Krankenhaus-Direktor: „Covid-19 bleibt uns für immer“

Ohne Impfung werden wir die „alte Normalität“ nicht mehr zurückbekommen. Das ist in manchen Bereichen sogar gut.

Erstellt am 11. März 2021 | 04:23
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Covidambulanz. Das Personal (aus datenschutzgründen nicht im Bild) leidet immer mehr an der langen Zusatzbelastung.
Foto: M. Wagentristl, M. Wagentristl

Vor genau einem Jahr – wenige Tag vor dem ersten Lockdown – sprach die BVZ erstmals mit Primarius Martin Wehrschütz, dem Ärztlichen Direktor des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Eisenstadt, über das Corona-Virus. Zeit für eine Zwischenbilanz rund um die Fragen, wie das Virus unsere Gesellschaft verändert hat, wann die Impfungen flächendeckend kommen und wie hoch die Arbeitsbelastung derzeit ist.

BVZ: Ihre Prognose im März 2020, das Virus werde bald in Eisenstadt ankommen, wurde schnell wie tragisch bestätigt. Haben Sie auch mit dem Ausmaß der Krise gerechnet?

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Primarius Martin Wehrschütz: Das Ausmaß hat alle überrascht, wir kannten aber die Bilder aus Norditalien und ahnten schon: Wie eine herkömmliche Grippe ist das ganz und gar nicht.

Wie gut waren Sie vorbereitet?

Wehrschütz: Intensivkapazitäten im Krankenhaus sind sehr teuer. Weil sie so teuer sind, sind sie nicht unbegrenzt vorrätig und wir müssen mit diesen Ressourcen gut haushalten. Unser Spitalswesen in Österreich ist aufso etwas wie eine Pandemie ganz einfach nicht ausgerichtet. Wir mussten also unser Krankenhaussystem mitten in der Pandemie, sozusagen am schlagenden Herzen, dahingehend umbauen. Das ist eine große Zusatzbelastung unserer Mitarbeiter, denn es gilt ja generell: Das Spital ist ein Hochrisikobereich, den wir versuchen durch die verschiedenen Maßnahmen abzusichern.

Es mussten Ressourcen von den Stationen auf die Covidstation verschoben werden. Wie hat das funktioniert, generell wird im medizinischen Bereich derzeit ja, umgekehrt, eher spezialisiert?

Wehrschütz: Generell ist Covid19 eine internistische Erkrankung, daher sind Internisten und Intensivmediziner in erster Linie angesprochen. Hier ist die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit notwendig. Insbesondere im Pflegebereich mussten wir Mitarbeiter aus anderen Bereichen in den Covidstationen einsetzen, da diese durch die Hygienemaßnahmen sehr betreuungsintensiv sind und dem ärztlichen wie Pflege-Personal Enormes abverlangt. Hier muss ich dem gesamten Team von Verwaltung über Medizin bis Pflege mein Lob und meinen Dank aussprechen. Es herrscht bis heute eine hohe Bereitschaft zur Flexibilität – diese kann aber nicht unbegrenzt sein.

Wie ist derzeit, vor einem drohenden Wiederanstieg der hospitalisierten Covid-Patienten, die Stimmung im Personal?

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„Die Politik war drei Wochen zu spät dran“
BVZ, M. Wagentristl

Wehrschütz: Die Mitarbeiter stoßen mittlerweile an ihre psychischen wie physischen Grenzen. Manche gehen dann einfach und suchen sich etwas Anderes. Das sind vor allem Mitarbeiter aus der Pflege, aber auch aus dem medizinischen Bereich. Die Gefahr daran: Unsere Teams sind klein und eng bemessen, wenn da auf einmal zwei oder drei sagen, dass sie nicht mehr können, ist das eine noch größere Herausforderung für das verbleibende Team. Neues und qualifiziertes Personal zu finden, ist gerade jetzt schwer.

Die zweite Welle war noch dramatischer als die erste, wie schon bei der Spanischen Grippe. Hat sich die Politik im Sommer zu wenig auf diese absehbare Infektionskurve vorbereitet? Wehrschütz: Man kann das nicht nur schwarz-weiß sehen, aber generell waren Vorzeichen für den Herbst schon vorab klar: Das Virus hat es gern kalt und feucht, die Infektionszahlen steigen, wenn sich das soziale Leben in Innenräumen abspielt. Dass im November unsere Stationen voll sein werden, war bereits im September und Oktober anhand von steigenden Infektionszahlen absehbar. Hier war die Politik einfach zwei, drei Wochen zu spät. Man hätte damals schon ein entschlosseneres Handeln erwarten dürfen. In einer Pandemie muss ich führen und darf nicht nur moderieren. Es braucht klare Ansagen. Wenn ich hier nicht in meiner inneren Haltung klar bin, werde ich das auch nicht übersetzen können.

