Pflegeheim: Wo Risikogruppen auf zweite Welle treffen. Während für gesunde und junge Menschen Corona meist nur einen Schnupfen bedeutet, kämpfen Pflegeheime um das Leben ihrer Bewohner. Die BVZ hörte sich dort um.

Von Doris Fischer, Sigrid Janisch, Peter Wagentristl und Markus Kaiser. Erstellt am 06. November 2020 (04:39)
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Cluster. In einem privaten Pflegeheim in St. Margarethen infizierten sich 16 Bewohner und Mitarbeiter mit Covid-19. Derzeit herrscht dort ein Betretungsverbot, ein Großteil der Personen ist derzeit noch in behördlich angeordneter Quarantä
Peter  Wagentristl

Das wirklich gemeine und auch völlig Neue am Corona-Virus ist seine – um es auf gut burgenländisch auszudrücken – „Hinterfotzigkeit“: Von fünf infizierten jungen und gesunden Menschen merken es drei gar nicht (sind also „asymptomatisch“), einer wird einen Schnupfen bekommen und der fünfte es mit einer Grippe verwechseln. Bei fünf älteren oder vorerkrankten Menschen hat zumindest einer schon statistisch schlechte Überlebenschancen, ins Spital müssen die meisten von ihnen.
Wer eine herkömmliche Grippe hat, quält sich in der Regel ohnhin nicht aus dem Bett. Fieber, Gelenkschmerzen und Schnupfen ist die Sprache unseres Körpers, der uns sagt: Bleib gefälligst zu Hause!

Die Sprache des Corona-Virus‘ sprechen wir noch nicht. Niemand – wenn nicht ein zufälliger Test – warnt asymptomatisch Infizierte, sich nicht mit anderen Menschen zu treffen. Schon gar nicht mit Älteren und Vorerkrankten. Das müssen Pflegeheime unter höchsten Anstrengungen übernehmen. Diese sind leider nicht immer von Erfolg gekrönt, wie die positiv gestesteten Fälle in einem Pflegeheim zeigen. Wie genau diese Anstrengungen wirken, hat sich die BVZ in dieser Reportage genauer angesehen.

16 Corona-Fälle in St. Margarethen

In einem privaten Pflegeheim in St. Margarethen hat sich zuletzt ein Cluster gebildet. Wie das Virus ins Pflegeheim gekommen ist, steht nicht endgültig fest. „Vermutlich hat sich eine Pflegerin bei ihrer Familie angesteckt. Da helfen leider auch die strengsten Regeln nicht“, erklärt Geschäftsführer Gerhard Laminger. Im „Haus Laminger“ hat man bereits länger strenge Besuchsregeln eingeführt, um die Bewohner zu schützen. Nun gilt ein absolutes Betretungsverbot, nur im Palliativbereich, also bei Patienten die im Sterben liegen, sind weiterhin Besuche erlaubt.

Regelmäßig wird alles desinfiziert, die Bewohner sind dazu aufgerufen in den Zimmern zu bliebn und für das Pflegeheim wurden zahlreiche FFP2- und FFP3-Masken angeschafft. Zudem wurden Schnelltests bestellt, die in den nächsten Tagen eintreffen sollen. Damit sollen alle Mitarbeiter in der Früh getestet werden, bei „den geringsten Anzeichen einer Erkrankung“ wird sowieso gleich getestet und nachhause geschickt, so Laminger.

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Lockdown. Das Haus St. Martin der Caritas in Eisenstadt hat sich bereits im Voraus auf Verschärfungen eingestellt.  
Vg Caritas

„Zum Glück haben alle Erkrankten sehr milde Verläufe: glasige Augen, trockener Husten und, wenn überhaupt, nur leichtes Fieber“, ist der Geschäftsführer beruhigt und „klopft auf Holz.“ Bis man aber die ersten milden Symptome wahrgenommen hatte, breitete sich das Virus im Pflegeheim aber bereits aus. „Da kann man noch so gut vorbereitet sein, das kann leider passieren“, bedauert der Geschäftsführer. Man stehe jedenfalls in intensivem Kontakt mit dem Roten Kreuz und der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit).

Bis die Patienten gesundet und die Quarantäne aufgehoben ist, darf das Heim nun nicht mehr betreten werden. Bewohner, die nicht unter Quarantäne stehen, dürfen aber weiterhin raus. Man könne niemanden einsperren, so Laminger. Positiv anmerken muss man beim Cluster im St. Margarethener Pflegeheim jedenfalls den transparenten Umgang und das rasche Handeln der Betreiber — leider keine Selbstverständlichkeit, wie man nicht nur am Beispiel Ischgl feststellen konnte.

