Mordverdächtiger: „Tue keinem etwas!“. 29-Jähriger soll Opfer nach Mörbisch gelockt, ertränkt und beraubt haben. Vor den Geschworenen behauptete er: Albaner sollen seinen Freund attackiert haben.

Von Elisabeth Kirchmeir. Erstellt am 24. Juni 2021 (04:57)

„Der Angeklagte hat das Opfer am 9. August 2020 auf heimtückische Weise und hinterhältig zum Tatort in Mörbisch gelockt“, hielt Staatsanwalt Christian Petö dem 29-jährigen Niederösterreicher am Dienstagvormittag im Schwurgerichtssaal des Eisenstädter Gerichts vor.

„Er versetzte ihm Schläge ins Gesicht, einen Kniestoß in den Bauch, zerrte ihn zum Entwässerungskanal des Neusiedler Sees und drückte ihn unter Wasser, bis der Tod eintrat“, fuhr der Staatsanwalt fort.

Danach habe der Angeklagte aus der Hosentasche des 22-jährigen, aus dem Bezirk Neusiedl stammenden Opfers Geldscheine entnommen sowie einen weiteren Geldbetrag aus dem Auto. Später waren feuchte Banknoten bei dem mutmaßlichen Täter gefunden worden.

Das Opfer war als Buchhalter berufstätig gewesen und hatte sich nebenbei mit Immobilien beschäftigt. Den Angeklagten hatte der umtriebige junge Mann auf der Internetplattform „Willhaben“ kennengelernt, wo sich beide für Parfumflaschen interessierten.

„Wir haben von der Staatsanwaltschaft eine perfekte, runde Geschichte gehört“, stellte Verteidigerin Astrid Wagner dem Anklagevortrag entgegen.

„Das klingt stimmig, schlüssig.“ Nun wolle sie einige Worte zur Persönlichkeit ihres Mandanten sagen, über den ein „nicht so charmantes Bild“ geliefert worden sei.

Der nicht vorbestrafte 29-Jährige stamme aus einer „anständigen Familie“, habe „sehr liebe Eltern“, sei in Lebensgemeinschaft und habe eine dreijährige Tochter.

Der nach eigenen Angaben seit April 2019 Arbeitslose sei „nicht arbeitsscheu“, seine große Leidenschaft seien die Autos, er habe sich voriges Jahr selbstständig machen wollen.

„Er gilt als hilfsbereit, manche sagen gutmütig“, beschrieb die Verteidigerin ihren Mandanten. Man werde nicht „von heute auf morgen zum Mörder oder Räuber“, argumentierte sie.

Das spätere Opfer, ein „Sunnyboy“, habe von Wohnungen geprahlt und sei mit verschiedenen Sportwägen gekommen, wie Astrid Wagner ausführte. Ihr Mandant sei für den 22-Jährigen als „Bodyguard“ tätig geworden, wenn ein Mieter in einer der Wohnungen, die der junge Mann besaß, nicht zahlen wollte.

„Ich glaube, dass man den Falschen angeklagt hat“, erklärte die Verteidigerin. Staatsanwaltschaft und Polizei warf sie „Belastungseifer“ vor. Von Anfang an sei für die Ermittler festgestanden, dass ihr Mandant der Täter sei. Sie sprach von „einseitig ermittelten Schnipseln“. „Wenn man näher hinschaut, kommt man drauf, dass etwas nicht stimmt“, so die Anwältin.

„Es ging um Drogen und Prostituierte“

„Nicht schuldig“ bekannte sich der Angeklagte Minuten später. Anfangs sei es bei der Freundschaft mit dem 22-Jährigen um Parfums gegangen, später um „Koks, also Drogen“ und auch darum, wie man „Prostituierte von der Slowakei nach Wien bringt“.

„Das haben Sie noch nie gesagt!“, wunderte sich Richterin Birgit Falb.

„Wie war Ihre finanzielle Situation?“, fragte sie.

