Raiffeisen-Generaldirektor Könighofer im Gespräch. Raiffeisen-Generaldirektor Rudolf Könighofer spricht im BVZ-Interview über den ureigenen Ungehorsam der Burgenländer und die Pleite eines ganz speziellen Burgenländers.

Von Markus Stefanitsch und Markus Wagentristl. Erstellt am 05. März 2021 (05:55)
Generaldirektor Rudolf Könighofer.
Wagentristl

Die Wirtschaft leidet in der Krise. Wie geht es einer Bank, wenn keiner die Schulden zurückzahlt?
Dr. Rudolf Könighofer: Uns geht es gut, noch gut. Wir haben 130.000 Kunden, das ist in einem Land mit 290.000 Einwohnern eine gute Basis, in der wir auch stabil sind. Aber Banken bekommen immer mit einer gewissen Verzögerung das Wohlbefinden der Kunden mit. Es wird darauf ankommen, wie schnell die Wirtschaft anspringt und der Lockdown beendet wird – je früher desto besser.

Droht uns eine Pleitewelle?
Könighofer: Das wird sicher so sein. Wer sich in Zeiten der Konjunktur gerade noch hält, der wird beim ersten Gegenwind umfallen. Und derzeit haben wir nicht nur Gegenwind, sondern einen Sturm. Wir hatten außerdem in der Krise weniger Insolvenzen, als in den boomenden Vorjahren. Wir schieben eine Bugwelle vor uns her. Dabei könnte der Tourismus im Burgenland der Gewinner sein, da Auslandsreisen noch zu unsicher sind. Hier bieten unsere Hotels und Thermen ein ideales Alternativprogramm. Gleichzeitig bietet sich ein Umbau der Wirtschaft in Richtung Digitalisierung und Ökologisierung an. Es ist alles angerichtet, damit wir wieder 10 gute Jahre haben.

Das klingt doch optimistisch.
Könighofer: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Es ist ja auch die Funktion einer Bank, ihren Kunden Mut zu machen. Wir rechnen mit einer Öffnung im Sommer, es wäre aber schon Ostern sehr wichtig – für die Betriebe wie die Bevölkerung.

Ihr Wunsch für den Umgang der Bevölkerung mit der Coronakrise?
Könighofer:  Mit einer Kombination aus Zuversicht, aber auch Selbstverantwortung, muss uns der Staat nicht gängeln. Je mehr man den Menschen vorschreibt, desto weniger halten die sich dran. Der gelernte Österreicher ist formal obrigkeitshörig, tut aber, was er will. Der Ungehorsam hat sich immer noch seinen Weg gesucht.

Was bleibt von der Coronakrise?
Könighofer:  Wir erleben einen Digitalisierungsschub, dieser wird bleiben, ebenso wie Home Office. Kundengespräche sind zwar nie durch Videotelefonate ersetzbar, aber es gibt Berufszweige, die sind sehr gut von zu Hause aus erledigbar, wie administrative Tätigkeiten.

Kann das sogar das Aus für die Bankfilialen bedeuten?
Könighofer: Die immer größer werdende Mehrheit der Kunden sind Hybridkunden, nutzen also sowohl Filiale als auch die App. Wir haben immer noch fast 100 Bankstellen, das ist fast doppelt so viel, wie alle anderen Banken im Burgenland gemeinsam. Senioren oder Kunden mit Beratungsterminen gehen immer noch gerne in die Bankstelle, aber wenn Kunden diese nicht mehr nutzen, müssen wir reagieren und diese zusperren. Generell setzen wir auf eine Beziehung zwischen Kunde und Bankberater auf allen Kanälen.

Was sind derzeit die gefragtesten Anlageformen?
Könighofer: Das Lieblingsbuch der Österreicher, das Sparbuch, ist momentan unattraktiv. Aktien sind attraktiv, haben aber schon sehr hohe Stände. „Betongold“ (Grund, Anlagewohnungen, Immobilien) ist nach wie vor sehr gefragt. Hohe Renditen gibt es aber nirgends.

Apropos Pleite: Raiffeisen musste ja bei der Einlagensicherung bei der Commerzialbank-Pleite kräftig mitzahlen.
Könighofer: Die Geschichte beginnt in den Neunzigern, als Martin Pucher als Geschäftsführer einer kleinen Raiffeisenbank nicht klein bleiben und in den Geschäftsbereich einer anderen Raiffeisenbank vordringen wollte. Das geht bei Raiffeisen nicht. Er hat dann unsere Revision nicht mehr in die Bank gelassen. Da seine Funktionäre ihn als Geschäftsführer nicht abberufen haben, musste der Raiffeisensektor reagieren und ihn vom System Raiffeisen, dem Revisionsverband, ausschließen. Seitdem ist das eine eigenständige Bank im Eigentum einer Genossenschaft – nicht nach dem Prinzip Raiffeisen, sondern als eine Holding. Das Geschäftsmodell war eines, wo jedem, der die Grundrechnungsarten beherrscht, klar sein musste: Das geht sich nicht aus. Hohe Zinsen aufs Sparbuch und günstige Kredite – das geht einfach nicht.

Aber wie kann das 30 Jahre lang gut gehen?
Könighofer: Das frage ich mich auch. Für mich ist es unmöglich, das nicht zu entdecken. Ich kenne das Meldewesen einer Bank und weiß, dass Nationalbank und Finanzmarktaufsicht FMA die gesamte Bank offen vor sich liegen haben. Alle Positionen! Das muss ja hier auch der Fall gewesen sein. Vielleicht war die Bank zu klein und unter dem Radar, oder die Aktiv-Seite nicht kreditlastig genug.

