Auf der Suche nach der verlorenen Eindeutigkeit. Über Kunst und Corona, über Natur und Autobahn sowie über Sprache und Identität unterhielt sich die BVZ mit der Literatenfamilie Franz, Franziska und Tochter Theodora Bauer.

Von Markus Wagentristl. Erstellt am 31. Mai 2020 (04:12)
Schreiben liegt ihnen im Blut: Die Großhöfleiner Literaten-Familie Bauer: Franz, Franziska und Theodora (v.l.).
Markus Wagentristl

Es ist ein steiler Anstieg hinauf zu den Bauers. Wer sich den mit dem Fahrrad antut, hat genug Zeit um sich mehr oder weniger sinnvolle Analogien zu überlegen. Etwa, ob man da gerade den literarischen Olymp des Burgenlandes hinauftrete. Oder, ob es vielleicht eine Sisyphos-Arbeit zu werden drohe und man unverrichteter Dinge wieder bergab rollen muss.

Es wird aber schnell alles gut: Ganz oben am Großhöfleiner Hausberg wartet Franz Bauer mit der pannonischen Antwort auf den Nektar der altgriechischen Götter auf, womit natürlich ein Spritzer gemeint ist.

Der Garten der Bauers ist auch nüchtern betrachtet himmlisch: Die schöne Variante von wilder Natur, die moderne Variante klassischer Steinmauer. Dazu kommt – so absurd es klingen mag – der zweifelsohne schönste Komposthaufen des Landes. Er ist so schön, dass landschaftsarchitektonisch unbedarfte Journalisten ihn durchaus mit einer Kulisse für ein Familienfoto verwechseln können (siehe Bild rechts oben). Womit das erste Thema, die Natur, eigentlich schon angeschnitten ist.

Der Franz und die Natur

„Hier habe ich 50 Dezibel gemessen“, erklärt Franz Bauer und weist mit dem Kopf in Richtung Autobahn. Beim Kampf gegen den Lärm und den Ausbau der A3 hat er mit seiner Bürgerinitiative bewiesen, dass man einen Kampf gegen Windmühlen hin und wieder eben doch gewinnen kann. Überhaupt ist Franz Bauer trotz seiner ruhigen und besonnenen Art einer, der sich durchzusetzen weiß. Vor allem was Fragen der Natur betrifft: Das erste E-Bike des Landes hat er in seiner Funktion als Landesregierungs-Amtsrat angeschafft.

Bei Fragen, die die menschliche Natur betreffen, verhält es sich nicht anders: Als Theodora auf die Welt kam, war Bauer der erste pragmatisierte Beamte des Landes, der in Väter-Karenz ging. Das werde seiner Karriere schaden, habe man ihm damals noch gesagt. „Welche Karriere hab ich als Maturant denn hier?“, hat der spätere Oberamtsrat nur lachend geantwortet.

Seine Erfahrungen mit dem Beamtentum verarbeitet er gerade in seinem neuen belletristischen Erstling (siehe Infobox). „Die Theodora“, sagt er bescheiden, „hat mich wieder zum Schreiben gebracht. Vor der Beamten-Natur hat er sich der Natur der Leitha gewidmet und einen überraschend dicken Fluss- und Wander-Führer geschrieben. „Bei gutem Wasserstand kann man mit dem Kanu von Wimpassing bis Györ mit dem Kanu fahren“, macht der 62-Jährige Lust, den Leitha-Mikrokosmos zu ergründen.

Die Franziska und die Sprache

Den etwas größeren Kosmos hat seine Frau Franziska erkundet. Obwohl auch hier am Anfang der Reise ein Mikrokosmos stand, nämlich der Burgenland-Kroatische.

„Ich bin als Zehnjährige von Güssing nach Eisenstadt gekommen und habe einen Auftritt der Osliper Tamburica gesehen“, erinnert sie sich noch genau. „Das habe ich nicht gekannt, aber mir ist sofort das Herz aufgegangen. So ist meine Liebe für das Slawische entstanden.“ Diese führte sie vom Kroatisch-Unterricht bis zum Russisch-Studium.