Denken Sie, dass Menschen derzeit zu tausenden demonstrieren, weil auch mangels klarer Aussagen die Frustration wächst?

Wehrschütz: Viele Menschen werden durch die Pandemie in soziale wie familiäre Nöte getrieben. Aus dieser Perspektive ist es verständlich, dass man sich Luft verschafft. Wofür ich keinerlei Verständnis habe, ist, wenn die Gefahr oder Existenz dieses Virus geleugnet oder verharmlost wird. Die von medizinischer Seite vorgeschlagenen Maßnahmen müssen eingehalten werden, wie Abstandhalten, Maskentragen, Händewaschen.Da kommuniziert die Politik zu wenig kantig: Wo die Freiheit des einen anfängt, hört die eines anderen auf. Die Grenzen des Anderen sind zu wahren und die Grenzen sind dort, wo ich einen Anderen anstecken kann. Und das ist etwas, was die Politik deutlicher und auch öfter kommunizieren muss.

Wieso haben Impfgegner derzeit so einen Aufschwung?

Wehrschütz: Man muss zwischen Impfskeptikern und Impfgegnern unterscheiden. Die Skeptiker kann man noch mit wissenschaftlichen Fakten erreichen, einen Impfgegner wohl kaum. Was ich gefährlich finde, ist, wenn sich ein Spin entwickelt, durch den sich verunsicherte Patienten von Impfgegnern beeinflussen lassen. Da wird es notwendig sein, dass die Politik offen und transparent Fakten auf den Tisch legt: Wer die Impfung nicht will, soll es mit der Krankheit versuchen. Das ist natürlich pointiert ausgedrückt, wir Ärzte sind ja grundsätzlich solidarische Wesen. Aber: Wenn jemand etwas komplett ablehnt – das steht jedem in einem freien Land zurecht offen –, dann muss es auch gewisse Einschränkungen geben. Und umgekehrt: Sobald etwa drei Viertel der Bevölkerung geimpft sind, sollte ein Geimpfter auch Vorteile gegenüber Nichtgeimpften haben, wie gewisse Reisefreiheiten.

Wie hoch war die Impfbereitschaft beim Spitals-Personal?

Wehrschütz: Wir haben die Impfstoffe von Pfizer Biontech und Astra Zeneca verabreicht, seit dieser Woche sind wir mit der gesamten Impfreihe fertig. Fast 900 Mitarbeiter haben wir damit geimpft. Das sind 95 Prozent beim medizinischen Personal, bei der Pflege und der Verwaltung etwas weniger. Insgesamt haben wir eine Durchimpfungsrate von über 80 Prozent.

Gab es Impfreaktionen?

Wehrschütz: Es gibt Kopfschmerzen, Müdigkeit und leichte Schmerzen im Impfbereich sowie leichte Grippegefühle, die sind aber nach spätestens 48 Stunden vorbei. Darüber hinaus gab es keine gröberen Impfreaktionen. Bei Biontech Pfizer tritt das eher nach der zweiten, bei Astra Zeneca eher nach der ersten Teilimpfung auf.

Biontech Pfizer ist ein mRNA-, Astra Zeneca ein Vekor-Impfstoff. Gab es hier Präferenzen?

Wehrschütz: Es gibt schon Präferenzen, aber man kann sich das nicht aussuchen. Man nimmt in diesen Zeiten was man kriegt.

Die Anlieferung der Impfstoffe erfolgt schleppend – wie ist das bei Ihnen im Spital?

Wehrschütz: Die Anlieferung des Impfstoffes hat schon an den Nerven vieler gezerrt. Spitalspersonal ist in der Kategorie 1 des Impfplanes. Wenn wir dann keinen Impfstoff bekommen, andere außerhalb des Spitales aber sehr wohl geimpft werden, dann werden einige unrund, das muss man schon verstehen.

Aber wir haben das dann doch hingekriegt, da gilt auch mein Dank dem Land Burgenland, dass wir die Impfaktion mit einer großen Ladung am Ende doch noch erfolgreich abschließen konnten.

