Wettbewerbsbehörde will Kilometerregelung streichen. Die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) legt dem Gesundheitssektor den Finger in die Wunde. Nach einer Branchenuntersuchung zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum kommt die Behörde zum Ergebnis, dass Wettbewerb, etwa bei Hausapotheken, im Kampf gegen den Hausärztemangel am Land helfen kann.

Von Redaktion APA. Erstellt am 17. Oktober 2019 (12:37)
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Ob ein Arzt ein Rezept auch gleich in seiner eigenen Hausapotheke einlösen kann, hängt von der Entfernung zur nächsten Apotheke ab.

"Wir haben gesehen, dass es am Land in Zukunft durch den Ärztemangel ein großes Problem geben wird", so Thanner. "Man muss in Wahrheit den Beruf Landarzt attraktiver machen." Ein wesentlicher Punkt betrifft die Apotheken.

"Wir haben gesehen, dass künstliche Monopole bei Apotheken die Gesundheitsversorgung stören", sagte der Behördenleiter mit Blick auf eine Kilometerregelung zu Mindestentfernungen im Apothekengesetz. Diese habe in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass von Kassenärzten im ländlichen Raum betriebene Hausapotheken verschwanden.

Ärztemangel dürfte sich weiter verschärfen

Die BWB erwartet, dass sich der Ärztemangel im nächsten Jahrzehnt verschärft. Von den rund 3.900 Allgemeinmedizinern werden in den nächsten zehn Jahren über 2.000 das Pensionsantrittsalter von 65 Jahren erreichen.

Schon in den letzten Jahren seien vermehrt Anzeichen für eine partielle Verschlechterung der medizinischen Grundversorgung in ländlichen Regionen aufgetreten, so sei es schwer geworden, frei werdende Kassenplanstellen nachzubesetzen, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht. Im zweiten Quartal 2019 seien 94 Allgemeinmedizinerstellen und 59 Facharztstellen unbesetzt gewesen.

Für Liberalisierung bei Apotheken

Die Wettbewerbsbehörde schlägt vor, den Apothekenmarkt zu liberalisieren, um Hausarztordinationen am Land attraktiver - und damit lukrativer - zu machen. Dabei stelle die ärztliche Hausapotheke "aus wettbewerblichen Gesichtspunkten ein entscheidendes Instrument" dar.

Diese könnten "insbesondere im ländlichen Raum einen entscheidenden Beitrag zu einer möglichst flächendeckenden Gesundheitsversorgung der Bevölkerung leisten". Derzeit dürfen praktische Kassenärzte nur dann eine Hausapotheke betreiben, wenn es im Umkreis von vier bzw. sechs Straßenkilometern keine öffentliche Apotheke gibt.

Eröffnet eine Apotheke in diesem Gebiet, muss der Hausarzt seine Apotheke binnen drei Jahren schließen. Die BWB fordert die ersatzlose Streichung dieser gesetzlichen Mindestentfernungen.

BWB: Öffentliche Apotheken verdrängen Hausapotheken

Insgesamt gibt es in Österreich derzeit 1.438 von Apothekern geführte Apotheken, davon 29 Filialapotheken und 37 Krankenhausapotheken ohne angeschlossene öffentliche Apotheken. Demgegenüber gibt es 794 von Kassenärzten geführte Hausapotheken. In Gemeinden bis 5.000 Einwohnern erfolgt die Medikamentenversorgung überwiegend durch Hausapotheken.

In Gemeinden mit bis zu 1.000 Einwohnern betreiben 74 Prozent der Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag eine Hausapotheke, in Gemeinden von 1.000 bis 5.000 Einwohnern sind es 44 Prozent. 38 Prozent der österreichischen Gemeinden verfügen weder über eine Apotheke noch eine Hausapotheke. Rund 26 Prozent der Gemeinden verfügen über keinen Kassenarzt.

Wie die BWB ermittelte, kam es im Zeitraum von 2009 bis 2018 in Österreich zur Eröffnung von 155 öffentlichen Apotheken und zur Schließung von drei öffentlichen Apotheken. Gerade in Gemeinden mit 1.000 bis 5.000 Einwohnern kam es durch die Neueröffnung öffentlicher Apotheken zu einer Verdrängung bestehender Hausapotheken.

Insgesamt hatte die Eröffnung von 37 öffentlichen Apotheken die regulatorisch bedingte Schließung von 62 Hausapotheken zur Folge. Insbesondere die Steiermark und Oberösterreich seien von der Schließung von Hausapotheken betroffen gewesen, so der Bericht.

Sorgt Wettbewerb im Gesundheitsmarkt für mehr Qualität?

Für jeden zehnten Österreicher ist die nächste Apotheke mehr als 8,9 Straßenkilometer entfernt. Insbesondere im ländlichen Raum sei es aus wettbewerblichem Verständnis nicht nachvollziehbar, warum ein Patient mit diagnostizierter Krankheit von einem behandelnden Allgemeinmediziner noch mehrere Kilometer bis zur nächsten öffentlichen Apotheke für die Ausgabe von notwendigen, verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zurücklegen muss, kritisieren Wettbewerbshüter.

Die BWB analysiert seit 2017 den österreichischen Gesundheitsmarkt. Ziel der Behörde ist es, mögliche Wettbewerbsverfälschungen zu identifizieren und Liberalisierungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die den Unternehmen mehr Handlungsspielraum verschaffen und den Konsumenten Vorteile bringen sollen. Laut BWB zeigen Studien, dass ein gewisses Maß an Wettbewerb auch im Gesundheitsmarkt zu einer besseren Versorgung und einer verbesserten Qualität von Produkten und Dienstleistungen führen kann.