Selbstverteidigungskurs auf die Probe gestellt. Derzeit hält die Polizei Eisenstadt einen Kurs für Selbstverteidigung für Frauen. Die BVZ wagte den Selbstversuch.

Von Lisa-Marie Zehetbauer. Erstellt am 28. Oktober 2019 (05:31)
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Keine Opfer. Ernest Bogner von der Eisenstädter Polizei lernt Frauen die Prinzipien der Selbstverteidigung.
Lisa Zehetbauer

Welche Frau kennt das nicht, das mulmige Gefühl der Unsicherheit, alleine nachts unterwegs zu sein, die Angst vor Belästigung oder gar einem Überfall. Die Eisenstädter Polizei will dem entgegenwirken. Ernest Bogner von der Kriminalprävention Eisenstadt hält dazu einen Selbstverteidigungskurses für Frauen im E Cube.

Doch in einem Selbstverteidigungskurs erlernt man nicht nur körperliche Abwehrtechniken – genauso steht im Mittelpunkt die Stärkung des Selbstbewusstseins. Genau darum ging es auch in der ersten Einheit – die Frauen arbeiteten an einem sichereren Auftreten, sowie an einer besseren Körperhaltung und -sprache. Methodische Ansätze wie Rollenspiele oder das Erlernen von „Nein-Sage-Strategien“ gehörten ebenfalls zur ersten Kurseinheit.

Theorie: Laut sein gegen die „leise“ Gewalt

Gewalt ist nicht immer laut und sichtbar. Auch Demütigungen, Beleidigungen, Missachtung und Diskriminierung gehören dazu. Kurz gesagt: Gewalt ist alles, was verletzt. Alltägliche Grenzverletzungen, sexualisierte Gewalt und Gewalt im sozialen Umfeld, auf der Arbeit oder in Institutionen werden oftmals nicht als solche wahrgenommen, verharmlost oder bewusst verschwiegen. Doch um dagegen vorzugehen ist eines dringend zu beachten: Ohne Selbstbehauptung keine Selbstverteidigung. Um sich gegen Gewalt behaupten zu können, muss man zuerst an der eigenen Selbstsicherheit arbeiten. Die Polizei definiert diese „Selbstbehauptung“ als Fähigkeit Grenzen zu setzen, seine Meinung zu vertreten und sich bei Bedarf durch zu setzen. Sprich man verteidigt sich nicht mit Fäusten, sondern mit Gesten, dem Gesichtsausdruck und der Stimme. Ein Beispiel hierbei ist der „Stopp-Schrei“. Der „Stopp-Schrei“ ist sehr hilfreich wenn man von einem Täter verfolgt wird und diesen abschütteln möchte. Man dreht sich zu seinem Verfolger um und schreit: „Stopp!“ Der Täter wird womöglich erschrecken und genau diese Sekunde kann man zur Flucht nutzen.

Tabu-Thema: Schutz vor häuslicher Gewalt

Gewalt findet oftmals im Privaten statt: Jede vierte Frau hat schon einmal häusliche Gewalt erfahren – körperliche, aber vor allem psychische. Darunter fallen Kontaktverbote zu Familie und Freunde oder die Kontrolle des Handys oder Computers. Das Ziel ist Macht und Kontrolleauszuüben und Frauen abhängig zu machen. Laut Studien wiederholen sich diese Taten und können im Verlauf der Zeit eskalieren. Bei Betroffenen rät Ernest Bogner daher schnellstmöglich Hilfe zu holen

Es standen aber natürlich auch körperliche Abwehrtechniken, sowie geeignete Hilfsmittel bei der Selbstverteidigung im Fokus. Das Wichtigste dabei: Ein Täter sucht sich sein geeignetes Opfer, im besten Fall schwach und wehrlos aus, wo er glaubt leichtes Spiel zu haben und kein Aufsehen zu erregen. Dem kann man entgegenwirken, indem man dem Täter von Anfang an mit seinem Auftreten signalisiert: „Ich bin kein Opfer!“

Wenn es doch zum Angriff kommt?

Was macht man wenn es trotzdem zum Angriff kommt? Es wird geraten zu allererst sich lautstark bemerkbar zu machen, um den Angreifer bestenfalls abzuschrecken. Dies schafft man entweder mit lauten Schreien oder mit Hilfsmitteln wie einer Trillerpfeife oder einem Taschenalarmgerät. Falls dies den Angreifer nicht in die Flucht schlägt, ist es ratsam eine Abwehrposition einzunehmen. Hierbei ist ein fester Stand wichtig – man sollte mit beiden Beinen ein kleines Dreieck bilden. Das Gewicht auf beide Beine zu verlagern und die Knie leicht gebeugt zu halten, ist dabei auch zu beachten.

Hilfsmittel: Regenschirm statt Pfefferspray

Ebenfalls als nützlich erweisen sich ein Regenschirm, eine Zeitung, ein Buch, eine Handtasche – hierbei empfiehlt es sich diese auf der Straße abgewandten Seite zu tragen – oder ein Schlüsselbund. Diesen sollte man immer griffbereit haben, so kann man ihn notfalls zu einem Schlagring ummontieren.

Der Einsatz von Pfeffersprays wird grundsätzlich von der Polizei nicht empfohlen, denn sie erwiesen sich in der Vergangenheit nicht oft als Hilfsmittel. Insbesondere dann, wenn das Opfer mit der Handhabung nicht vertraut ist. Nichts desto trotz warnt Ernest Bogner: „Sicherheit kann man sich nicht kaufen.“

Wenns hart auf hart kommt: Fingerbrechen!

Abgesehen von den oben genannten Hilfsmitteln kann der Überraschungseffekt ebenso entscheidend sein. Es gilt: ohne Vorwarnung rasch und schnell zuschlagen. Mit dem flachen Handrücken dem Angreifer mit voller Wucht auf die Nase zu schlagen kann sehr wirksam sein. Berührungsängste sollte man hierbei keine haben. Vor einem Schlag ins Gesicht, sollte man sein Ohr mit der Hand abdecken und seinen Daumen auf die Schulter legen. So kann man den Angreifer abblocken und sich gleichzeitig mit dem Ellbogen verteidigen. Wenn sein Schlag auf die Spitze des Ellbogens trifft, könnte sich der Angreifer sogar die Hand brechen. Falls der Täter versuchen sollte, das Opfer zu würgen oder zu schnappen, sollte man ein bis zwei Finger nehmen und versuchen ihm diese zu brechen, indem man die Finger so fest es geht nach hinten drückt.

Sobald der Täter außer Gefecht gesetzt ist, heißt es die Flucht ergreifen und umgehen die Polizei verständigen. Hierbei ist es von großer Bedeutung, sich Erkennungsmerkmale des Angreifers zu merken und im Anschluss. Jedes noch so kleine Detail ist wichtig – angefangen von Alter, Geschlecht, Kleidung, bis hin zu Tattoos, Piercings, Narben oder Sommersprossen.