Schaffen wir es, vulnerable Gruppen bis Herbst durchzuimpfen?

Wehrschütz: Mit den erhöhten Kontingenten von Biontech Pfizer sollten die vulnerablen Gruppen bis Ende Frühling geimpft sein. Zur übrigen Bevölkerung traue ich mir keine Prognose zu, bei wie viel Prozent sich das heuer noch ausgeht.

Die „alte Normalität“ haben wir 2021 heuer also noch nicht?

Wehrschütz: Eines muss man festhalten: Covid19 bleibt uns ein Leben lang erhalten. Inwiefern wir unser Leben wie vor Covid19 zurückbekommen werden, also ob Masken fallen und Grenzen aufgehen, das ist aus heutiger Sicht schwer zu beantworten. Die einzige Chance, annähernd die alte Normalität zurückzubekommen, ist die Impfung. Hier müssen alle einen Beitrag leisten und dieser lautet: Ich lasse mich impfen.

Es gibt große Hoffnungen in den mRNA Impfstoff. Könnten Krankheiten, die Sie heute hier im Krankenhaus hier täglich behandeln, in der nächsten Generation schon ausgestorben sein?

Wehrschütz: In nur einem Jahr, ist in Forschung und Wissenschaft so viel und so sinnvoll Geld angelegt worden, wie selten zuvor. Das Ergebnis sind nun mehrere Impfstoffe, die die gesamte Welt von der Pandemie wieder befreien. Das ist eine Errungenschaft der menschlichen Spezies, die man mit Bewunderung zur Kenntnis nehmen sollte. Die Wissenschaft hat sich schon zuvor mit mRNA-Impfstoffen beschäftigt, etwa in Teilgebieten der Onkologie (Krebserkrankung, Immunsystem). Hier darf man sich aus derzeitiger Sicht schon Hoffnungen machen, dass es für verschiedene Tumorarten Heilung möglich sein wird. Nicht für alle, aber für manche – teilweise schon heute.

Da hat uns die Pandemie also auch etwas Positives gebracht?

Wehrschütz: Ja: Wissenschaft und Forschung haben einen neuen Stellenwert bekommen. Der Politik und der Gesellschaft ist bewusst geworden, dass man in dieses Feld zum Wohle der Menschheit eben Geld investieren muss. Zuvor gab es ja die Tendenz, dass hier eher gespart wird. Das ist jetzt anders. Diese Änderung wäre mir ohne Pandemie lieber gewesen (lacht).

Was können Medien tun, um dahingehend besser zu informieren?

Wehrschütz: Was die Medien machen müssen ist, gesicherte Information unaufgeregt zu liefern und die Kunst der Übersetzung: In der Wissenschaft ist es völlig gängig, dass sich Studien gegenseitig widersprechen. Nicht, weil wir uns alle uneinig sind, sondern weil wir gerade jetzt in der Pandemie so oft und so viele neue Daten zur Analyse bekommen. Das Entscheidende ist für Medien herauszufiltern: Wo ist der „rote Faden“ und damit das Verständnis in der Bevölkerung? Das ist nicht leicht rüberzubringen. Aber unaufgeregte, sachliche Information schafft das.

Wie wird die „Normalität“ bei unserem Interview 2022 sein?

Wehrschütz: Wir werden uns im Spitalssystem 2.0 wiedersehen. Das bedeutet v neue Organisationsstrukturen wie Terminambulanzen, damit man nicht mehr spontan in die Ambulanz kommt und dann hier wartet, sondern nach Voranmeldung zu einem bestimmten Termin drankommt. Bedeutet aber auch neue Besucherregelung mit mehr Zeit zur Erholung für Patienten. Wir wollen nicht den Besuch einschränken, aber besser regeln. Patienten brauchen für die Erholung Ruhe, Ärzte und Pfleger für die Ausübung ihrer Tätigkeit.

Das klingt auch nach Digitalisierung. Haben wir bald den digitalen Impfpass?

Wehrschütz: Das wird sich 2022 noch nicht ausgehen, aber für bestimmte ambulante Kontrollen braucht man vielleicht zukünftig nicht mehr ins Spital kommen, sondern kann das digital einreichen, etwa als Videogespräch, und bekommt eine Erklärung. Das Thema Telemedizin wird durch die Pandemie einen Schub erfahren.