Architekt über Stadtzentren: „Zurück zur Mitte“. Die BVZ sprach mit Architekt Klaus-Jürgen Bauer (alias „Der Fassadenleser“) über die Wohnungssituation und -entwicklung in Städten am Beispiel Eisenstadts.

Von Reinhold Woditsch. Erstellt am 22. Februar 2020 (05:58)
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Eisenstadt Klaus-Jürgen Bauer Stadtzentren „Zurück zur Mitte“
Fassadenleser. Der Architekt Klaus-Jürgen Bauer. Foto: Woditsch
Reinhold Woditsch

Der Eisenstädter Architekt Klaus-Jürgen Bauer ist nicht nur für seine Gebäude über die Grenzen des Burgenlandes hinaus bekannt. Seine Veröffentlichungen regen zum Nachdenken über Baukonventionen, Nachhaltigkeit und Ortsplanung an und stellen dabei oft den architektonischen Status quo in Frage. Genau über diese Themen sprach er mit der BVZ.

BVZ: Was gefällt Ihnen an Eisenstadt besonders gut und was könnte Ihrer Meinung nach besser sein?

Klaus-Jürgen Bauer: Eisenstadt hat eine geschützte Altstadt und damit ein Gesicht. Das ist nicht selbstverständlich und meiner Meinung nach enorm wichtig und schützenswert. Interessant finde ich vor allem, dass sowohl negative wie auch positive städtebauliche Entwicklungen in einer Kleinstadt wie Eisenstadt sozusagen unter dem Mikroskop beobachtet werden können. Die Herausforderungen sind verglichen mit anderen Städten gleich. Etwas verkürzt gesagt stellt sich die Frage, wie man den Innenstädten wieder Leben einhaucht.

BVZ: Warum sind die Innenstädte mittlerweile so gefährdet?

Dazu sollten wir einen Blick in die Geschichte werfen. Über die Zeit haben sich die Funktionen der Gebäude verändert. Früher hat man in einem Haus gewohnt und hatte meistens auch einen Gewerbebetrieb darin, das heißt es war Wohn- und Arbeitsort. Der Handel spielte dabei eine eher untergeordnete Rolle. Sehr viele Häuser und Zimmer wurden vermietet. Später wurde diese Entwicklung dann vom Handel abgelöst.

BVZ: Und wie sieht es heute aus?

Gewohnt wird heute bekanntlich eher außerhalb. Der Grund, warum die Leute nicht mehr im Zentrum wohnen, heißt Auto. Damit können die Menschen Wohnen, Einkaufen und Arbeiten räumlich trennen. Das Problem ist, dass diese Autos immer dann, wenn sie nicht gebraucht werden, herumstehen. In historischen Häusern bringt man diese aber nicht unter. Das war einer der Gründe, warum die Leute in den 1950er und 1960er Jahren begonnen haben, weiter hinaus zu ziehen. Die Qualität der Häuser war es nicht. Roland Rainer und viele andere Architekten wollten damals die gegliederte und aufgelockerte Stadt schaffen. Man wollte zwischen den Häusern Freiräume und Grünräume schaffen. Wenn man sich ein Luftbild von Eisenstadt in den 30er Jahren und heute ansieht, so hat sich die Fläche vervielfacht. Diese Entwicklung ist in allen Städten der Welt zu beobachten.

BVZ:Gibt es dazu inzwischen auch Gegenströmungen?

Vor allem junge Leute haben heute oft ein Misstrauen gegenüber diesem Überkonsum. Viele stellen berechtigterweise die Notwendigkeit infrage, dass jeder Haushalt zwei, drei oder mehr Autos braucht. Wenn man aber auf das Auto verzichtet, setzt das voraus, dass man eine Stadt der kurzen Wege schafft. International gesehen haben es alle erfolgreichen Städte geschafft, die Jungen zurück in die Stadt zu bringen. Allen voran ist in dieser Entwicklung Kopenhagen. Die Antwort auf die Frage, wie man die Innenstädte belebt, lautet, dass man die Autos aus der Stadt heraus bringen muss.

BVZ: Wie sieht das in Eisenstadt aus?

Man müsste also alles daran legen, dass die Leute wieder im Zentrum wohnen. In den 30er Jahren haben im Stadtkern von Eisenstadt circa 3.500 Leute gewohnt, heute sind es rund 150. Wir als Gesellschaft halten aber die Altstadt immer noch für den Ort des Konsums. Gleichzeitig bauen wir draußen riesige Konsumtempel. Zerstörung der Natur, Versiegelung des Bodens... alle diese Themen kann man in Eisenstadt im Kleinen beobachten. Mit dem Oberberg zum Beispiel steht ein traumhaftes barockes Stadtviertel komplett leer, aber es passiert nichts, weil das Bewusstsein dafür fehlt. Inzwischen bauen Siedlungsgenossenschaften relativ weit draußen eine Reihenhausanlage nach der anderen. Das bedeutet, die Menschen sind wieder auf das Auto angewiesen und fahren dann nicht mehr ins Zentrum, sondern gleich ins Einkaufszentrum. So wird ein rückwärtsgewandter Kreislauf gefördert. Das innerstädtische Leben sähe ganz anders aus, wenn heute wiederum so viele Menschen in der Stadt wohnen würden, wie früher.

BVZ: Trotzdem bekommt man den Eindruck, dass wir derzeit beginnen, unsere Baukultur zu überdenken.

Das denke ich auch, aber man weiß nicht genau, was man tun soll, weil man diesbezüglich keine Erfahrungen hat. Außerdem hat sich ein schlechtes System verselbständigt. Am Bauen hängt enorm viel Geld und deshalb wird ohne Rücksicht auf Verluste so viel wie möglich produziert. Eisenstadt ist eine der am stärksten wachsenden Gemeinden in Österreich, was an sich super ist. Viele Menschen wollen hier her, weil es hier eine tolle Lebensqualität gibt. Dann heißt es, es gibt viel zu wenige Wohnungen, obwohl wir so viel Leerstand haben, um den sich aber niemand kümmert. Deshalb werden oft schnell neue Wohnhäuser auf der grünen Wiese hochgezogen. Dann muss man sich fragen, welche Materialien dabei eingesetzt werden. Wie dauerhaft und nachhaltig sind die?

BVZ: Stichwort Nachhaltigkeit. Wann ist ein Haus Ihrer Meinung nach nachhaltig?

Das Haus, in dem wir uns gerade befinden, ist zum Beispiel nachhaltig. Da wurde über Jahrhunderte hinweg immer wieder etwas dazugebaut. Der älteste Teil ist aus dem 13. Jahrhundert. Solche Häuser gibt es viele in Eisenstadt. Wenn ich ein Haus habe, das ich über einen langen Zeitraum nütze, ohne dass es abgerissen wird und somit wieder Energie gebraucht wird, ist es nachhaltig. Kein Transport, kein Neubau, kein Abbruch, sondern viele Generationen leben über lange Zeiträume darin. Leider werden heute Neubauten viel mehr gefördert, als wenn jemand ein altes Haus renoviert oder pflegt.