahrelang war, wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt. Laut "profil" wurden bei einem Commerzialbank-Manager, der selbst gar nicht als Beschuldigter gelte, "zu Zwecken der Vermögenssicherung" Bargeldbeträge in Höhe von etwa 8.500 Euro sowie einige Schmuckgegenstände und eine Münzsammlung mit derzeit noch unbestimmtem Wert sichergestellt.

Als Folge des Skandals um die Commerzialbank Mattersburg beklagen mehrere Gemeinden im Bezirk einen Schaden von insgesamt rund sechs Millionen Euro. Das sagte Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) im "Kurier". Wie viel das Burgenland von den Millionenschäden abdecken müsse, hänge vom Erfolg der Amtshaftungsklage des Landes gegen die Republik und deren Kontrollorgane ab, so Doskozil. Man habe den Bürgermeistern angeboten, sich der Klage anzuschließen.

"Ich verstehe nicht, warum nicht längst Alarm geschlagen wurde"

Was weitere Folgen der Causa betrifft, werde in der Betriebsgesellschaft der Fußballakademie das Land zu seinen 45 Prozent die 35 Prozent des SV Mattersburg dazunehmen. Betrieb und Refinanzierung der Akademie würden das Land jährlich eine Million Euro zusätzlich kosten, rechnete Doskozil. Die Lizenz solle der Burgenländische Fußballverband übernehmen, der Spielbetrieb der Nachwuchskicker gehe damit weiter.

Für die Commerzialbank-Mitarbeiter sowie für Arbeitnehmer, deren Firmen im Gefolge der Bankpleite zusperren müssten, plane man eine Arbeitsstiftung, so der Landeshauptmann. Was ihn an dem Bankenskandal innerlich aufrege, sei die jahrelange Vorgeschichte: "Ich verstehe nicht, warum nicht längst Alarm geschlagen wurde", sagte Doskozil dem "Kurier".