Drei burgenländische Gemeinden als Extrembeispiele. Heiligenbrunn im Südburgenland verlor die meisten Einwohner in den letzten 15 Jahren, Parndorf hingegen explodierte. In der Mitte steht Leithaprodersdorf. Was unterscheidet diese Gemeinden? Die BVZ hat sich mit den Bürgermeistern unterhalten.

Von Wolfgang Millendorfer und Markus Wagentristl. Erstellt am 19. November 2018 (17:20)
 

Neue Zahlen der Rechercheplattform Addendum (mit der wir schon zum Thema Begräbniskosten zusammengearbeitet haben) ergeben ein zwiespältiges Bild: Während es vor allem junge Menschen im Südburgenland ins Ballungszentrum Oberwart oder gleich ganz wegziehen, explodieren die nordburgenländischen Gemeinden förmlich. Wir haben uns drei Gemeinden, die vor einer völlig unterschiedlichen Situation stehen, angesehen.

Parndorf: 39% mehr Einwohner seit 2003

zVg
Parndorfs Bürgermeister Wolfgang Kovacs steht vor einem der vielen Bauprojekte seiner Heimatgemeinde. Deren extremes Wachstum will er bremsen.

Parndorf wächst um bis zu 120 Einwohner pro Jahr und damit am drittmeisten im ganzen Burgenland (alle Gemeinde-Daten in der aktuellen BVZ). Vor allem Jungfamilien zieht es in die 5.000-Seelen-Gemeinde mit ihren attraktiven Verkehrsanbindungen und einzigartigen Einkaufsmöglichkeiten. Die Bautätigkeit im Dorf scheint kein Ende zu nehmen.

„Es mehren sich die kritischen Stimmen, dass schon ein bisschen Lebensqualität verloren gegangen ist. Die Stille des Dorfes gibt es bei uns nicht mehr.“ (Bürgermeister Wolfgang Kovacs)

Um das eigene Wachstum einzudämmen, werden schon seit zehn Jahren keine neuen Bauflächen mehr gewidmet, dennoch gehen Prognosen davon aus, dass Parndorf in zehn Jahren 6.500 bis 7.000 Einwohner haben wird. „Wir bremsen, aber wir haben einen langen Bremsweg“, lautet der Befund des Ortschefs.

Heiligenbrunn: 18% weniger Einwohner


Lexi/BVZ
Johann Trinkl versucht der Jugend seiner Gemeinde Heiligenbrunn etwas zu bieten um den Bevölkerungsrückgang und die Überalterung zu stoppen.

Bürgermeister Johann Trinkl hat eine Altersbefragung in seiner 759-Seelen-Gemeinde gemacht: Über 120 Einwohner sind über 80 Jahre alt, es gibt wesentlich mehr Sterbefälle als Geburten. 2003 hatte die Gemeinde aus dem Bezirk Güssing noch fast 1.000 Einwohner und ist damit die am stärksten schrumpfende Gemeinde des Landes. "Jugendliche haben nur bis zur Matura die Möglichkeit hier zu leben, es gibt keine Jobs, Überalterung und weite Wege zu Schulen, Städten und Geschäften", seufzt Trinkl. Aber er gibt nicht auf: Bei der nächsten Gemeinderatssitzung soll eine Wohnbauförderung beschlossen werden, 16 Wohnungen in der ganzen Gemeinde entstehen. Die Hoffnung liegt auch auf Infrastrukturprojekten:

"Die S7 hätten schon vor 20 Jahren gebaut werden sollen!" (Bürgermeister Johann Trinkl) 

Derzeit ist Heiligenbrunn eine reine Tourismusgemeinde mit vielen Zweitwohnsitz-Bürgern. Immer mehr kommen aus Tirol und Vorarlberg. Diese schätzen die Ruhe denn, so Trinkl, "die Baugründe im Westen werden ja auch immer teuerer." 

 

Leithaprodersdorf: Funktionierendes Dorfleben statt Massenzuzug (+1%)

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Leithaprodersdorfs Ortschef Martin Radatz liegt das Gemeindeleben besonders am Herzen. Er versucht den Zuzug auf Menschen mit Ortsbezug zu beschränken und diese ins Gemeindeleben zu integrieren. Einige Nachbargemeinden wollen seinem Beispiel nun folgen.

 Wöchentlich klingelt bei Martin Radatz das Telefon. Aber der Bürgermeister der nordburgenländischen 1.200-Einwohner-Gemeinde steht zu seinem Wort, das er den Leithprodersdorfern gegeben hat: Neue Parzellen, derzeit ca. 100, werden nur an Leute mit Ortsbezug, die selber noch kein Haus haben, verkauft. 30 sind bereits weg. Die Zuzügler 

"Mehr Zuzug bedeutet auch mehr Kosten für die Gemeinde." (Bürgermeister Martin Radatz)

In den Nachbarorten sieht Radatz, dass hier bald einmal der Kindergarten oder die Schule oder die Kläranlage zu klein werden und teuer aufgestockt werden müssen. Und für das Dorfleben ist es auch schlecht.

„Wir schauen, dass alle Zuzügler gleich ins Dorfleben, in die Vereine integriert werden. Es ist unglaublich, wie gut das funktioniert.“ (Radatz)

Beim Fest vom Sportverein helfen alle mit, beim Dirndlfest waren 1.400 Leute da. Beim Feuerwehrfest wird alles in ehrenamtlicher Arbeit gemacht, während es in den Nachbarorten entweder gar keine Vereine mehr gibt, oder diese beim Fest die Mitarbeiter bezahlen müssen.