Warnung vor Winzersterben. Immer mehr Weinbauern im Bezirk Eisenstadt müssen den Hof ihrer Großväter verkaufen. Die kleinen Bauern können kaum mithalten, die Großen machen gutes Geschäft.

Von Peter Wagentristl. Erstellt am 04. März 2021 (05:56)
BVZ

„Wir Winzer sind eine aussterbende Sorte. Vielleicht sollte man uns unter Naturschutz stellen“, versucht Erich Schruiff, Winzer aus Oslip, die Situation mit Humor zu nehmen. Würde man nicht lachen, man müsste weinen: Tatsächlich ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten ein „dramatisches Winzersterben“ zu beobachten.

Die Zahlen der Statistik Austria sprechen eine klare Sprache: Von 1999 bis 2015 ist die Zahl der Weinbaubetriebe in Österreich um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Gleichzeitig hat sich die durchschnittliche Betriebsgröße verdoppelt. Kleine kommen kaum noch über die Runden, während die Großen ausbauen. Von den 3.852 Betrieben, die 2009 unter 10.000 Liter jährlich produzierten, hängten fast 3.000 innerhalb von zehn Jahren ihre Winzerkarriere an den Nagel hängen.

Am anderen Ende der Statistik stehen die Großbetriebe, die Fläche und Produktionsmenge verdoppelt haben und von niedrigen Traubenpreisen profitieren. Auch wenn die Statistik eine klare Sprache spricht, gehen die Einschätzungen zu Ursachen und Wegen aus der Krise weit auseinander. Die BVZ hat in den Weinbaugemeinden und bei namhaften Winzern nachgefragt — vom Kleinbetrieb bis zu den Großproduzenten.

„Dramatisches Winzersterben“

Früher war St. Margarethen die größte Weinbaugemeinde im Burgenland, erzählt Ewald „Tscheti“ Gabriel, Obmann des örtlichen Weinbauvereins und Heurigenbetreiber. „In der Glanzzeit hatten wir 920 Hektar Anbaufläche, jetzt sind es nur noch 280. Es ist ein dramatisches Winzersterben im Gange“, findet Gabriel klare Worte. „Für die Gemeinde und den Nachwuchs ist das natürlich traurig. Die Großwinzer profitieren dagegen und beherrschen den Markt und die Preise“, benennt er Profiteure und Leidtragende der Entwicklung.

Als kleiner Winzer könne man kaum noch überleben, schon gar nicht über den Verkauf von Trauben oder Wein an Großproduzenten. Mittlerweile bekomme man 30 bis 40 Cent pro Kilogramm Trauben, der Weinpreis sei ähnlich niedrig und daher noch weniger profitabel. Vor einigen Jahren bekam man am Markt noch den doppelten Preis, allerdings sind die jährlichen Schwankungen beträchtlich: „Das geht immer einige Jahre rauf, dann wieder nach unten. Aber wenn er noch länger so niedrig bleibt wie jetzt werden das viele Winzer nicht mehr überleben.“ Am besten laufe es noch mit der Direktvermarktung an Privatkunden, der Gewinn bleibe dabei nämlich beim Winzer und gehe nicht an Handel oder Großbetriebe.

Ein Lösungsansatz wären für Gabriel staatliche Subventionen, wie sie etwa in Frankreich gehandhabt werden: Dabei verdoppelt der Staat den Preis für die Trauben um die Existenz der Kleinbetriebe zu sichern. Wichtig wäre, dass bald langfristige Konzepte auf dem Tisch liegen, damit die Nachfolger vielleicht eher den Familienbetrieb übernehmen und nicht aus finanziellen Gründen den Weinbau aufgeben müssen. Einen ähnlichen Rückgang der Winzer-Zahl beobachtet auch Georg Tschank, der Obmann des Weinbauvereins in Leithaprodersdorf: „Früher hatten wir hier rund 20 Heurige, heute sind es noch ungefähr 13. Es gibt jetzt mehr größere Betriebe, die also größere Anbauflächen haben“, stellt er fest. Allerdings habe sich die Qualität des Weins verbessert.

Mehr „Löcher zwischen den Weingärten“?

Einen Grund für diese Entwicklung sieht er auch im geänderten Trinkverhalten in der Gesellschaft. Rund um Leithaprodersdorf werden, seinen Beobachtungen nach, auch die Anbauflächen weniger. „Die Löcher zwischen den Weingärten am Friedhofsberg werden immer größer.“

Ähnlich auch die Situation in Oggau, wo Weinbauverein-Obmann Tobias Siess in zehn Jahren einen Rückgang der Anbaufläche um ein Viertel zu verzeichnen hat. Tendenziell geht auch die Zahl der Haupterwerbs-Winzer zurück, ein Trend zum Nebenerwerb sei erkennbar — „wobei es auch für sie schwierig ist.“ Es werde zwar teilweise gerodet, Spitzenlagen bleiben aber fast immer bestehen. Auch sein Weingut MAD kauft Trauben zu und weiß um die Wichtigkeit der Lieferanten: „Ohne sie geht es nicht.“ Deshalb bezahle man weit über dem Marktpreis, um die Kleinbetriebe zu unterstützen. „Ohne sie müssten wir die Flächen selbst bewirtschaften“, weiß Siess.

