Eisenstadt

Erstellt am 19. Dezember 2018, 00:43

von Markus Stefanitsch

Bischof Zsifkovics: „Den Weg gemeinsam gehen". Bischof Ägidius Zsifkovics spricht im großen BVZ-Jahresinterview über die Zukunft der Kirche sowie seine persönliche Zukunft und spendet den BVZ-Lesern per Videobotschaft den Weihnachtssegen.

Millendorfer, BVZ

BVZ: In Eisenstadt fand im November eine große Jugendmesse statt. Erkennen Sie einen Trend, dass sich wieder mehr Jugendliche der Kirche zuwenden?
Bischof Ägidius Zsifkovics: Die Jugendmesse war wirklich ein großes Event für uns und man spürt schon, dass das Interesse der Jugend für Religion wieder da ist. Es ist jetzt an uns, das aufzufangen und zu kanalisieren.

Die Diözese feiert im Jahr 2020 ihr 60-jähriges Jubiläum. Welche wichtigen Projekte möchten Sie bis dahin noch gerne umsetzen?
Zsifkovics: Am Pfingstmontag 2020 soll in Eisenstadt ein großes diözesanes Fest fürs Burgenland veranstaltet werden. Nicht mit der Absicht, dass Leute hierher kommen und fromme Dinge tun müssen, sondern um den Menschen des Landes auch Danke zu sagen. Es wird weitere große Projekte geben. Wir wollen das neue Diözesanhaus als Bürohaus am Domplatz adaptieren, um auch nach außen zu zeigen, wo die Diözese zuhause ist und wo die Mitarbeiter adäquate Arbeitsbedingungen haben.

Wie steht die Diözese heute im Vergleich zu vor 60 Jahren da?
Zsifkovics: Unsere Diözese stand an der Wiege einer sehr schwierigen Situation, mit dem Umbruch in der Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg. Aus dem Nichts sollte aus zwei alten ungarischen Diözesen eine neue Einheit entstehen. Das war eine schwere Aufbauarbeit, aber der liebe Gott hat uns da immer die richtigen Personen geschickt, mit Bischof László als Baumeister der Diözese. Bischof Iby hat weitergearbeitet und jetzt darf ich hier  die nächsten Schritte setzen, auch in einer schwierigen Zeit für Europa.

Sie sind von Anfang an sehr offen an Themen herangegangen und haben vieles neu strukturiert. Ein besonderes Projekt waren die Seelsorgeräume. Wie läuft aus Ihrer Sicht die neue Organisation?
Zsifkovics: Wir sind auf dem Weg, diese neuen pastoralen Räume auch in die Tat umzusetzen. Das soll in den kommenden zehn Jahren passieren. Die Arbeit läuft gut. Schlussendlich sollte es so sein, dass keine Pfarre oder kein Dekanat aufgelöst wird, sondern es sollen neue, regionale Seelsorge-Einheiten geschaffen werden. Natürlich sind die Menschen unterschiedlich und an der Akzeptanz muss noch gearbeitet werden, aber wo die Räume umgesetzt wurden, sehen die Leute auch die Sinnhaftigkeit darin.

Damit einher geht auch ein wenig der Priestermangel. Sehen Sie hier in nächster Zeit Hoffnung?
Zsifkovics: Der Priestermangel ist für uns eine große Herausforderung. Im Burgenland haben wir zurzeit sechs Seminaristen. Wenn ich das mit meiner Zeit vergleiche – da waren wir 35. Die Kunst des Bischofs ist es, die Talente und Charismen, die wir haben, auch richtig zu verteilen und so in der Diözese wirklich eine gute, pastorale Arbeit leisten zu können. Es ist für uns sicher dringend notwendig, auch um neue Priester und Ordensberufe zu werben. Es ist ja nicht nur ein Berufsproblem, aus früheren großen Familien mit vielen Kindern wurde vielleicht einer Priester. Das fällt heute aufgrund der Strukturen weg.

