Eisenstadt: Ein Buch gegen das Vergessen

„Wolfgarten“-Lehrer schrieb Buch über namensgebende jüdische Familie Wolf.

Erstellt am 28. November 2021 | 06:23
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Lukas Pallitsch
Lehrer, Läufer und jetzt auch Autor. Das 1985 in Eisenstadt geborene Multitalent Lukas Pallitsch widmete der jüdischen Weinhändler-Familie Wolf – von ihnen stammt der Name „Wolfgarten“ – ein Buch.
Foto: Kaiser

Als Schüler im Gymnasium der Diözese suchte sich Lukas Pallitsch immer einen Platz am Fenster aus. Er blickte gerne in die Natur, auf Wald und Wiesen rund um den „Wolfgarten“. Wieso der Ort so heißt, war zu seiner Schulzeit schon nur ein Randthema. Als er Jahre später als Lehrer zurückkehrte, war der Bezug zur namensgebenden Familie Wolf unter den Schulkindern ganz verschwunden. Für Pallitsch war das ein Handlungsauftrag.

„Lernen funktioniert als biografisches Lernen sehr gut. Und zur eigenen Geschichte hat man überhaupt einen starken Bezug“, erklärt Pallitsch im BVZ-Gespräch. Der Doktor der Philosophie weiß, wovon er spricht. Als Fachinspektor bildet er an der Pädagogischen Hochschule nicht nur die Lehrkräfte von morgen aus, sondern unterrichtet auch an „seiner“ Schule, dem „Wolfgarten“.

Dem Burgenland so viel gegeben – aber vertrieben

Beim Theologie-Studium gewann Pallitsch einen starken Bezug zum Judentum. „Oft ist gar nicht bewusst, dass das Christentum im Judentum wurzelt. Es sind Geschwister – mit allen schönen aber auch harten Zeiten“, erklärt er.

Diese beiden Bezugspunkte, das Judentum und der „Wolfgarten“, brachten Pallitsch zur Familie Wolf. Die Eisenstädter Weinhändler-Familie hat den Unterberg und ganz Eisenstadt geprägt. Leopold Wolf gehörte das spätere Schulareal. Hier baute er sein Mausoleum, nachdem er als (eigentlich zionistisch gesinnter) Jude eine Christin geheiratet hatte. Neben ihr hätte er am jüdischen Friedhof ja nicht beerdigt werden können. Es kam aber ohnehin alles anders für die Familie Wolf: Die Nazis marschierten in Österreich ein, das Burgenland wurde als erstes Bundesland „judenfrei“ erklärt. Die Wolfs kamen nach Dachau, konnten aber nach Palästina ausreisen. Hinter sich lassen mussten sie ihre Kunstsammlung, die den Grundstock für das Landesmuseum bilden sollte. Zurück kamen sie nicht. „Man hat mir die Heimatliebe ausgebläut“, schrieb Leopolds Bruder Sándor aus Palästina.

„Kollektives Gedächtnis bleibt nur drei bis vier Generationen erhalten, wenn man es nicht auffrischt.“ Das also war die Motivation des leidenschaftlichen Läufers: Die Erinnerung nicht davonlaufen zu lassen. Diesen theologisch-pädagogischen Auftrag packte er in das Buch – zusammen mit Beiträgen berühmter Theologen wie Wolfgang Treitler aber auch Siegmund Kleinl.

„Die Kinder im Wolfgarten reagieren sehr interessiert darauf. Sie verstehen die Wolf-Familiengeschichte auch als ihre eigene Geschichte“, so Pallitsch. Er sieht generell mehr Bedarf an burgenländischer Landesgeschichte, aber auch Erinnerungskultur: „Stolpersteine“, also im Boden verlegte, kleine Gedenktafeln für NS-Opfer, „haben wir als einziges Bundesland noch nicht.“