Christian Schuhböck: „Bausünden auf beiden Seiten“. Christian Schuhböck von der Alliance for Nature sprach im BVZ-Interview über Profitgier am Neusiedler See, „gravierende Bausünden“ und die untätige Politik in Österreich.

Von Peter Wagentristl. Erstellt am 25. April 2021 (04:43)
BVZ

Viele zeigen mit dem Finger nach Fertörakos und vergessen dabei, dass in Österreich ebenfalls Bauprojekte am Neusiedler See für Proteste bei Umweltschützern und Anrainern sorgen. Diese kritisiert auch Christian Schuhböck von „Alliance for Nature“ (AFN).

BVZ: Wird nur in Ungarn der Umweltschutz missachtet oder sollten Bevölkerung und Politik zuerst vor der eigenen Türe kehren?

Naturschutz. Christian Schuhböck kritisiert Bauprojekte auf beiden See-Seiten, wie in Oggau (oben).
zVg, zVg

Christian Schuhböck: Ich und AFN wurden bereits im Jahr 2017 mit der Dokumentation der Bauprojekte in Breitenbrunn, Oggau, Jois und Neusiedl beauftragt. Schon damals stellten wir fest, dass die Bauwerke nicht mehr mit dem UNESCO Weltkulturerbe-Status im Einklang stehen. Die ländliche Baukultur wurde gänzlich missachtet, Schilfhütten werden abgerissen statt gebaut (etwa die ehemalige Kantine im Seebad Breitenbrunn; Anm.), stattdessen gibt es nur noch Betonwürfel. Damals waren die Pläne in Fertörakos noch bescheiden und umweltverträglich — Sanierungsarbeiten waren damals tatsächlich dringend nötig.

Wie argumentierte man in Ungarn die Redimensionierung?

Schuhböck: Es wurde immer wieder darauf verwiesen, dass man nur einen Seezugang habe und es in Österreich auch immer mehr Tourismusprojekte am See gibt. Bei der Kritik an Mega-Bauten vergisst man gerne: Das Burgenland hat damit angefangen.

Was wollen Sie den Bauprojekten am See entgegensetzen?

Schuhböck: Wir wollen, dass der Neusiedler See auf die Rote Liste gefährdeter Welterbestätten gesetzt wird. Dadurch werden Österreich und Ungarn international an den Pranger gestellt, so könnte es zu einem Umdenken kommen. Die UNESCO darf kein zahnloser Tiger sein.

Wie erklären Sie sich, dass bisher keine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) in Auftrag gegeben wurde?

Schuhböck: Ich sehe zwei Gründe, wieso die österreichische Seite so schaumgebremst agiert: Einerseits fürchtet man womöglich, dass damit auch die Projekte am burgenländischen Seeufer genauer unter die Lupe genommen werden würden. Andererseits will man es sich mit Ungarn nicht verscherzen, immerhin soll ein Zufluss über die ungarische Moson-Donau erfolgen. Die Grünen putzen sich an Gerichten oder Organisationen wie UNESCO ab, dabei hätte Umweltministerin Eleonore Gewessler die Kompetenzen eine grenzüberschreitende UVP zu veranlassen.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Gemeinden am Neusiedler See?

Schuhböck: Auch bei den Luxuswohnungen in Oggau und den Mörbischer Plänen, die Straße nach Fertörakos zu öffnen, geht es nur um die Ausbeutung des Sees im Sinne der Tourismuswirtschaft. Wir wollen dem einen Riegel vorschieben. Doch es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Die Sopron-Autobahn M85 wird für Massen-Andrang am Neusiedler See sorgen.