Hendler übt Kritik an „überholtem System“. Die Gesundheitswissenschafterin Janine Hendler übt im dritten Teil der BVZ- Serie „Ärztemangel“ Kritik am bestehenden Vertragssystem für niedergelassene Ärzte.

Von BVZ Redaktion. Erstellt am 21. Juni 2019 (11:33)
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Diplomiert. Janine Hendler mit ihrer Abschlussarbeit.

Janine Hendler weiß in doppelter Hinsicht, wovon sie spricht. In Theorie — sie hat integriertes Versorgungsmanagement an der FH Burgenland studiert — und Praxis: Sie hat sich den Fuß gebrochen und muss nun öfters (Wahl-) Ärzte aufsuchen.

Die kennt sie gut: Für ihre Diplomarbeit hat sie neun Wahlärzte interviewt und stolze 207 Patienten-Fragebögen ausgewertet. Das Resultat ist eine ziemlich klare Antwort auf die Frage, wieso immer weniger Jungärzte sich niederlassen und einen Kassenvertrag unterschreiben wollen: „Das System ist fast 50 Jahre alt und gehört generalüberholt.“ Hendler spricht damit den gesetzlichen Rahmen an, der Kassenärzte gegenüber Wahlärzten grob benachteiligt.

„Kassenärzte müssen 22 Wochenstunden Patienten behandlen, das entspricht einer Arbeitsbelastung von 50 Wochenstunden“, erklärt Hendler. Wahlärzte können sich ihre Zeit frei einteilen. Nebenbei noch im Spital tätig zu sein, ist somit für Vertragsärzte schwer möglich. Dort warten aber die spannenden Fälle, die Ordninationstätigkeit werde eher als „Fließband-Arbeit“ angesehen.

Neben der heutzutage so wichtigen Work-Life-Balance, also dem ausgeglichenen Verhältnis von sinnstiftender Arbeit und erfüllender Freizeit, geht es aber natürlich auch ums Honorar. „Um 3.000 Euro Umsatz zu machen, braucht ein Wahlarzt im Schnitt 24 Patienten, ein Kassenvertragsarzt 67, also mehr als das Doppelte“, hat Hendler ausgewertet.

Was diese unfaire Entlohnung mit sich bringt, ist auch ein mangelndes Arzt-Patienten-Verhältnis: „Bei den gängigen Arbeitszeiten und Honorarsystemem kann ein Wahlarzt 45 Minuten für einen Patienten verwenden, ein Kassenarzt aber nur zehn Minuten.“ Gerade dieses Verhältnis ist es aber, das nicht nur die immer mündiger werdenden Patienten wünschen, sondern auch die Jungärzte selbst. Die gemeinsame so genannte „Partizipative Entscheidungsfindung“ gäbe sowohl Ärzten als auch Patienten mehr Sicherheit, erklärt Hendler.

Was ist nun die Lösung für den Kassenärztemangel? „Die Forderung der Ärztekammer nach mehr Kassenstellen ist sicher gut gemeint, allerdings sind die jetzigen Stellen ja schon kaum zu besetzen. Die von der Krankenkasse forcierten Primärversorgungszentren werden die Arzt-Patienten-Beziehung auch nicht verbessern.“ Und Hendler resümmiert: „Es braucht eine Generalüberholung: Kassenärzte müssen mehr wie Wahlärzte arbeiten können.“