Naturschützer bei See-Zufluss weiter uneinig

Erstellt am 01. Februar 2022 | 02:57
Lesezeit: 4 Min
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Kein Konsens. Naturschutzorganisationen sind sich bei der Einschätzung des Mega-Projektes in Fertörakos und des See-Zuflusses nicht einig.
Foto: zVg
„Alliance for Nature“ gegen „Initiative Welterbe“: Kein Konsens am Neusiedler See.
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„Es ist alles nicht so einfach“ — dieser berühmte Spruch von Ex-Bundeskanzler Fred Szinowatz trifft scheinbar auch auf die Diskussionen um die Zukunft des Neusiedler Sees zu. Etwa beim geplanten Seezufluss über die Moson-Donau, der den Wasserpegel heben soll. Hierbei scheiden sich die Geister, sogar Umweltschutzorganisationen kommen dabei oft nicht auf einen grünen Zweig.

So wartet die „Alliance for Nature“ (AFN) etwa mit scharfer Kritik an der „Initiative Welterbe“ (IWE) auf. Die BVZ hat sich mit den Positionen der Vereine auseinandergesetzt und die personellen und inhaltlichen Hintergründe herausgearbeitet.

Geteilte Meinungen über den Donauzufluss

Wer die Stimmen von Greenpeace, den Grünen, den ungarischen „Freunden des Neusiedler Sees“ und anderer Naturschützer zum geplanten Seezufluss kennt —allesamt lehnen diesen ab und warnen vor einer „Veränderung des Chemismus“ —wird sich wohl wundern, dass es auch Naturschutzorganisationen gibt, die Kanal-Pläne befürworten. Zwar betont man beim Verein IWE in einem Positionspapier, dass „die ökologischen Fragestellungen sehr komplex sind und bezogen auf Wasserhaushalt und Wasserchemie noch zahlreiche offene Fragen bestehen.“ Aber: Eine (teilweise) Austrocknung des Sees sei schlecht für die „Kulturlandschaft und damit für das Weltkulturerbe“, sowie für weitere Bereiche. Etwa für „Siedlungen, die Landwirtschaft, den Weinbau, den Tourismus.“

Sieht man sich die personellen Hintergründe des Vereins an, können allerdings auch private Profitinteressen des Vorstandes nicht ausgeschlossen werden: Obmann-Stellvertreter ist neben Segel-Olympiasieger Roman Hagara auch Stefan Ottrubay, Vorstandsvorsitzender der Esterhazy Betriebe und der dazugehörigen Stiftung. Für Esterhazy als größter Grundbesitzer im Burgenland und speziell am See wäre eine Austrocknung vor allem wirtschaftlich ein schwerer Schlag.

Umweltschutz als Motivation für das jüngste Positionspapier, nehmen andere Naturschutzorganisationen der Initiative Welterbe nur bedingt ab. „Aus naturwissenschaftlicher und ökologischer Sicht ist das fallweise Austrocknen des Neusiedler Sees und der umliegenden Lacken keine Katastrophe an sich, sondern ein natürlicher, für diesen pannonischen Lebensraum charakteristischer und dynamischer Prozess, der immer wieder vorkommt“, widerspricht Professor Christian Schuhböck von der Alliance for Nature. Der See trockne statistisch gesehen ein- bis zweimal pro Jahrhundert aus. Darauf würden aber immer wieder Hochwasserphasen folgen.

Aufgrund der befüchteten negativen Auswirkungen auf Flora und Fauna drohe durch die Dotierung des Sees mit Donauwasser auch die vielzitierte „Rote Liste“ der UNESCO. Diesbezüglich ergingen bereits Meldungen der ANF an die UNESCO Welterbekommission und deren neuen Präsidenten.

Das Land Burgenland befürwortet die Pläne für den Donau-Zufluss und sagte dafür bereits drei Millionen Euro zu.

Burgenland als Vorbild oder Steine aus dem Glashaus?

Ebenso uneinig sind sich die beiden Naturschutzorganisationen auch in ihrer Einschätzung zum Mega-Projekt in Fertörakos, wo ein Vier-Sterne-Hotel, ein Parkhaus mit 880 Stellplätzen und ein Yachthafen mit 850 Bootsliegeplätzen auf einer Fläche von 60 Hektar entstehen soll.

Die Initiative Welterbe betont, dass eine Modernisierung des einzigen ungarischen Seebades alleine noch kein Grund für Kritik sei — was man etwa auch bei den ungarischen Freunden des Neusiedler Sees und Greenpeace betont. Mit der Einigkeit ist es allerdings spätestens bei konkreten Kritikpunkten vorbei, die es vonseiten der IWE nicht gibt. „Empfohlen“ wird im Positionspapier lediglich „die Einführung eines Welterbebeirates zu Raumordnung und Baukultur nach dem österreichischen Vorbild auch in Ungarn. Unabhängige Experten könnten das Bauen am See auch in Ungarn begleiten und besonders das Projekt Fertörakos auf dem bevorstehenden Weg zur Nachhaltigkeit und Redimensionierung begleiten.“

Bei der AFN sieht man diese Kritik als zahnlos und betont bei jeder Gelegenheit: Im Burgenland sollte man nicht nur mit dem Finger nach Ungarn zeigen, sondern auch vor der eigenen Türe kehren. Dass auch im Burgenland Seebäder in bedenklichen Dimensionen „modernisiert“ werden und am Seeufer zahlreiche bedenkliche Luxusbauten entstehen, dürfe nicht mit dem Verweis auf Fert örakos vom Tisch gewischt werden. Nicht wenige der kritisierten Projekte auf burgenländischer Seite gehen von der Esterhazy Stiftung selbst aus. Dass Österreich als Vorbild genannt wird, können Schuhböck und die AFN nicht unterschreiben. Auf beiden Seiten der Grenze betont die NGO: „Die Natur darf nicht wirtschaftlichen oder touristischen Interessen geopfert werden.“

Greenpeace fordert Boykott heimischer Unternehmen

Auch Greenpeace musste sich den Vorwurf gefallen lassen, man fokussiere nur auf Kritik an Ungarn. Nun forderte die Organisation, dass sich österreichische Bauunternehmen nicht „an der Umweltzerstörung am Neusiedler See“ beteiligen sollen. Heimische Firmen sollten „diesem Mega-Projekt eine klare Absage zu erteilen“, so Sprecher Herwig Schuster.

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