Gefängnisseelsorge: Es geht um menschliches Ernstnehmen

Dem Eisenstädter Gefängnisseelsorger Franz Schuh geht es immer um ein menschliches Ernstnehmen, "was auch immer geschehen sein mag".

Erstellt am 18. August 2020 | 16:22
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Gefängnis Symbolbild
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Foto: Von rawf8, Shutterstock.com

In der Justizanstalt (JA) Eisenstadt, der einzigen Strafvollzugsanstalt im Burgenland, befinden sich laufend ca. 200 Insassen – davon seit Kurzem auch bis zu 15 weibliche Häftlinge. Seit 2008, durch den damaligen Diözesanbischof Paul Iby beauftragt worden, ist Diakon Franz Schuh dort als Gefängnisseelsorger tätig – eine Aufgabe, die er mit Freude übernahm.

Die Arbeit besteht "normalerweise" vorrangig aus zwei Schwerpunkten: Zum einen, aus Wortgottesdienst-Feiern mit Predigt und, auf Wunsch, mit Kommunionspendung - eine Insel der Freiheit im tristen Gefängnisalltag, welche die Insassen und Insassinnen gern besuchen. Den zweiten Teil des seelsorglichen Dienstes machen Gespräche aus. Während es derzeit, aufgrund der konsequent umgesetzten Corona-Maßnahmen, keine Gottesdienste in Österreichs Gefängnissen gibt, wird die Möglichkeit des Redens sehr wohl gesucht.
Bei seinen wöchentlichen Besuchen auf den einzelnen Stockwerken, in einzelnen Zellen und auch in Werkstätten und Arbeitsträumen, finden sich jedes Mal Personen, die ein Gespräch wünschen. Dies betrifft nicht nur die Häftlinge, wie Diakon Franz Schuh betont: "Genauso wichtig finde ich die Begegnung und Gespräche mit den Justizbeamten."

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Im Mittelpunkt der Arbeit steht natürlich der inhaftierte Mensch. Es geht immer um ein menschliches Ernstnehmen, "was auch immer geschehen sein mag". Das, was ein Häftling verbrochen habe, sei im Grunde genommen nebensächlich. Für die Gespräche sei es freilich oft der Ausgangspunkt, so Diakon Franz Schuh: "Das Wichtigste bei diesen Begegnungen ist: Ich muss die Menschen mögen, ich darf keine Angst vor ihnen haben – und ich muss ihnen zuhören können, wirklich zuhören und sie ernst nehmen. Eben die Zeit, die wir gemeinsam verbringen, ganz bei ihnen sein. So geschehen dann oft besondere Bindungen mit außergewöhnlichen Menschen, in einer noch außergewöhnlicheren Situation – und das sind dann die schönen Momente." In gewisser Weise sei dies "auch ein herzliches Dankeschön für meine Dienste."

Dienst gegen Einsamkeit und Isolation

Im Gefängnis, in diesem System von Sicherheit und Ordnung, von Befehl und Gehorsam, von Schuld und Strafe, ist es von Bedeutung den Gefangenen Beistand zu leisten. Es seien oft die Schwierigen und Abgelehnten, die sogenannten Querulanten, die besonders das Verständnis und die Begleitung der Seelsorge brauchen.
Seinen Dienst als Gefängnisseelsorger sieht Diakon Franz Schuh deshalb auch als Dienst gegen Einsamkeit und Isolation. Dafür sei seelsorgliche Verschwiegenheit Grundvoraussetzung. Nur so könne in der Begegnung mit den Gefangenen ein Freiraum geboten werden, der Offenheit und Ehrlichkeit ermöglicht.

Trostlosigkeit zulassen

Als Gefängnisseelsorger ist es oft wichtig, Trostlosigkeit und Verzweiflung der hilfesuchenden Gefangenen im seelsorglichen Gespräch zuzulassen statt gleich zu trösten. Die Gefangenen sollen trotz ihrer sehr schwierigen und einengenden Lebenssituationen wieder "Ja" zu ihrem Leben sagen können und ihr Leben wieder als sinnvoll erfahren.
Franz Schuh: "Schließlich versuche ich immer, die Gefangenen zu ermutigen, ihr Leben nach ihren eigenen, oft auch sehr beschränkten Möglichkeiten wieder selbst in die Hand zu nehmen. Ich bin nicht Seelsorger im Gefängnis, um zu verurteilen, sondern um allen, die zu mir kommen, zuzuhören und ihnen in diesen dunklen und schwierigen Zeiten beizustehen."

"Geh, und sündige von nun an nicht mehr!"

Dass Diakon Franz Schuh seiner Arbeit als Gefängnisseelsorger aus Freude und Überzeugung nachgeht, formuliert er klar: "Ich will mit meinem Dienst dem Beispiel Jesu Christi folgen, in dem die befreiende Liebe Gottes Mensch geworden ist. Ich glaube auch, dass ich durch mein eigenes Handeln im Gefängnis wenigstens ansatzweise diese befreiende Liebe Gottes erfahrbar machen kann. Ich bin auch ganz fest davon überzeugt, dass Christus sich auch heute in besonderer Weise in Ausgegrenzten und Ausgestoßenen zeigt."
Manchmal frage er sich "aber schon, wie kann und soll ich als Seelsorger einem Menschen begegnen, der seine Frau getötet und im See versenkt hat?" Oder einem, der "Kinder missbraucht, der andere betrogen" habe.

In solchen Situationen versuche er "ganz besonders", diese Menschen "mit den Augen Christi anzusehen". Dies habe zur Folge, sie indirekt auch zu fragen – wie Jesus einst die Frage gestellt habe –, "was willst du, dass ich dir tun soll?" (Lukas 18, 41). Denn: "Jesus vergibt auch ihnen ihre Schuld und sagt zu ihnen: ‚Geh, und sündige von nun an nicht mehr!‘"