Ärzte-Chef Toth: „Arbeiten gern, brauchen aber attraktive Bedingungen“

Erstellt am 19. Mai 2022 | 05:52
Lesezeit: 8 Min
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„Das Angebot entscheidet.“ Im BVZ-Interview sprach sich der neue Ärztekammer-Präsident gegen Verpflichtungen aus. Fotos: Millendorfer
Foto: Millendorfer
Der neue Präsident der Ärztekammer (ÄK), Christian Toth, verrät im Antritts-Interview, wie der Arbeitsplatz Burgenland auch ohne Verpflichtungen attraktiviert werden kann.
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Gratulation zum Wahlerfolg, den man ja durchaus Überraschungssieg nennen kann!

Christian Toth: Es war tatsächlich überraschend, aber was mich vor allem gefreut hat, war, dass ich in der Vollversammlung einstimmig gewählt wurde. Diese Geschlossenheit hat es davor nicht gegeben. Große Überraschung bedeutet aber auch große Verantwortung: Wir müssen das Vertrauen in den nächsten Jahren rechtfertigen.

Wir sind keine politische Organisation, sondern eine unabhängige Standesvertretung der Ärztinnen und Ärzte.

Man kann das also nicht parteipolitisieren, dass die „schwarzen Brüder“ gegen die „rote KRAGES“ gewonnen haben?

Genau, das Votum zeigt, dass wir keine Barmherzige- Brüder-Liste sind, wir vertreten alle und haben uns breit aufgestellt. Außerdem war ich als Südburgenländer ja selber lang bei der KRAGES. Wir sind keine politische Organisation, sondern eine unabhängige Standesvertretung der Ärztinnen und Ärzte.

Wie sehr hat die Corona-Krise die Wahl beeinflusst?

Die Pandemie hat uns generell stark beeinflusst, die Wahl aber nicht primär. Covid war ein Thema von vielen.

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Neues Trio. Präsident Christian Toth mit seinen Vizes Michael Schriefl (l.) und Martin Ivanschitz (r.) nach der konstituierenden Vollversammlung.
Foto: Wolfgang Millendorfer

Das medizinische Arbeitsumfeld hat Corona aber auch aus Sicht der Interessensvertretung beeinflusst, etwa durch den Abgang von medizinischem und Pflegepersonal.

Toth: Das merkt man natürlich, der Weggang von Fachpersonal hat die Pflege zwar mehr betroffen, aber die Zermürbung war in allen Häusern groß, wir waren alle lange am Limit, da viel an Personal jetzt ausgefallen ist. Das war in den vorherigen Wellen nicht so, da waren die Krankheitsverläufe zwar dramatischer, aber das Personal war nicht so betroffen.

Wie wird die Situation im Herbst aussehen?

Toth: Zu glauben, das war es jetzt – das macht niemand. Wir erleben eine Pause, darüber sind wir alle froh, aber vorbei ist die Pandemie nicht.

Der neue Gesundheitsminister Johannes Rauch ist ja mit dem Versprechen angetreten, nicht unvorbereitet in den dritten Corona-Herbst zu gehen. Was merken Sie von diesen versprochenen Vorbereitungen?

Toth: Man merkt, dass Maßnahmen vorsichtiger zurückgefahren werden. Vorausschauenden Planungen laufen im Hintergrund, wichtig ist aber die Zielsetzung: Wir wollen zurück zur Normalität – und das muss jeder spüren, sonst bleibt die psychisch belastende Situation, die alle so zermürbt hat.

Wir müssen die Kranken versorgen und sitzen daher an der Schlüsselstelle des Systems. Das Virus ist ungefährlicher geworden, aber eben ansteckender.

Hatten Sie selbst Corona?

Ich hatte selbst einen positiven Test, aber mein CT-Wert war fast 40, das wäre also ohne die intensiveren Testmodelle im Krankenhausbetrieb gar nicht aufgefallen. Deshalb glaube ich, dass schon fast alle Corona hatten – viele eben unbemerkt.