Eisenstadt: Caritas längst im Lockdown

Die Caritas war schneller als die Bundesregierung. „Wir gehen in den Lockdown“, verkündete Direktorin Edith Pinter für ihre Häuser schon bei einer Pressekonferenz am 28. Oktober – drei Tage bevor die Bundesregierung den bundesweiten Lockdown verkünden konnte.
Für die Bewohner handelt es sich dabei um keine große Einschränkung, da nur der zeitliche Rahmen für Besuche reduziert ist. Auch räumlich gibt es nur geringe Einschränkungen: Besuche können in einer eigens eingerichteten Besucherzone nach vorheriger telefonischer Vereinbarung stattfinden. Außerdem ist ein Schnelltest (Antigen-Test vor Ort) notwendig, wenn Besucher in den Wohnbereich müssen (etwa beim Besuch bettlägerigePersonen).

Nagt die erneute Isolation an der Moral der Bewohner, etwa des Hauses St. Martin in Eisenstadt? „Den Bewohnern geht es gut, sie sind nicht isoliert und leben in einer Gemeinschaft mit den Mitbewohnern und der Pflegebetreuung. Damit ist ein sozialer Kontakt sichergestellt“, beruhigt Caritas-Sprecher Manfred Haider die Angehörigen der Bewhoner. Allerdings betont er: „Sehr schwierig ist die Situation für das Pflegepersonal, da die Sicherheitsvorkehrungen und die Hygienemaßnahmen eine große zusätzliche Herausforderung sind.“

Hilfswerk: Wöchentliche Corona-Schnelltests

Das Hilfswerk bereitet diese Woche die Maßnahmen für nächste Woche vor. „Seit dieser Woche wird jeder Mitarbeiter, sowohl in den Seniorenpensionen als auch in der mobilen Krankenpflege, wöchentlich mit einem Schnelltest getestet“, erklärt Geschäftsführer Karl Schiessl. Daher werden diese Woche keine Besuche zugelassen, da die Vorbereitungen für einen geregelten Besuch derzeit laufen. „Ab nächster Woche werden Besucher im Eingangsbereich ebenfalls mit einem solchen Schnelltest getestet, wenn sie keinen negativen Test mithaben, der nicht älter als 48 Stunden ist“, erklärt Schiessl weiter. Diese kosten für den Besucher fünf Euro pro Stück, also die Hälfte des Einkaufspreises. „Ist der Test negativ, können sich die Besucher mit einer Maske frei im Haus bewegen. Es gibt also keine Einschränkung auf Besuchszonen mehr“, so Schliessl. Die Besuchszeiten werden noch festgelegt. Es sollen sich aber nicht mehr als vier oder fünf Besucher im Haus aufhalten.

Auch Therapiepersonal oder Friseure dürfen so das Haus betreten und ihrer Arbeit nachgehen.´Die Bewohner werden nur im Verdachtsfall getestet, denn: „Unserer Erfahrung nach kommt das Virus von außen in die Heime. Daher gelten weiterhin auch strenge Hygieneregeln, um die Bewohner zu schützen“, so Schiessl und erklärt weiter: „Derzeit haben wir noch keinen positiven Fall.“

ASB: Alles negativ –im positiven Sinne

Der größte stationäre Betreiber auf dem Pflegesektor, der Arbeitersamariterbund – er betreibt burgenlandweit acht Häuser mit insgesamt 308 Betten – hatte noch keinen positiven Fall in seinen Pflegekompetenzzentren – Neufeld und Siegendorf im Bezirk Eisenstadt-Umgebung – zu verzeichnen. Das führt der Geschäftsführer im Pflegebereich, Andreas Balog, auf das Covid-Präventionskonzept zurück. Mitarbeiter würden penibel genau auf dessen Einhaltung achten. „Vor einer Ansteckung ist man nie gefeit, aber das Risiko kann minimiert werden“, ist sich Geschäftsführer Andreas Balog sicher. Und: „Wir sind die erste Pflegeeinrichtung Burgenlands, die Antigentests durchführt“, merkt Balog an. Dem nicht genug wird bei den Mitarbeitern zweimal täglich Fieber gemessen.

Und auch die Besucher sind gefordert: Wie es in der Verordnung steht, müssen sie einen Negativtest vorlegen oder eine Maske tragen. Die Besuchszeiten sind stark reduziert. „Einschränkung ist immer ein Verzicht“, fasst Balog die Umsetzung der Covid-Maßnahmen zusammen. Es ist für alle Beteiligten keine lustige Zeit, aber dass schon bald wieder auf „normal“ umgestellt wird, hängt von der Einhaltung der Maßnahmen sehr stark ab. Davon ist der Geschäftsführer des Pflegebereichs überzeugt.

Vor allem das Engagement und der Einsatz seiner mehr als 250 Mitarbeiter lobt Balog über den grünen Klee. „Die Mitarbeiter in der Pflege leisten Großartiges“, spricht er Dank und Anerkennung aus.

Aber eines wünscht sich Balog, neben der Honorierung der Arbeitsleistung seiner Mitarbeiter im Pflegebereich, auch noch: die Refundierung der erheblichen Mehrkosten in der Coronazeit. Und da spricht Balog nicht von den Personalkosten, sondern von den Kosten für den Ankauf von Schutzausrüstungen oder Antigentests.