Müllendorf: Auf Spurensuche im alten Römer-Dorf. An der Handelsstraße von Vindobona (dem heutigen Wien) nach Scarbantia (dem heutigen Sopron) stand ein „vicus“ (Dorf) am heutigen Standort von Müllendorf.

Von Reinhold Woditsch. Erstellt am 30. November 2020 (03:44)
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Die Ausgrabungsstätte in Müllendorf.
Jandl; pinterest/ Zanardi

Die BVZ hat mit Margit Fröhlich vom burgenländischen Landesmuseum über die Römer-Siedlung Müllendorf, ihre strategische Lage und die mögliche Nutzung der interessanten Fundstelle gesprochen.

BVZ: Wie kann man sich eine Handelsstadt wie Müllendorf einen sogenannten „vicus“ vorstellen?

Margit Fröhlich: Bei einem vicus handelt es sich eher um ein Dorf mit einer kleinstädtischen Struktur. Geprägt waren diese Siedlungen von Handwerk, Handel und Dienstleistungen. Die Größe von einem vicus war sehr unterschiedlich. Beim Müllendorfer vicus dürfte es sich um eine zivile Siedlung der römischen Kaiserzeit handeln, die sich voraussichtlich unter dem gesamten Gebiet des Müllendorfer Ortskernes erstreckt.

Was wurde in Müllendorf bisher entdeckt und womit rechnet man noch?

Fröhlich: Die römische Siedlung von Müllendorf ist seit über einem Jahrhundert bekannt. Spuren der Siedlung sind vor allem bei Modernisierungsarbeiten in der Ortschaft, wie der Kanalisation oder Telefonleitungen, ab den 1950-er Jahren zum Vorschein gekommen. Neueste Resultate aus dem Ortsgebiet stammen aus dem Jahr 2019 und wurden als Rettungsgrabung vom Verein PannArch durchgeführt. Anstelle eines einsturzgefährdeten Altbaus sollte an dieser Stelle eine Wohnhausanlage errichtet werden. Im Zuge der beginnenden Bauarbeiten wurden vom Verein PannArch unter Einbindung des Bundesdenkmalamtes sowie des Landesmuseums Burgenland archäologische Untersuchungen durchgeführt. Dabei konnten mehrere Gebäudereste aus der Römerzeit freigelegt werden.

Besonders seltene Befunde sind ein von römischen Legionären errichteter Kalkbrennofen, sowie der Abschnitt einer massiv gemauerten Wasserleitung, die frisches Quellwasser verteilte und als Lebengrundlage der Menschen ihrer Zeit diente. Im Areal konnte zahlreiches Fundmaterial geborgen werden, teils von herausragender Qualität. Besonders erwähnenswert sind Teile von römischem Tafelgeschirr, etwa 150 Buntmetallmünzen, zwei Silbermünzen sowie etliche Bruchstücke von Schmuckstücken und Beschlägen. Deren Ursprung ist nicht nur regional: Münzen aus Ephesos und Keramikware aus Mittelgallien belegen die überregionalen Kontakte des römischen Müllendorfs. Die diesjährige Grabungskampagne wurde vom Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie durchgeführt. Sie brachte den Beweis, dass die Siedlung auch über ein Thermalgebäude mit einer Hypokaustenheizung verfügte.

Kennen Sie den römischen Namen der Siedlung?

Fröhlich: Der römische Name von Müllendorf ist nicht bekannt. Aber in dem Itinerarium Antonini, einem Verzeichnis der wichtigsten römischen Reichsstraßen, das auch Ortsnamen römischer Siedlungen angibt, wird ein Ort mit dem Namen Mutenum erwähnt. Die zum Teil widersprüchlichen oder offensichtlich falschen Entfernungsangaben auf der Strecke Vindobona–Mutenum–Scarbantia sowie auf der Route Vindobona–Aquae–Scarbantia hat die Altstraßenforschung wiederholt beschäftigt. Während sich die im Straßenverzeichnis genannten Orte Vindobona, Aquae und Scarbantia zweifelsfrei mit den modernen Ortschaften Wien, Baden und Sopron identifizieren lassen, herrscht über die Lokalisierung von Mutenum, das laut Itinerar zwischen Vindobona und Scarbantia gelegen haben muss, Uneinigkeit. Einige Forscher setzten die Lage von Mutenum bei Wampersdorf an, andere bei Müllendorf. Mit Sicherheit kann man aber davon ausgehen, dass die römische Siedlung Müllendorf für Scarbantia auf der Wegstrecke nach Vindobona von strategischer Bedeutung war. Schließlich war sie 25 Kilometer entfernt, was einem Tagesmarsch entspricht.

Könnte es eine weitere Siedlung zwischen Wien und Müllendorf gegeben haben?

