Tote in Lieferwagen: 7 Jahre Haft bei Mordprozess in Eisenstadt

Erstellt am 03. Juli 2022 | 06:04
Lesezeit: 5 Min
19-jähriger Schlepper aus Lettland angeklagt. Er saß am Steuer, als im Laderaum 28 Flüchtlinge um Luft rangen.
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Wie ein wohlerzogener Maturant wirkt der 19-jährige Angeklagte. Adrett gekleidet, fescher Haarschnitt, er spricht fast immer mit fester Stimme vor dem Schwurgericht, vor dem er sich wegen Schlepperei und Mordes verantworten muss. Wir hatten berichtet:

Nur manchmal greift er nach dem Papiertaschentuch, um die Augen zu trocknen.

Er hat einen großen Fehler gemacht, der sein Leben veränderte. Dieser Fehler kostete zwei Männer das Leben.

Am 19. Oktober 2021 wurden sie an der ungarisch-serbischen Grenze gemeinsam mit 28 anderen Flüchtlingen in einen Renault Traffic gepfercht.

Etwas war schiefgegangen. Eigentlich hätte die international agierende Schlepperorganisation, die mit dem Transport von Flüchtlingen Millionen verdiente, zwei Autos schicken sollen.

Jetzt stand der damals 18-jährige Lette alleine da.

Ein Bekannter in Lettland hatte ihm den Job angeboten.

Der 18-Jährige, Schüler mit einem Nebenjob in einer Pizzeria, bekam 300 Euro und flog nach Wien.

Führerschein hatte er keinen. „Irgendwo hatte er illegal fahren gelernt“, sagte sein Anwalt vor Gericht.

Der Schlepper-Neuling setzte sich in den Lieferwagen. Er bekam ein Handy und einen Farbspray. Damit hätte er das Fenster zum Laderaum blickdicht machen sollen.

4 Uhr morgens im Wald in Ungarn. 30 Syrer und Kurden warten auf den Weitertransport.

Der Lette lässt so viele einsteigen wie möglich und fährt los.

Da bekommt er einen Anruf von seinem „Chef“: Er soll sofort umkehren und alle Flüchtlinge mitnehmen.

Die Fußschlepper schlichten die Menschen in den engen Laderaum. Zwei Männer nehmen am Beifahrersitz Platz.

Acht Stunden Fahrt in gebückter Haltung

Im Laderaum kann man nicht aufrecht stehen. Die Staatsanwältin zeigt ein zirka A3-großes Blatt mit den Umrissen zweier Füße. So viel Platz hatte jede Person im Laderaum für acht Stunden.

Nach knapp zwei Stunden, das hatte ein Sachverständiger berechnet, war der Sauerstoff im Laderaum verbraucht. Die Menschen hatten Todesangst. „Manche begannen zu beten“, sagte die Staatsanwältin. „Sie dachten, sie kommen hier nicht mehr lebend raus.“

„Wir sagten: zwei Leute ersticken hinten“

„Nach einer Stunde haben wir geschrien“, erzählte ein 35-jähriger Syrer. „Wir sagten: Zwei Leute ersticken hinten. Sie sterben!“, berichtete der Zeuge.

Die Flüchtlinge rissen die Dichtungen aus Fenstern und Türen und gegen Ende der Fahrt gelang es ihnen, die Hecktüre zu öffnen. „Jeder versuchte Luft zu bekommen, damit er nicht stirbt“, schilderte der Flüchtling die extremen Zustände.

„Wenn ich fünf Minuten länger im Auto geblieben wäre, dann wäre ich gestorben“, sagte ein 41-jähriger Mann.

Bei Siegendorf war der Flüchtlingstransport am 19. Oktober über die Grenze gekommen. Bundesheersoldaten hielten das verdächtige Fahrzeug an.

Als sie die Türen öffneten, fielen die Menschen heraus. Zwei Männer hatten die Fahrt nicht überlebt.

Der junge Lette nützte den Tumult, um zu flüchten.

Er versteckte sich in einem Waldstück in Ungarn, dann schickte ihm die Schlepperorganisation ein Taxi. Zwei Monate später wurde er in Lettland verhaftet.

Der 19-Jährige bekannte sich nur zu Schlepperei geständig. Vom Tod der Flüchtlinge habe er erst bei seiner Verhaftung erfahren.

Um den Schlepperlohn, 1500 Euro, habe er unter anderem Kopfhörer gekauft, um Musik hören zu können, und sich ein Tattoo stechen lassen.

Der 19-Jährige war eines der Rädchen in einem großen Schleppernetzwerk. 19 weitere Beteiligte sind in Eisenstadt bereits verurteilt worden. Fast 100 Fahrzeuge wurden sichergestellt, die Organisation hatte eine eigene Werkstatt.

Vor Gericht behauptete der Angeklagte, er habe nicht gewusst, wie viele Menschen sich im Laderaum des von ihm gelenkten Autos befanden.

„Sie transportieren Menschen, nicht Gegenstände oder Tiere“, wunderte sich Richterin Gabriele Nemeskeri. „Da interessiert es Sie nicht, wie viele Menschen da drinnen und wie sie untergebracht sind?“

Er habe gedacht, dass die Flüchtlinge genug Platz hatten, so der Angeklagte.

„Als die Menschen klopften und schrien: Kamen Sie da auch nicht auf die Idee, dass es ihnen schlecht geht?“, fragte die Richterin.

„In dem Moment habe ich nicht daran gedacht“, sagte der Angeklagte.

Die Flüchtlinge, die am Beifahrersitz saßen, versuchten ihm das Leid ihrer Landsleute mit Hilfe von Google Übersetzer am Handy begreiflich zu machen. Auf Arabisch riefen sie ihm zu, dass Mitreisende zu sterben drohten. Auf Englisch forderten sie: „Stop the car!“

„Ich verstand, dass etwas Gefährliches passiert“

„Ich habe verstanden, dass etwas Gefährliches passiert“, gab der Angeklagte zu.

„In dem Moment machte ich den größten Fehler“, sagte der junge Lette.

Er blieb nicht stehen, ließ die um Luft ringenden Menschen nicht aussteigen, sondern fuhr weiter. Acht Stunden lang.

„Zwei Menschen sind gestorben, weil Sie nicht stehenblieben“, sagte die Richterin.

Die beiden Männer im Alter von 37 und 33 Jahren, die die Fahrt nicht überlebten, hatten an Atemwegserkrankungen gelitten und waren untergewichtig gewesen. Laut dem medizinischen Sachverständigen kamen sie bereits in Ungarn ums Leben.

Die Geschworenen sprachen den Angeklagten einstimmig der Schlepperei schuldig.

Die zweite Hauptfrage nach dem Mord wurde mit sieben zu einer Stimme verneint. Hingegen wurde die Eventualfrage nach dem Delikt der Körperverletzung mit tödlichem Ausgang einstimmig bejaht.

Der Lette wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er nahm dieses Urteil an. Die Staatsanwältin gab keine Erklärung ab.

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