Roma: „Einfach weg“. St. Margarethen hatte mit 144 Personen die größte Roma-Siedlung im ganzen Nordburgenland. Eine Buchpräsentation widmete sich der Verfolgung der Volksgruppe.

Von Peter Wagentristl. Erstellt am 25. Juni 2021 (06:05)
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Präsentation. Die Autoren Herbert Brettl und Gerhard Baumgartner mit KuBiKu-Obfrau Lore Talos, Bürgermeister Eduard Scheuhammer und Verleger Horst Horvath.
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Der Verein KuBiKu (Initiative für Kunst, Bildung und Kultur) von Lore Talos organisierte in Sankt Margarethen eine Buchpräsentation von „,Einfach weg!‘ Verschwundene Romasiedlungen im Burgenland“ mit den Autoren Gerhard Baumgartner und Herbert Brettl.

Im voll ausgebuchten Gemeindesaal leitete Bürgermeister Eduard Scheuhammer mit einigen Worten zur Geschichte der Roma in St. Margarethen ein. Mit 144 Bewohnern war die Volksgruppe in der Gemeinde stärker vertreten als in jeder anderen Gemeinde. Beobachtbar war auch die Entwicklung, dass die Roma-Bevölkerung aus den Nachbargemeinden zu einem großen Teil nach St. Margarethen zog.

Dokumentiert ist die Geschichte der Volksgruppe von offizieller Seite eher schlecht. Die Siedlungen fehlen im Grundbuch fast gänzlich. Andererseits existiert eine Vielzahl an Fotodokumenten der Roma-Siedlungen. Die Autoren durchwühlten für ihr Buch „,Einfach Weg!´ Verschwundene Romasiedlungen im Burgenland“, Archive des Landes und privater Sammler.

Die mangelnden Aufzeichnungen erschwerten den Roma, die den Holocaust überlebten, auch den Anspruch auf Wiedergutmachung. Oft war daran freilich auch die weiterhin vorherrschende antiziganistische Haltung der Bevölkerung schuld. So wurde in St. Margarethen noch in den 50er Jahren ein Ansuchen auf Entschädigungszahlung mit der Begründung abgelehnt, dass dies „den Unmut der Bevölkerung wecken würde.“

Das Burgenland machte sich bei den Nazis einen Ruf als Vorreiter beim Antiziganismus. Nazi-Landeshauptmann Portschy gilt im gesamten Deutschen Reich als Chefideologe des Hasses auf die Roma. Im Gegensatz zu Juden, Kommunisten, Homosexuellen und anderen Verfolgten wurden die Roma am Papier nicht wegen ihrer Volksgruppenzugehörigkeit, sondern mit dem — freilich ausschließlich rassistisch motivierten — Vorwurf, sie seien asoziale Arbeitsverweigerer verfolgt, vertrieben und ermordet. Viele wurden für den Bau des Ostwalls missbraucht und kamen dort ums Leben. Andere wurden in Konzentrationslagern ermordert, Tausende ließ man im Lager in Lackenbach an Typhus sterben.

Gedenktafeln für den Mord an den Roma gibt es im Burgenland allerdings kaum, auch nicht in der Gemeinde mit den ehemals größten Roma-Siedlungen. Nicht nur die Angehörigen der Volksgruppe — die entgegen des herrrschenden verklärten Geschichtsbildes zum überwiegenden Teil sesshaft und keine Nomaden waren — wurden aus dem Ortsbild entfernt. In den meisten Gemeinden war neben den Siedlungen auch die Erinnerung an die Verbrechen gegen die Roma „einfach weg“, zumindest von öffentlicher Seite.