Justizanstalt Eisenstadt: "Auch ein Ort zum Lachen"

Die BVZ sprach mit dem Leiter der Justizanstalt Eisenstadt über den Alltag hinter Gittern.

Erstellt am 01. Oktober 2021 | 05:50
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Foto: BVZ

Als das Eisenstädter Justizzentrum 1968 gebaut wurde, war Hofrat Harald Lipphart-Kirchmeir gerade mal ein Jahr alt. Der Weg des Wr. Neustädters in den Chefsessel des Gefängnisses, sollte aber alles andere als ein leichter und direkter sein: Internat, Probleme in der Schule, Abbruch, Lehre, mühevoller zweiter Bildungsweg, Elektrotechniker, dann Jusitzwachschule, erste Eindrücke in österreichischen Justizanstalten und bei Nacht Jus-Student. „Ich habe mich gegen den Willen meiner Frau beworben“, lacht Lipphart-Kirchmeir heute.

Er hat gut lachen: 2019 machte ihn der damalige Justizminister der Expertenregierung, Clemens Jabloner, zum Leiter der Justizanstalt Eisenstadt. „Der hätte meiner Meinung nach ruhig länger Justizminister bleiben können“, plauderte der 54-Jährige bei Peter Menasses Gesprächsreihe „Menassetreff“ in der vergangenen Woche aus dem Nähkästchen. Dass er sich dabei (wie auch auf Twitter) kein Blatt vor den Mund nehme, sei untypisch für sein Berufsfeld. Probleme habe er deswegen noch keine bekommen. „Oh ja“, verbessert er sich, „einmal habe ich während der Ära von Innenminister Herbert Kickl indirekt aus dessen Kabinett einen Ordnungsruf wegen kritischer Äußerungen auf Twitter bekommen.“

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Nicht wie in Filmen aus Amerika

Wie ist der Alltag in der Justizanstalt Eisenstadt? „Man darf sich das nicht wie in amerikanischen Serien vorstellen“, beruhigt er. In Eisenstadt werden Untersuchungs-Häftlinge oder Verurteilte, die bis zu 18 Monaten Haft bekommen haben, angehalten. Nach der Verurteilung zu längeren Haftstrafen kommen die gefährlichen Täter in die Josefstadt oder Stein. „Bei uns liegen nur zwei Insassen in einer Zelle und es gibt in jeder eine Dusche und Toilette. Das ist in älteren Justizanstalten anders, da müssen die Häftlinge in die Gemeinschaftsdusche – mit allen Problemen, die man aus US-Serien kennt.“

„Wenn eine Beamtin Dienst hat, achten die Insassen mehr auf ihre Hygiene und sind kooperativer.“ (Harald Lipphart-Kirchmeir)

Die Kommunikation zwischen Wärtern und Insassen laufe respektvoll ab: „Wir können ihnen das Leben schwer machen, sie uns aber auch. Das wissen beide Seiten. Außerdem: Wir haben sie ja nicht verurteilt, werden also nicht als Gegner angesehen. Im Gegenteil, wir lachen auch manchmal gemeinsam.“ Unlängst kam es dennoch zu einem Messerangriff, der zum Glück glimpflich endete. Zu solchen seltenen Problemen kommt aber ein Kommunikationsproblem: In Eisenstadt gibt es eine sehr hohe Ausländerquote, die teilweise über 75 Prozent beträgt. „Zu kritisieren gäbe es an diesen Umständen schon einiges, aber zum Glück bin ich kein Politiker“, seufzt Lipphart-Kirchmeir.

Woher kommen Messer, Drogen und Handys?

Ein Hauptproblem, dem er sich auch in seiner Doktorarbeit angenommen hat, ist die Drogensucht hinter Gittern. Diese sei leider im System angelegt: „Sogenannte leichte Drogen wie Marihuana lassen sich monatelang nachweisen, harte Drogen wie Heroin, Kokain oft nur wenige Tage.“ Dadurch sei die Versuchung groß, zu „harten“ Suchtmitteln mit schwerwiegenden gesundheitsschädlichen Folgen zu greifen.

Aber wie kommen sie an diese? „Sämtliche Vorgänge in einer Justizanstalt zu kontrollieren, ist unmöglich. Im gelockerten Vollzug mit Freigang, Tischbesuch und Ausgängen, der für die Resozialisierung so wichtig ist, ist eine lückenlose Kontrolle nicht möglich. Im restriktiven Vollzug ist das Hereinschmuggeln von illegalen Substanzen und Gegenständen besser zu kontrollieren.“ Auch in Eisenstadt, hier sorgen 55 Justizwache-Beamte für den korrekten Ablauf des Vollzugs: Eine Stunde Aufenthalt im Freien, kleine Freizeitangebote, Gespräche mit Anwalt, Besuche von Angehörigen. Viele Häftlinge sind in den Anstaltsbetrieben oder als Freigänger sogar extern berufstätig. Manche verbringen aber auch bis zu 23 Stunden im Haftraum.

Selten, aber doch sind Insassen nicht kooperativ und es muss zur Folgeleistung von Anordnungen Gewalt angewendet werden. Schreckt das Frauen von einer Bewerbung als Wärterin ab? „Eine 25-Prozent-Quote wäre wünschenswert, derzeit liegen wir darunter“, so der Gefängnis-Leiter. Dabei seien Frauen als Mitarbeiterinnen besonders wertvoll: „Wenn eine Beamtin Dienst hat, achten die männlichen Insassen oft mehr auf ihre Hygiene und sind kooperativer.“ Einen Einblick in die Justizanstalt gab es im Feber auf eine ungewöhnliche Art: Lipphart-Kirchmeir und sein Team tanzten den „Jerusalema“-Tanz, die Choreografie kam von den Eisenstädter UET Dancers. „Wir haben dieses kreative Projekt einfach umgesetzt, das Ministerium war begeistert.“