Die Größe der Anbaufläche ist wegen Datenschutz-bestimmungen nicht mehr so genau aufgeschlüsselt. Zudem werden Anbauflächen nur noch dem Hauptsitz der Winzer zugerechnet.

So etwa auch beim Weingut Hillinger. Das Winzer-Imperium mit Hauptsitz in Jois (Bezirk Neusiedl) beschäftigt rund 70 Mitarbeiter, produziert jährlich 600.000 Kilogramm Trauben und verfügt über eine Fläche von 110 Hektar. „Die Anbaufläche hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt“, heißt es vom Unternehmen auf BVZ-Anfrage. Zudem kaufe das Unternehmen „selbstverständlich“ auch Trauben und Wein zu und pflege „viele langjährige, treue Partnerschaften in alle Richtungen“, heißt es hier gegenüber der BVZ.

Andreas Liegenfeld, Präsident des Burgenländischen Weinbauverbandes, stimmt zu, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Winzer abgenommen hat. Das sei aber eine natürliche Entwicklung, wie er erklärt: „Der Markt ist nicht mehr da, wie vor 20 Jahren. Es gab einen Strukturwandel und der Weinkonsum war früher höher.“

Die Statistik von Wein Austria belegt, dass der Konsum im Vergleich zu 1980 um zehn Prozent gesunken ist, macht aber Hoffnung: Seit der Neunziger blieb der Konsum konstant. Weiters stelle sich für Liegenfeld die Frage, „wie man das Produkt verkaufen kann. Für kleine Winzer ergibt sich das Problem, dass die Maschinen, Tanks und weiteren Dinge zur Weinproduktion braucht, teuer sind und das investiert nicht jeder. Daher entwickelt sich der Trend, dass diese an größere Produzenten liefern, die dann auch mehr für die Trauben bezahlen.“

Auch er beziehe einen Teil seiner Trauben von kleinen Donnerskirchner Winzern und zahlt nach eigenen Angaben „fast das Doppelte vom Marktpreis“, so Liegenfeld. „Oder die Weingärten werden an Haupterwerbswinzer verpachtet. So bleiben die Anbauflächen ebenfalls erhalten“, erklärt er. Er betont auch, dass die Anbauflächen für Wein in den letzten Jahren kaum abgenommen haben, was auch die Daten der Statistik Austria bestätigen. Im Gegensatz zum enormen Rückgang bei den Betrieben ist die Gesamtanbaufläche fast unverändert geblieben — was durch den Wachstum der Großbetriebe erklärt werden kann.

Es komme derzeit aber teilweise zu Umstrukturierungen, etwa in Donnerskirchen. „In der Riede Wolfsacker wurden in den letzten Wochen Weingärten gerodet. Die meisten Winzer pflanzen aber in anderen Rieden neue Weingärten an, zum Beispiel, weil die Lage besser ist. So kommt es auch zu einer Verjüngung der Weingärten. Die Flächen der gerodeten und neu ausgesetzten Weingärten sind in etwa gleich groß“, so der Donnerskirchener Winzer.

Ewald Schruiff aus Oslip ist von der Entwicklung gleich doppelt betroffen: Einen Weinbauverein gibt es wegen der schrumpfenden Winzerschaft nicht, „zu viert brauchen wir keinen Verein um uns abzusprechen“, erklärt er. Die Anbaufläche in seiner Gemeinde schrumpfte von 300 auf 100 Hektar zusammen.

Schruiff ist auch Obmann der Winzergenossenschaft St. Margarethen. Auch dort bekommt er das Winzersterben zu spüren: „Unsere Kapazitäten an Tanks, Pressen und

anderem Zubehör waren nur für die Winzer aus der Gemeinde ausgelegt. Jetzt müssen wir Trauben aus Ungarn und Baden zukaufen, um die Kapazitäten auszulasten.“ Im Ort komme nur noch wenig zusammen. Auch er spricht von einem Strukturwandel: „Früher ist der Mann in die Arbeit gegangen und die Frau hat sich um den Weinbau gekümmert. Heute ist es rentabler, wenn beide arbeiten gehen.“

Apropos Strukturwandel: Ohne einen solchen werden die Großen auch weiterhin immer größer werden, während die Kleinen ihre Betriebe dicht machen müssen — fürchten viele der Kleinen wohl nicht zu unrecht.