Sollte man für die Planung der Corona-Maßnahmen im Herbst die ÄK stärker einbinden?

Das wäre für mich der wichtigste erste Schritt. Wir wollen als ÄK eine Beraterin der Politik sein. Wir sehen die medizinische Seite und die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem. Derzeit werden viele Modelle errechnet, was wichtig ist, aber zentral bleibt: Wir müssen die Kranken versorgen und sitzen daher an der Schlüsselstelle des Systems. Das Virus ist ungefährlicher geworden, aber eben ansteckender. Daher möchten wir den Draht zur Landespolitik wieder aufbauen und mit der Politik die bestmöglichen Lösungen suchen und umsetzen. Denn wir wollen dasselbe: ein Gesundheitssystem, das funktioniert.

Beim Thema Wochenend-Bereitschaftsdienste war dieser Dialog ja nicht gegeben, das Land wollte die Verpflichtung dazu, die ÄK nicht.

Hier war der Dialog nicht gegeben, daher sprechen nun die Gerichte. Wir müssen wieder zurück zu einem Dialog finden, denn ohne diesen kommen wir nicht zu einem funktionierenden Konsens.

Junge Leute wollen etwas lernen, sie müssen hier also attraktive Ausbildungsangebote finden. Und sie müssen gerne hierbleiben wollen, da spielt auch der Lohn eine Rolle.

Wie kann man den medizinischen Arbeitsplatz im Burgenland attraktiver machen, damit mehr junge Fachkräfte ins Land kommen?

Man kann hier bei mehreren Aspekten ansetzen. Eine gute Struktur ist wichtig, vor allem in Hinblick auf die Arbeitsbelastung. Junge Leute wollen etwas lernen, sie müssen hier also attraktive Ausbildungsangebote finden. Und sie müssen gerne hierbleiben wollen, da spielt auch der Lohn eine Rolle. Die Menschen sind mobiler geworden und vergleichen sehr genau die Angebote in den Nachbarbundesländern. Mit denen müssen wir mithalten.

Ist in Gehaltsfragen das Land oder die Gesundheitskasse entscheidend?

Kassenleistung und Krankenhaus sind unterschiedliche Töpfe, bei Letzterem ist das Land oder die Barmherzigen Brüder der Dienstgeber. Generell muss der ÖKG-Leistungskatalog dringend geändert werden, ärztliche Beratungsstunden werden nicht entsprechend honoriert, außerdem sind Wartezeiten vielerorts zu lang.

Wie ist Ihr Umgang mit der impfkritischen ÄK-Liste MFG, deren Mandatar Ihnen ja auch seine Stimme gegeben hat?

Der Kollege ist kein Hardliner, ist selbst geimpft. Kritisch gegen als bevormundend verstandene Maßnahmen zu sein, darüber kann man natürlich diskutieren, und ich diskutiere sehr gerne. Wir müssen auch kritische Argumente hören und ihnen sachlich begegnen, Meinungsvielfalt ist wichtig.

Und wie stehen Sie zur Impfpflicht?

Pflicht darf nur das letzte Mittel sein, ich setze eher auf Erklären und Angstnehmen. Wir haben mittlerweile ein großes Angebot: Medikamente, Antikörper, Impfung. Das müssen wir so vermitteln, dass die Leute eines davon annehmen.

Die ÄK soll kein bürokratischer Apparat sein, im Wahlkampf habe ich bemerkt, dass viele gar nicht wussten, was die ÄK tut.

Wann gibt es erste Gespräche mit der Landesregierung?

Bei meiner Angelobung (am vergangenen Dienstag, Anm.) hoffe ich, dass wir schon weitere Gesprächstermine vereinbaren können.

Was sind Ihre konkreten Ziele für diese Amtszeit?