Ist aus Ihrer Sicht klar, dass die Republik haften muss?
Könighofer: Das ist eine rechtspolitische Frage. Es gilt seit dem Römischen Recht: Wer fahrlässig oder vorsätzlich andere schädigt, muss Schadenersatz leisten. Nur die Bankenaufsicht haftet nicht. Die Einlagensicherung zahlt ja nicht der Staat, sondern die Banken. Also eine Teilsumme, die uns mit fragwürder Geschäftspraktik abgezogen wurde, sollen wir jetzt zahlen. Es ist schon kühn zu sagen: Das passt schon so.

Wie sehen Sie die Rolle der Bank-Prüfer der Firma TPA?
Könighofer: Erstens ist es bemerkenswert, dass 30 Jahre der gleiche Prüfer war und zweitens: TPA ist kein typischer Bankenprüfer. Die TPA hat eine Bank, die Commerzialbank und ein Unternehmen mit teilweiser Banklizenz geprüft – und das war eine Wirecard-Tochter. Das war natürlich ein Portfolio, das 2020 der Super-GAU war. Und: Normal wechselt der Prüfer alle drei bis vier Jahre, auch auf Drängen der FMA.

Wie sehen Sie die Tendenzen in der Landespolitik? Es heißt ja wieder: „Mehr Staat als privat“.
Könighofer: Ein wirtschaftsliberaler Banker wird damit nicht einverstanden sein, aber meine Aufgabe ist es, diese Bank im Rahmen der Gesetze zu führen. Und diese macht eine Regierung, die vom Wähler mit einer absoluten Mehrheit ausgestattet wurde. Das höhere Gut ist die Demokratie, die nächste Bewertung wird die Wahl sein.

Im Burgenland wird sehr viel gebaut – wie können sich junge Menschen das heutzutage noch leisten? Ist familiär so viel Geld da oder lebt man auf Kredit?

Im Burgenland wird viel gebaut und das ist auch eine wichtige Stütze unserer Konjunktur. Grundsätzlich sind Wohnkosten steigend, im Burgenland gibt es aber immer noch eine rege Bautätigkeit durch den Gemeinnützigen Wohnbau mit durchaus leistbaren Wohnungen. Da gibt es auch noch Reserven der Eltern- und Großelterngeneration. Die Grundstückpreise sind auch Großteils noch leistbar, wobei uns im Speckgürtel von Neusiedl und Eisenstadt die Preise davonlaufen. Aber, sogar wenn man diese Preise mit denen im Wiener Umland vergleicht, glauben manche, dass da eine Null hinten fehlt.

Wie lange geht das paradoxe System noch gut, dass man fürs Sparen zahlen muss und für den Kredit fast schon Geld bekommt?

Der Preis fürs Kapital sind die Zinsen. Derzeit haben wir eine Umkehr, die nicht natürlich ist. Das hängt mit der Geldpolitik der Zentralbanken zusammen. Weniger Zins als Inflation bedeutet mit der Zeit weniger Kaufkraft – das ist eine langsame Enteignung der Sparer. Dennoch steigt die Sparquote, denn es ist wie bei jeder Entwicklung: Wenn sie langsam eintritt, wird sie oft gar nicht wahrgenommen.

Das ist derzeit gut für Staaten.

Entschuldung war, Schulden sind angesagt. Das ist grundsätzlich auch richtig. Wenn der Staat jetzt auch noch spart, ruiniert er die Wirtschaft gänzlich. Also das keynesianische Deficit Spending ist gut in der Krise, man darf dann nur nicht vergessen, die Schulden wieder zurückzuzahlen, wenn es der Wirtschaft gut geht. Das hat Österreich in den letzten 10 Jahren zum Glück gemacht. Da macht die Politik alles richtig.

Also die Maßnahmen dahingehend machen Ihnen keine Sorgen?

Ich würde mir Sorgen machen, wenn die Staatsnachfrage jetzt auch noch nachlässt. Das würde die Abwärtsspirale nur noch mehr verstärken.

Viele sorgen sich um den Verlust des Bargelds. Ist die Sorge berechtigt?

Die Sorge ist eine natürliche Entwicklung der Digitalisierung. Bargeld ist in erster Linie Papier, das ein Zahlungsversprechen ist. In einem liberalen Wirtschaftssystem muss ein Grundbestand an Bargeld möglich sein. Die Möglichkeit, sich anonym etwas anzuschaffen, ist wichtig. Natürlich wird Kriminelles meist auch mit Bargeld verbunden. Aber generell ist Bargeld eine Errungenschaft, eine Kulturleistung der Menschheit, die man nicht ganz streichen darf.

Verlagert sich die Finanzierung von Kriminellem nicht auch ins Digitale?

Im Darknet sind Kryptowährungen das zentrale Zahlungsmittel. Diese Entwicklung ist schwer abzuschätzen. Aber: Ein sicheres Zahlungsversprechen sind Krypto-Coins nicht. Ein Zahlungsversprechen von Privaten, die ich gar nicht kenne und die abhängig sind von Servern – vielleicht bin ich da altmodisch, aber da ist mir ein Versprechen von einer guten, alten Zentralbank oder von Staaten lieber. Obwohl auch Staaten alle 80 Jahre im Durchschnitt pleite gehen. Das haben wir nur in den letzten Generationen nicht mehr erlebt.