Burgenländer erobern Klosterneuburgs Keller

Mit Harald Scheiblhofer und seiner Kellermeisterin Julia Konstanzer ist der wichtigste Weinkeller Österreichs fest in pannonischer Hand. Die BVZ sah sich dort um.

Erstellt am 20. Januar 2021 | 16:12
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Kellermeister. An 100.000 Kilo Trauben und 300 verschiedenen Sorten forschen Harald Scheiblhofer und Julia Konstanzer.
Foto: Wagentristl

Die Nordbrücke erscheint einem Landkind so, als wäre man noch mitten in der Großstadt Wien. Hochhäuser, die Donau und Massen an Autos und Lkw umzingeln die vereinzelten Pkw mit burgenländischen Kennzeichen nahezu. Und doch behauptet das Navi, man stehe in acht Minuten in den Weinbergen Klosterneuburgs. Das kann doch nicht stimmen, denkt man sich sich noch, nur um sieben Minuten später vor der Weinbauschule zu stehen. Das Panorama ist sensationell Weinberge und klassische Winzer-Architektur so weit das Auge reicht. Seit dem Jahr 1860 werden hier die Maßstäbe für den Weinbau in Österreich gesetzt.

In der fünfjährigen Internats-Schule mit Matura lernen 150 (und immer mehr Schülerinnen!) alles, was man zum Thema Wein und Obstbau wissen muss. Eine zentrale Maßeinheit für Qualitätsweine wurde hier definiert, die „Klosterneuburger Mostwaage (KMW)“. Und unzählige Weinsorten wurden hier erfunden, wie der Zweigelt, der in Klosterneuburg immer noch den korrekten – da vom Namensgeber Friedrich Zweigelt ursprünglich so eingetragenen – Namen Rotburger trägt. Und das Klassenbuch liest sich wie ein „Who Is Who“ der österreichischen Weinszene, viele Schüler tragen Namen, die weltweit für Top-Weine stehen. Ein so ein Name ist auch: Scheiblhofer. Harald Scheiblhofer ist Abteilungsleiter der Kellerwirtschaft. Das macht ihn zum „obersten Weinforscher Österreichs“. Bei 30 Hektar Weingärten und 100.000 Kilo Traubenmaterial hat er auch ein schönes Forschungsobjekt.

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Forschung und Praxis imWein verbunden

Der praktische Wert seiner Forschung liegt für Scheiblhofer im Erkennen von Trends: „Unlängst wurde das Verwenden von Eichen-Chips im Tank zugelassen. Nun kommen die Anrufe von Winzern, die das ausprobieren wollen. Denen können wir ja nicht sagen, dass sie drei Jahre warten sollen, bis wir mit unserer Forschung fertig sind. Wir müssen also unserer Zeit voraus sein, um rechtzeitig dran zu sein!“ Die ganz große Innovation sind für Scheiblhofer die pilzresistenten Sorten. Diese werden die Weinwelt „grundlegend verändern“.

Für Österreich nicht zu unterschätzen sei die Erfindung einer besonders feinen Membran, mit der man einzelne Bestandteile aus dem Wein herausfiltern kann, wie das Wasser oder umgekehrt den Alkohol. „Wir sehen, dass der Trend bei uns ohnehin in Richtung leichtere Weine geht“, erklärt Julia Konstanzer. Die junge Leithaprodersdorfer Kellermeisterin ist neu in Scheiblhofers Team. „Ich habe mich beworben und es hat eigentlich auf Anhieb gepasst“, erklärt sie ihren beruflichen Werdegang. Der zierlichen Winzerin würde man die schwere körperliche Arbeit auf den ersten Blick gar nicht zutrauen, aber die Powerfrau aus dem beliebten Heurigen Konstanzer-Siffert hat gelernt sich in der einstigen Männerdomäne durchzusetzen. „Mit den modernen Maschinen ist das kein Problem – oder sagen wir: selten“, kann Konstanzer den Beruf nur allen Wein-Freundinnen empfehlen.

„Kellermeisterin ist ein toller Beruf und mit moderner Technik auch kein reiner Männer-Beruf mehr.“ Die Leithaprodersdorfer Power-Frau Julia Konstanzer meistert selbst den renommiertesten Weinkeller.

Direktor Reinhard Eder ist stolz auf sein burgenländisches Duo: „Kaum hat der Harald bei uns angeheuert, haben wir schon begonnen, auch Rotwein-Preise zu gewinnen. Und die Julia ist Symbol für den Generationenwechsel: In Frankreich und in Übersee ist dieser Job typisch weiblich. Nur in Österreich ist der Keller eine Männerdomäne. Das ändert sich nun Zusehens und das sehen wir auch an der Schülerinnenzahl.“ Die Corona-Situation hat dem Direktor leider einen Strich durch das Jubiläums-Jahr gemacht, die große 160-Jahr-Feier musste ausfallen. Vor allem für die Lese war das ein Problem, die Schule ist wie ein „echter“ Betrieb aufgebaut, bei dem die Lese ja auch nicht warten kann. Aufgrund der Praxisnähe warten auf die Schüler nach der Matura auch ohne elterliches Weingut eine Fülle an Jobs, in Österreich wie im Ausland, betont Eder abschließend.

Etwa ein Viertel der Schülerinnen und Schüler sind aus dem Burgenland, sie wohnen fast alle im Internat am Schulgebäude.

Und wie ist das so, als Jugendlicher von zu Hause wegzugehen und einen Vorort Wiens zu ziehen? Christof aus Illmitz beginnt seinen Satz auf Seewinklerisch. Fast schon erschrocken bricht er den Satz in der Mitte ab und beginnt noch einmal auf Hochdeutsch. Auf die Versicherung, dass er mit der BVZ ruhig „gscheat“ reden könne, atmet er erleichtert auf. Womit er die Frage eigentlich eh beantwortet hat.