Fröhlich: Die Wiener Neustädter Pforte stellt die einfachste natürliche Verbindung zwischen der Pannonischen Tiefebene und dem südlichen Wiener Becken dar. In der Fach-Literatur heißt es dazu: „Damals führte eine wichtige Römerstraße von Scarbantia, über Klingenbach und Zagersdorf nach Wulkaprodersdorf, wo in der Nähe des heutigen Gemeindeamtes die Wulka, vermutlich auf einer steinernen Brücke, überquert wurde. Die Straße führte dann weiter Richtung Müllendorf und über Ebenfurth nach Wien.“ Der Flussübergang über die Wulka wurde durch Brückenbauteile aus Eichenholz, die um 1960 bei den Bachregulierungsarbeiten gefunden wurden, bestätigt.

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Jandl; pinterest/ Zanardi

Die Straßenführung von Biedermannsdorf über Inzersdorf nach Wien lässt sich archäologisch gut begründen, im Gegensatz zum Trassenverlauf Richtung Leitha. Eine zweite, von Aquae (Baden) kommende, literarisch bezeugte römische Straße könnte noch links der Leitha in die Hauptroute Vindobona-Scarbantia eingemündet sein. Sollte die Hauptstraße den Fluss bei Leithaprodersdorf überquert haben, hätte sie Richtung Hornstein verlaufend die Anhöhe zwischen Lebzelterberg und Wimpassing passieren müssen.

Alternativ sind auch Leitha-Übergänge bei Ebenfurth/Neufeld und Wampersdorf/Wimpassing denkbar. Der weitere Verlauf der Römerstraße über Müllendorf und Wulkaprodersdorf ist durch das Geländerelief vorgegeben. Müllendorf und Wulkaprodersdorf liegen nicht nur auf der geradlinigsten Verbindungslinie zwischen Wien und Sopron, sondern sie zeichnen sich auch durch besondere Fundkonzentrationen aus. Im Raum Klingenbach dürfte die Römerstraße mit dem Verlauf eines aktuellen Feldweges zusammenfallen, der ungefähr im Bereich des ehemaligen Grenzübergangs seinen Ausgang nimmt und sich geradlinig rund drei Kilometer in nordwestlicher Richtung entlangzieht.

Ist man sich über die Nutzung der Ausgrabungen bereits einig? Welche Möglichkeiten gibt es?

Fröhlich: Die archäologischen Forschungen haben zunächst einmal einen wissenschaftlichen Zweck. Auf mehr als 3.000 Quadratmetern bietet sich ein Fenster in die Vergangenheit, das es wissenschaftlich, in Zukunft vielleicht auch touristisch zu nutzen gilt. In Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt, der Universität Wien und dem Landesmuseum Burgenland wird seit heuer eine für drei Jahre anberaumte archäologische Ausgrabung durch das Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie durchgeführt, um diese einzigartige Fundstelle aus der römischen Kaiserzeit des ersten bis vierten Jahrhunderts nach Christus zu erforschen.

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v.l.n.r.: die Ausgrabungsstätte in Müllendorf; so sah ein „vicus“ früher aus; Margit Fröhlich;
Jandl; pinterest/ Zanardi

Begleitend werden dazu an der Fundstelle selbst und auf ausgewählten Grundstücken Messungen mit dem Bodenradar durchgeführt, um das Ausmaß und den Stellenwert der Fundstelle besser bewerten zu können. Deshalb und auch, um die Fundstelle vor Witterung zu schützen, wurde die Fundstelle wieder zugeschüttet und wird Zug um Zug abschnittsweise erforscht. Erst wenn diese Forschungstätigkeit abgeschlossen wird, kann über die weitere Nutzung diskutiert werden. Dabei ist klar, dass nichts ohne vorherige Absprache mit der Gemeinde passiert.

Welche Rolle spielt der Verein PannArch bei den Ausgrabungen?

Fröhlich: Der Verein PannArch hat 2019, als im Ortskern von Müllendorf im Zuge der Errichtung einer Wohnhausanlage Reste einer römischen Siedlung zu Tage gekommen sind, die archäologische Forschungstätigkeit aufgenommen und im Vorjahr wichtige Ergebnisse liefern können. PannArch wurde 2011 zunächst als Verein zum Schutz und zur Erforschung archäologischer Güter im Burgenland gegründet und ist nun ein Unternehmen, das sich auf die Durchführung archäologischer Projekte spezialisiert hat. Im Zuge etlicher Projekte konnte PannArch archäologische Kulturgüter des burgenländisch-pannonischen Raumes vor der Zerstörung bewahren, erforschen und die Ergebnisse in Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum Burgenland der Öffentlichkeit präsentieren. Zur Abwicklung archäologischer Großprojekte wurde im Sommer 2019 die PannArch GmbH gegründet. Interessierte können sich auf www.pannarch.at über die Arbeit von PannArch informieren.