Ein sehr sensibles Thema ist Missbrauch. Sie haben sich erst wieder für null Toleranz ausgesprochen. Wie sehen Sie hier die Aufarbeitung der Kirche?
Zsifkovics: Es gibt Kommissionen, die dafür eingerichtet worden sind, die arbeiten auch gut. Ich muss für uns diözesan sagen, dass wir Gott sei Dank mit sehr wenigen Fällen konfrontiert sind. Und diese liegen fast ausschließlich in vergangenen Jahrzehnten. Aber wir sind voll und ganz dafür, die Dinge aufzuarbeiten und aufzuklären, weil das auch eine Frage der Prävention ist. Wir wollen in die Prävention sehr stark investieren und arbeiten hier mit Seelsorgern und Religionslehrern. Ich bin guter Dinge, dass ein gutes Klima in der Diözese herrscht, wo alle wissen, dass dies ein sehr sensibles Thema ist. Da muss es null Toleranz geben, weil wir auch einen sehr
hohen moralischen Anspruch stellen. Dem müssen wir gerecht werden.

Als europäischer „Flüchtlingsbischof“ haben Sie sehr viel an Aufarbeitung in Europa betrieben. Wie sehen Sie die Situation derzeit? Kann es Szenen wie im Jahr 2015 noch einmal geben?

Millendorfer, BVZ

Zsifkovics: Ich glaube, die Situation von 2015 wird sich in dieser Masse und Form nicht so rasch wiederholen. Aber ich glaube, wir sollten sehr vorsichtig sein, da es so etwas wie ein „schleichendes Migrieren“ gibt und doch sehr viele Menschen nach Europa kommen. Deshalb mein Appell: Wir müssen dies sinnvoll lösen. Es wird sonst sehr schwer sein, für einzelne Staaten gute Maßnahmen zu setzen, wenn diese Welle – und ich bin überzeugt, sie steht auch vor unseren Türen – kommt. Da sind wir alle gefordert, die Politik, aber auch die Kirche.

Man darf es zwar nicht vermischen – aber trotzdem ist damit eine gewisse Krise mit dem Islam verbunden. Sehen Sie den Islam als „Bedrohung“ in Österreich?
Zsifkovics: Natürlich ist bei vielen Menschen die Angst vor dem Islam vorhanden. Wie wir alle wissen, ist die Angst nie ein guter Ratgeber gewesen und daher habe ich viel mehr Angst vor Menschen, die ihren eigenen Glauben nicht kennen, die ihre eigene christliche Identität nicht wahrnehmen. Wenn wir mit Vernunft vorgehen, können wir zeigen, dass man keine Angst haben muss, seine eigene Identität zu leben. Alle Mitbürger, egal welchen Glaubens, sind eingeladen, an unserer Gesellschaft zu partizipieren und sich zu integrieren. Sie müssen nicht ihre eigenen Bräuche und den Glauben aufgeben, aber sie sollen sich positiv in die Gesellschaft einbringen und mit uns gemeinsam den Weg gehen.

Wo soll mit der Vermittlung christlicher Werte begonnen werden?
Zsifkovics: Das muss in der Familie beginnen. Und natürlich über die Schule und Institutionen. Das wird im Bildungsbereich dringend notwendig sein. Wir sollten wirklich auf den christlichen Wert setzen, auf den Europa gegründet ist, und es in die Gesamtbildung inte-grieren. Sonst ziehen wir eigentlich nur Fachidioten heran. Das Religiöse gehört einfach dazu.

Ist das in der Schule in den letzten Jahren verloren gegangen?
Zsifkovics: Es wurden Abstriche gemacht und die Religion als „Privatsache“ teilweise in eine Ecke gestellt. Wenn man diesen Weg so weiterverfolgt, wird es noch mehr zur Destabilisierung kommen.

