Betrug nach Banken-Crash: „Es war unser schwer verdientes Geld!“

Erstellt am 25. März 2022 | 05:44
Lesezeit: 5 Min
Commerzialbank-Kunden übergaben 25 Sparbücher an Verwandte und Freunde: Wegen schweren Betrugs angeklagt.
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Als die Commerzialbank in der Nacht von 14. auf 15. Juli 2020 auf Anordnung der Finanzmarktaufsicht geschlossen wurde, brach für viele treue Kunden eine Welt zusammen. Auch eine Familie aus der Buckligen Welt (Niederösterreich) war unter den Betroffenen.

Das Ehepaar und der Sohn verfügten über 41 Sparbücher mit mehreren Hunderttausend Euro. Die Einlagensicherung ersetzte aber nur 100.000 Euro pro Person. Da fand die Familie eine Lösung, wegen derer sie sich jetzt vor Gericht verantworten muss. Wegen schweren Betrugs angeklagt wurden ein 61-jähriger Unternehmer, seine 56-jährige Gattin und der 28-jährige Sohn. Fünf Frauen – Verwandte und Bekannte - sollen sie beim Einlösen der Sparbücher unterstützt haben. Sie mussten ebenfalls am Montag dieser Woche auf der Anklagebank Platz nehmen.
Staatsanwalt Heinz Prinke hielt der Familie vor, das System der Eigenlagensicherung umgangen zu haben. Mit Hilfe der fünf Mitangeklagten sollen sie die Sparguthaben zurückerlangt haben.

Staatsanwalt glaubt an hohe Dunkelziffer

„Ich glaube, dass es eine Dunkelziffer gibt, wo man nicht draufkam, dass es so passiert ist“, sagte der Staatsanwalt.
Anwalt Klaus Ainedter beantragte für die Familie aus der Buckligen Welt und drei weitere Angeklagte einen Freispruch. „Diese Menschen haben ihr erspartes Geld über viele Jahre einbezahlt“, sagte er.
Die Sparbücher seien weitergegeben worden, bevor der Insolvenzantrag für die Commerzialbank gestellt wurde. Erst danach wäre dies problematisch gewesen, so der Anwalt. Anwalt Andreas Radel vertritt zwei Schwestern aus dem Bezirk Mattersburg, die ebenfalls in den Genuss der Sparbücher der Familie aus der Buckligen Welt gekommen waren. Erst mit Konkursantrag sei eine Verschiebung der Ersparnisse nicht mehr rechtens gewesen, meinte auch er.

Sieben von acht Angeklagten sagten nichts

Sieben der acht Angeklagten machten vor Gericht von ihrem Recht Gebrauch, zu schweigen.
Nur die 56-jährige Gattin des Unternehmers wollte aussagen. Am 15. Juli 2020 habe sie die Steuer überweisen wollen. „Nichts ging mehr. Wir waren aus den Wolken!“, berichtete die Frau. „Ich rief in der Filiale Forchtenstein an. Niemand rührte sich.“ Am Bankomat habe sie noch „ein paar hundert Euro“ abheben können. „Als mein Sohn heimkam, ging nichts mehr. Wir hatten nichts, nichts!“, schilderte die Frau die prekäre Situation. „Wie viel Vermögen hatten Sie bei der Commerzialbank?“, fragte die Richterin. „Weiß ich nicht auswendig“, sagte die Angeklagte. „Mehrere Hunderttausend Euro?“, fragte die Richterin. „Ja“, lautete die Antwort. „Das war unser Geld. Unser schwer verdientes Geld!“, ärgerte sie sich. „Wir sind nie auf Urlaub gefahren, haben immer nur fleißig gearbeitet und dann kommen wir in die Hände von solchen Bülchern! Da verliert man den Glauben in den Rechtsstaat!“  Aus den Medien habe sie von der Einlagensicherung erfahren.

„Wie sollen wir überleben und Rechnungen zahlen?“

„Wir mussten schauen, wie wir unsere Gedanken sammeln. Wie sollen wir überleben, unsere Rechnungen zahlen?“, erinnerte sie sich. Sie habe bei der Einlagensicherung angerufen. „Die bestätigten uns: Sie sind für die kleinen Leute da. Sie werden uns helfen.“ 16 der 41 Sparbücher lösten das Ehepaar und der Sohn ein, je knapp 100.000 Euro wurden ausbezahlt. „340.000 Euro waren noch auf den anderen Sparbüchern“, vergewisserte sich die Richterin.

„Es bringt nichts: Wir verschenken‘s“

„Wir setzten uns zusammen und besprachen, was wir machen“, sagte die 56-Jährige. „Wir sagten: Es bringt nichts, wir verschenken’s.“ „Sie schenkten den Anspruch jemand anderem?“, fragte die Richterin. „Ja, sonst wäre es weg gewesen“, bestätigte die Angeklagte. „Sie wussten, Sie können die Sparbücher nicht mehr einlösen. Das Geld war weg. Herr Pucher hat es verwirtschaftet“, ermahnte die Richterin die Angeklagte. „Das ist unser Geld!“, empörte sich die Angeklagte. „Das können wir verschenken, an wen, der uns zu Gesicht steht!“ Ihre Cousine, deren Tochter und drei „gute Bekannte“ bekamen die 25 Sparbücher und die Lösungswörter und holten sich bei der Einlagensicherung die Sparguthaben ab. „Das Geld kam in keiner Weise zu Ihnen zurück?“, fragte die Richterin.

81.000 € auf das Konto des Unternehmens eingezahlt

„Nein“, sagte die Angeklagte. Nur ihre 43-jährige Nachbarin habe das von der Einlagensicherung ausbezahlte Geld an sie und ihre Familie refundiert. Darauf hatte auch der Staatsanwalt hingewiesen: Die 43-Jährige habe einige Tage nach der Auszahlung von rund 81.000 Euro einen geringfügig verminderten Betrag auf das Konto des Unternehmers überwiesen. „Wir hatten ihr vor Jahren beim Hauskauf geholfen“, erklärte dessen Gattin. „Sie sagte, sie gibt uns etwas zurück, wenn sie etwas hat.“

Alle anderen Angeklagten wollten über die Umstände der Auszahlung durch die Einlagensicherung nicht sprechen. Sie hatten auch bei der Kriminalpolizei dazu keine Angaben gemacht. Ein als Zeuge befragter Vertreter der Einlagensicherung gab bekannt, dass man Sparbücher nach Schließung der Commerzialbank nicht mehr hätte weitergeben dürfen. Es seien keine Guthaben, sondern die Sicherung ausbezahlt worden. Und diese sei mit 100.000 Euro pro Person limitiert. „Wir gehen davon aus, dass die Kunden offen und ehrlich sind und nur jene Ansprüche geltend machen, die sie haben“, sagte der Vertreter der Einlagensicherung.
Der Prozess wurde vertagt.

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