„Da war es gut“, behauptete der Angeklagte. „Ich hatte Geld von einer Erbschaft, habe Steroide verkauft und auch Drogen.“

„Sie hatten 36.000 Euro Schulden bei Privatpersonen“, hielt die Richterin dem Angeklagten vor. „Manche sagen, Sie seien ein Schnorrer gewesen, weil Sie über Ihre Verhältnisse lebten.“ Sein Auto hatte ein Freund kaufen, anmelden und versichern müssen, weil er selbst bei den Haftpflichtversicherungen nicht mehr als vertrauenswürdig galt.

Rund 1000 Euro Notstandshilfe bezog der Angeklagte bis zur U-Haft. „Wenn ich kein Schwarzgeld gemacht hätte, wäre es sich nicht ausgegangen“, sagte der Mordverdächtige.

Er soll dem 22-Jährigen mit einem zweifelhaften Kreditgeschäft Geld herausgelockt haben. 70.000 Euro sollten hergeborgt werden, zwölf Tage später sollten 140.000 Euro zurückfließen.

Einen Text mit diesem dubiosen Geschäftsvorschlag fand die Kriminalpolizei am Handy des 29-Jährigen. „Diese Nachricht ist nicht von mir“, erwiderte der Angeklagte.

Er habe seinem Freund 25.000 Euro gegeben, der weitere 35.000 Euro dazulegte. 60.000 Euro sollen im April 2020 an einen Ägypter übergeben worden sein, der in einem „Laufhaus“ als Türsteher arbeitet. „Vereinbart war eine Rückzahlung von 90.000 Euro nach 14 Tagen“, führte der Angeklagte aus.

„Haben Sie das Geld bekommen?“, fragte die Richterin.

„Nein. Wir überlegten, was wir machen“, gab der Angeklagte an. „Wir hatten nicht viele Optionen. Was hätten wir machen sollen?“, setzte er fort.

Im Juni und Juli 2020 soll der Angeklagte „untergetaucht“ sein. Das spätere Opfer soll verzweifelt versucht haben, den 29-Jährigen zu erreichten.

„Das passt zur ersten Geschichte“, hielt Richterin Birgit Falb dem Angeklagten vor. „Er gibt Ihnen 35.000 Euro, bekam aber nicht wie versprochen 70.000 und wollte sein Geld zurück.“

Chatverlauf mit dem Opfer gelöscht

Am 6. und 7. August 2020 löschte der Angeklagte auf seinem Handy den gesamten Chatverlauf mit dem späteren Opfer. Auch soll er sich im Internet eine Anleitung zum Ausbau des Navigationsgerätes in seinem BMW gesucht haben.

Am Sonntag, 9. August 2020, trafen sich die Männer zunächst auf einem Parkplatz in Sommerein (Bezirk Bruck/Leitha).

„Er sagte, er trifft sich mit den Albanern, denen er erklären muss, dass er das ausgeborgte Geld nicht zurückzahlen kann“, behauptete der Angeklagte.

Gemeinsam seien sie nach Mörbisch gefahren. Es war bereits finster, nach 22.30 Uhr.

„Die standen dort, bei der Mauer...“

„War da schon jemand?“, fragte Richterin Birgit Falb. „Die standen dort, bei der Mauer“, sagte der Angeklagte. Drei Männer, „normale Ausländer“. „Sie sprachen Deutsch mit einem rumänischen Akzent“, erinnerte sich der Mordverdächtige.

Dann sei die Situation eskaliert und er sei weggefahren.

„Sie haben als Security gearbeitet und waren Bodybuilder...“, wunderte sich die Richterin. „Trotzdem tue ich keinem etwas!“, erwiderte der Angeklagte.

Über Donnerskirchen sei er zurückgefahren. Später wurde das entwendete Diensthandy des Opfers neben der Straße zwischen Donnerskirchen und Hof/Leithagebirge gefunden.

Im Handschuhfach des Autos des Angeklagten stellte die Polizei ein Luftpolsterkuvert mit 9.500 Euro sicher. Ein Teil der Banknoten war feucht. Stammten sie aus der Hosentasche des Ertränkten?

Das Bundeskriminalamt fand Spuren von Kieselalgen an einigen sichergestellten Banknoten, wie sie in Entwässerungsgerinnen vorkommen.

„Ich hatte überall viel Geld“, behauptete der Angeklagte. Die Geldscheine seien feucht gewesen, weil er sie zuvor bei einem Spielplatz vergraben gehabt habe.