Ich will als ÄK mehr in den Dialog treten mit Ärztinnen und Ärzten, wir wollen deren Probleme hören und Ansprechpartner sein. Die ÄK soll kein bürokratischer Apparat sein, im Wahlkampf habe ich bemerkt, dass viele gar nicht wussten, was die ÄK tut. Gerade junge Kolleginnen und Kollegen müssen wir intensiver begleiten, da müssen wir moderner werden.

Gibt es starke Unterschiede zwischen der jungen und der älteren Generation?

Ich bin die Generation in der Mitte, kenne das System vor mir und sehe jetzt die Veränderung. Wir können uns nicht dem Zeitgeist verschließen und automatisch sagen, das ist alles schlecht, die Jungen wollen nichts mehr arbeiten. Sonst werden wir nicht attraktiv und haben das Nachsehen gegenüber den Nachbarbundesländern oder Westösterreich, von wo uns auch der Nachwuchs abgeworben wird.

Wie stehen Sie zu den Landes-Stipendien für das Medizinstudium?

Ich finde jede Aktion gut, die dazu beiträgt, unsere burgenländischen Spitäler und Praxen zu einem attraktiveren Arbeitsplatz zu machen. Die Verpflichtung, nach dem finanziell unterstützten Studium im Burgenland arbeiten zu müssen, sehe ich problematisch. Ich verstehe, dass die Landesregierung das so macht, aber der Faktor Pflicht macht gleich alles unattraktiver. Heutzutage ist man mit 24 Jahren mit dem Medizinstudium fertig und mit 29 Jahren mit dieser fünfjährigen Verpflichtung, im Burgenland zu arbeiten. Mit 29 ist man aber immer noch sehr flexibel und mobil. Entscheidend bleibt also, dass wir junge Ärztinnen und Ärzte überzeugen, wieso sie bei uns bleiben sollen: Weil man hochwertige Medizin machen kann im Burgenland, viel lernen, gut verdienen und schön leben kann.

Verpflichtungen sind immer der falsche Weg; diese werden die Leute immer nur abschrecken.

Es fällt auf, dass unter den neuen Abteilungsleitern wenige aus dem Burgenland waren.

Das ist Ausdruck dieser neuen Mobilität am medizinischen Arbeitsmarkt. Bei uns in Eisenstadt kommen viele aus Wien, im Südburgenland aus Graz.

Bei den angesprochenen Verpflichtungen kommen unterschiedliche Signale: Einerseits könnten die verpflichtenden Wochenend-Bereitschaftsdienste fallen, andererseits wird über verpflichtende Kasse-Stunden für Privatordinationen diskutiert.

Verpflichtungen sind immer der falsche Weg; diese werden die Leute immer nur abschrecken. Mit Pflichten werden wir die Probleme im Gesundheitssystem nicht lösen, das kann nie die Antwort sein. Eine gewisse Pflicht gibt es in jedem Beruf, aber ich bin der Meinung, dass das Angebot passen muss, dann werden die Ärzte auch ihren Teil der Notwendigkeiten kennen und erfüllen. Ich hab mit vielen Kolleginnen und Kollegen aus dem niedergelassenen Bereich gesprochen: Es ist ja nicht so, dass diese die Wochenend-Dienste nicht machen wollen, die sehen das sehr wohl als ihre Aufgabe. Wir machen unsere Arbeit ja grundsätzlich gerne. Aber es braucht die Rahmenbedingungen, dass wir die Arbeit gerne machen können. Da bewirken Verpflichtungen eher das Gegenteil. Das ist auch ein Generationsthema. Die Zeit der Verpflichtungen ist einfach schon vorbei.

Was wollen Sie den Leserinnen und Lesern noch mitgeben?

Ich bin überzeugt, dass wir ein gutes System haben, das funktioniert und in dem wir gerne arbeiten. Das System muss jetzt für die nächsten 20 Jahre fit und attraktiv gemacht werden.