„Stollen“ als mahnende Erinnerung

Der Südostwall-Stollen in St. Margarethen ist ein Relikt der letzten Kriegsmonate.

Erstellt am 04. November 2021 | 02:15

Zu Allerheiligen gedenken Katholiken nicht nur ihrer verstorbenen Angehörigen und Freunde, sondern Gefallenen der beiden Weltkriege. Häufig ist dabei von „Helden“ oder „Opfern“ die Rede. Dass es rund um diese beiden Zuschreibungen oft bline Flecken gibt, kann man sich in einem Waldstück zwischen Familypark und Römersteinbruch in Erinnerung rufen. Dort mahnt ein winziges, gut verstecktes Loch in der Erde an die letzten Wochen und Monate des Zweiten Weltkrieges. Dahinter befindet sich nämlich der sogenannte Südostwallstollen.

Zu finden ist der Eingang vom Festspiel-Parkplatz („Zieselwiese“) aus. Am Waldrand führt dort ein Trampelpfad entlang einer steilen Böschung zum Tunneleingang. Nicht nur, dass man das kleine Loch leicht übersieht, dahinter würde wohl niemand einen 25 Meter langen Stollen aus dem Zweiten Weltkireg vermuten. Wer frei von Klaustrophobie und (im Gegensatz zum Autor, siehe Bild oben) schmal genug ist, um durch den Einstieg zu passen, kann den Stollen selbst besichtigen. Ein Seil ist dabei empfehlenswert, der Ausgang ist eng und steil.

Zwangsarbeiter mussten eigenhändig Stollen graben

Gegen Ende des Krieges, als die Nazis bereits mit dem Rücken zur Wand standen und die Niederlage eigentlich schon besiegelt war, mussten Juden, Roma, politische und Kriegs-Gefangene an der burgenländischen Grenze unter Zwang den sogenannten Südostwall errichten. Dabei kam es zu zahlreichen Erschießungen, andere wurden zu Tode geschunden. Geplant war die Errichtung entlang der Linie Bratislava-Parndorf-Mörbisch-Sopron-Deutschkreuz-Nikitsch. Insgesamt mussten am Verteidigungswall, der sich militärisch schließlich als unnütz herausstellte, 80.000 Menschen, schuften. Viele davon KZ-Häftlinge und aus Gefangenenlagern wie jenem im naheliegenden Siegendorf.

In St. Margarethen setzten die Faschisten zudem auf Bunker und Stollen. Weit kamen die Nazis mit ihren Plänen für den unterirdischen Rückzugsort allerdings nicht. Gerade einmal 25 Meter reicht der Stollen, den Zwangsarbeiter, die im benachbarten Steinbruch eingesetzt waren, eigenhändig graben mussten. Aufzeichnungen und gesicherte Informationen zum Südostwallstollen sind zwar rar, mit hoher Wahrscheinlichkeit kam den Nazis die Rote Armee zuvor und befreite die Zwangsarbeiter in St. Margarethen — der Gemeinde mit der ehemals größten Roma-Siedlung im Nordburgenland.

Bekannt ist der Südostwallstollen kaum jemandem, auch in der Gemeinde selbst. Während es für die Kriegsheimkehrer Organisationen wie den Kameradschaftsbund gibt, der in St. Margarethen den „Heimkehrern“ regelmäßig gedenkt, gerät das Leid der Zwangsarbeiter aus dem Steinbruch zunehmend in Vergessenheit.

Mahnmal an Verbrechen der letzten Kriegsmonate

Als die Rote Armee dem Burgenland immer näher kam, wurden tausende Häftlinge von den Baustellen des Südostwalls auf Todesmärschen Richtung Westen geschickt. Etwa aus dem Römersteinbruch, wo sich ein Sammellager für bis zu 6.000 Juden aus Sopron und Umgebung befand. Alleine dort wurden mindestens 18 Häftlinge durch SS-Wachen mit Steinen erschlagen. Nicht zuletzt dieser Toten sollten wir zu Allerheiligen gedenken.