Eisenkopf und „16 Tage gegen Gewalt“: „Krise verschärft jedes Problem“

Erstellt am 01. Dezember 2022 | 05:33
Lesezeit: 5 Min
440_0008_8538516_bvz48mweisenkopf_interview3sp.jpg
„Es kann nicht nur Schönwetterpolitik geben.“ Landesvize Astrid Eisenkopf reagiert auch im Frauenreferat auf aktuelle Krisen und Herausforderungen.
Foto: Land Bgld.
Landeshauptmannstellvertreterin und Frauenreferentin Astrid Eisenkopf sprach mit der BVZ anlässlich der „16 Tage gegen Gewalt“ über Initiativen in Krisenzeiten.
Werbung

Die „16-Tage“-Kampagne weist speziell auf die Gewalt gegen Frauen hin. Was sind die größten Anliegen?

Astrid Eisenkopf: Es geht vor allem darum, das Thema Gewalt zu enttabuisieren und die Frauen darauf hinzuweisen, welche Beratungsleistungen angeboten werden. Informationsarbeit und die Leistungen der Frauenberatungsstellen und des Frauenhauses Burgenland sind natürlich das ganze Jahr über wichtig. Wünschenswert wäre, dass die Beratungsstellen eine abgesicherte Finanzierung von Bundesseite bekommen. Das Burgenland ist das einzige Bundesland, das in jedem Bezirk eine Frauen- und Mädchenberatungsstelle hat, wir haben das Budget immer wieder aufgestockt. Der Bund propagiert zwar die Erhöhung des Frauenbudgets, aber es braucht eine Basisfinanzierung, um Planbarkeit zu haben.

Im Fall der Corona-Krise sind die Zahlen in den Beratungsstellen nach einigen Monaten teilweise um 25 Prozent gestiegen. Und jetzt verschärfen finanzielle Probleme oder Themen wie Jobverlust die Stimmung.

Welche Auswirkung haben die aktuellen Krisen auf die Entwicklung von Gewalt?

Eisenkopf: Die Krisensituationen verschärfen das Problem generell. Im Fall der Corona-Krise sind die Zahlen in den Beratungsstellen nach einigen Monaten teilweise um 25 Prozent gestiegen. Und jetzt verschärfen finanzielle Probleme oder Themen wie Jobverlust die Stimmung. In den vergangenen Jahren ist auch das Thema sexualisierter Gewalt immer mehr in den Vordergrund geraten.

Wie gehen Sie in Ihrem Ressort nun an diese Fülle von Themen heran?

Eisenkopf: Seitens des Landes wurde im Vorjahr die Frauenstrategie erarbeitet, die ist bereits in Umsetzung; dazu ist jetzt ein eigener Aktionsplan gegen Gewalt in Ausarbeitung. Damit soll Gewalt in allen Facetten beleuchtet werden, das Problem betrifft auch die Pflege oder den schulischen Bereich. Zum einen werden die Institutionen, die jetzt schon sehr viel leisten, noch mehr vernetzt. Zum anderen spielt wieder die Bewusstseinsbildung eine große Rolle: In Krankenhäusern beispielsweise kommt das Personal als erstes mit Betroffenen von Gewalt in Kontakt; es gibt auch Schulungen für Führungskräfte, um Missstände rechtzeitig zu erkennen.

Und welche Schwerpunkte sind im Fall der Frauenstrategie bereits in Umsetzung?

Eisenkopf: Finanzbildung ist ein großes Thema. Bei den Befragungen zur Frauenstrategie hat sich gezeigt, dass sich viele Frauen mit dem Thema nicht genug auseinandersetzen. Das trifft auf alle Altersbereiche zu und führt dazu, dass man von Altersarmut betroffen sein kann. Es hängt auch damit zusammen, dass Frauen immer noch sehr lange in Teilzeit arbeiten. Beim Thema Lohn-Gleichstellung zeigt sich, dass der Gender-Pay-Gap im Burgenland bei rund 17 Prozent liegt und der Pension-Pay-Gap bei 40 Prozent. Pensionistinnen haben um 40 Prozent weniger Geld zur Verfügung, das ist vor allem auch auf die Teilzeitarbeit zurückzuführen.

Jeder Euro hilft – aber es sollte nicht ständig Einmalzahlungen geben, sondern die Menschen sollen von ihrer Erwerbstätigkeit gut leben können.

Wie kann man dieses bekannte Problem aufbrechen?

Eisenkopf: Neben der Informationsarbeit fordern wir ein, dass man sich seitens der Bundesregierung neue Karenzmodelle überlegt, dass Anreize für die Väterkarenz geschaffen werden. Natürlich sollte jede Familie die Entscheidung selbst treffen, aber durchaus im Bewusstsein, was das für die Zukunft und für den Job bedeutet. Und was die Bezahlung angeht, ist der Mindestlohn des Landes, der mittlerweile 1.820 Euro beträgt, aus meiner Sicht nach wie vor ein Meilenstein. Künftig sollten soziale Berufe generell besser bezahlt werden, es sollten auch mehr Männer in den Sparten arbeiten. Zugleich gibt es viele Initiativen, um Frauen für technische Berufe zu begeistern.

Stichwort Finanzen: Welchen Effekt haben die Teuerungen auf die bestehenden Problemfelder?

Eisenkopf: Wir haben den Klima- und Sozialfonds und Anti-Teuerungsbonus eingerichtet und den Heizkostenbonus erhöht – da hat man festgestellt, dass im Burgenland fast 30.000 Haushalte Anspruch haben. Das ist ein sehr großer Anteil. Mittlerweile wurden mehr als vier Millionen Euro ausbezahlt. Jeder Euro hilft – aber es sollte nicht ständig Einmalzahlungen geben, sondern die Menschen sollen von ihrer Erwerbstätigkeit gut leben können.

Die Teuerung schlägt trotzdem auf allen Ebenen zu …

Eisenkopf: Die Inflation liegt bei fast elf Prozent, das war zum letzten Mal vor 70 Jahren der Fall. Man hat aus meiner Sicht verabsäumt, die Gehälter entsprechend anzupassen, während sich die Lebenskosten um ein Vielfaches erhöht haben. Und Situationen wie die heutige sollten wieder vor Augen führen, dass vieles falsch gelaufen ist; dass die Reichen immer reicher werden und zugleich die Mittelschicht anfängt wegzubrechen. Man muss also wirklich einmal anfangen, eine Vermögenssteuer zu diskutieren und sich dazu durchzuringen.

Die vergangenen Jahre waren auch für die Politik eine Herausforderung. Wie geht es Ihnen persönlich damit?

Eisenkopf: Wir haben in den vergangenen drei Jahren immer wieder Situationen erlebt, die sich davor niemand vorstellen hätte können. Aber dafür sind wir Politikerinnen und Politiker auch da, es kann ja nicht nur Schönwetterpolitik geben. Man hat Verantwortung zu tragen und wächst mit den Aufgaben.