Eine Herzensangelegenheit ist die internationale Vereinigung der Burgenlandkroaten, die von Ihnen initiiert wurde. Wie wichtig sind grenzüberschreitenden Kooperationen für die Volksgruppen?
Zsifkovics: Wir reden alle viel vom europäischen Gedanken und ich habe mir als kleiner Bischof – mit einer Größe von 1,90 – gedacht, was man beitragen kann. Durch die Grenzziehung wurden die Volksgruppen auf drei Staaten und vier Diözesen aufgeteilt und da sehe ich es als Auftrag, meinen Beitrag zum europäischen Gedanken zu leisten. Wenn das im kleinen Bereich gelingt, glaube ich, dass es im Großen auch gelingen kann.

Das ist also auch eine Stärkung der gesamten Volksgruppen-Identität, sozusagen über die Volksfeste und Tamburizza hinaus?
Zsifkovics: Ich würde es genau so sagen. Mir geht’s um die Volksgruppe, dass sie zusammengeführt und mit dem Mutterland und auch Europa verbunden wird. Und dass wir endlich das ablegen, dass es genüge, beim Lagerfeuer Tamburizza zu spielen. Das ist gut, aber zu wenig, um eine Volksgruppe zu erhalten und ein neues Ziel zu geben.

Auch wenn Sie Tagespolitik nicht kommentieren – ein kurzes Statement, wie Sie die politische Führung im Land sehen, auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit?
Zsifkovics: Ich habe eine gute Zusammenarbeit zwischen Kirche und der Landespolitik übernommen und führe sie auch weiter. Da möchte ich dem Landeshauptmann meinen Dank aussprechen, dass wir immer ein korrektes, vertrauensvolles Miteinander gepflogen haben. Ich habe gute Hoffnung, dass dieser gute gemeinsame Weg auch mit der neuen Führung von Landesrat Doskozil weitergeht. Wir haben schon in der Flüchtlingskrise 2015, als er noch Polizeichef war, eng zusammengearbeitet.

Ein wichtiger Punkt für Sie ist die Ökumene und ein bedeutendes Projekt ist das Orthodoxe Kloster in St. Andrä. Wie ist hier aus Ihrer Sicht der aktuelle Stand?
Zsifkovics: Wie der kroatische Verein nicht nur eine burgenländische, sondern europäische Dimension hat, so glaube ich, hat dies ebenfalls eine interkonfessionelle Dimension. Ich bin sehr froh, dass das erste „Weihnachtswunder“ geschehen ist und alle Genehmigungen da sind und nun mit der Umsetzung begonnen werden kann. Ich hoffe, dass auch ein zweites „Weihnachtswunder“ geschieht, und es bei der Finanzierung viele gibt, die dies unterstützen und den historischen und ökumenischen Wert erkennen.

Ihr Name taucht immer wieder im Rahmen von Personalspekulationen auf – in der Kardinalsfrage, in Kroatien oder höheren Ämtern im Vatikan. Wie sieht Ihr persönlicher Plan mit Gott aus?
Zsifkovics: Ob als Pfarrer oder Bischof, dort wo ich gewirkt habe, bin ich immer gern gewesen. Und ich denke, der liebe Gott hat eine bessere Fantasie und wird Seines dann wohl beitragen, was immer von uns Menschen spekuliert wird.

Ehrt es einen trotzdem, wenn so etwas spekuliert wird?
Zsifkovics: Man weiß nicht, wie man’s nehmen soll. Gott sei Dank lasse ich solche Dinge nicht an mich heran. Es schmeichelt vielleicht und wäre ich älter, würde mir es sogar gefallen.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Gab es Phasen, wo Sie den Wunsch nach einem weltlichen Leben samt Familie gehabt haben?
Zsifkovics: Das war vielleicht die Zeit, bevor ich mich entschieden habe, Priester zu werden. Ich wollte ja auch Polizist werden, aber es hat sich herauskristallisiert, dass ich die Lebensform als Priester bewusst gewählt habe und seither nie gröbere Zweifel gekommen sind.

Interview: Markus Stefanitsch