Leicht sei das nicht gewesen, erinnert sich Franziska Bauer, meint damit aber überraschenderweise nicht das Studium, sondern den Kroatisch-Unterricht, bei dem sie als „Deutsche“ natürlich im Nachteil gegenüber den Burgenland-Kroaten war. Vielleicht war ja auch das einer der Antriebe, ihre Deutsch-Lernbücher zu verfassen, für die sie sogar mit einem Preis ausgezeichnet wurde.

„Bei der Mama landet man immer bei den Russen – oder in der Schule“, unterbricht Tochter Theodora lachend.

Das provoziert die Lehrerin in ihrer Mutter: „Im Grunde ist der Homo Sapiens immer noch ein Affe, den man mit Bildung zur Humanitas (Menschlichkeit) führen muss.“

„Die Mama gibt die Hoffnung nie auf, dass man die Menschen zum vernünftigen Handeln anleiten kann“, hat Theodora diese Rede anscheinend schon öfter gehört.

Immerhin hat der Lerneifer Franziska Bauer nach der russischen nun auch die digitale Welt erschlossen: Sie betreibt einen Youtube-Channel und ist auf Facebook sehr aktiv. So, erzählt sie stolz, habe sie auch die Co-Autorin ihres zweisprachigen Lyrik-Bandes, Mary Nikolska, kennengelernt. Für ihren russisch-deutschen Lyrik-Band haben sich die Beiden ausschließlich über Facebook ausgetauscht.

Die Theodora und die Welt

Theodora Bauer hat sich die Welt lieber „analog“, mit eigenen Augen, angeschaut. Und zwar anders als die Mama nicht die östliche, sondern westliche Seite der Welt. „Ich hatte zuerst Vorurteile gegenüber den USA, wollte aber genau deswegen dorthin“, erklärt sie.

Die Faszination für das Land habe sich dann aber schnell eingestellt: „Es ist ein Land der Extreme, wo Arm und Reich extrem eng aneinander existieren. Auch die gesellschaftlichen Bruchlinien zeigen sich hier deutlicher. Etwa durch das Grassieren von Verschwörungstheorien.“

Im Zuge von Residence-Programmen, bei denen Autoren ein Schreib- und Lernaufenthalt finanziert wird, war Theodora Bauer nun schon mehrere Monate an den verschiedensten Orten in den Vereinigten Staaten.

Auffallend anders ist für die 30-Jähre auch das identitäre Konzept in den USA: „Wenn man in die USA übersiedelt, ist man nach wenigen Jahren schon Austro-Amerikanerin. Bei uns im Burgenland hingegen nennt sich meine Mutter immer noch eine ‚Zugroaste‘, obwohl sie schon als Zehnjährige nach Eisenstadt gekommen ist.“

Als Erklärung hat sie für so einen jungen Menschen überraschend weise Worte parat: „Dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit kommt oft genau in Grenz-Gegenden zum Vorschein – also in Gegenden, die eigentlich gar nicht so prädestiniert sind dafür.“ Und wer genau aufgepasst hat, erkennt das Meta-Thema ihres Romans „Chikago“ dahinter.

Das Virus und der neue Roman

Da derzeit sowohl Theodoras Theater-Projekte, als auch ihr ServusTV-Literaturmagazin eine Zwangspause einlegen mussten, bleibt nun wieder mehr Zeit für das neue Roman-Projekt.

„Ich möchte die jüngere Geschichte Wiener Neustadts erzählen, die ja auch eine Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie ist.“ Charles Dickens „Geschichte zweier Städte“, runtergebrochen auf eine Stadt also? Das scheint hinzukommen: „Von den Anfängen der Industrie, über die ersten Streiks, die Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Wiederaufbau und der veränderten Arbeitswelt heute ist es ein weiter, aber sehr spannender Bogen“, beschreibt Theodora den Hintergrund. Der Papa, der gebürtige Wiener Neustädter, nickt daneben zustimmend und auch sichtlich stolz.

Noch ist sie aber in der Recherchephase: „Ich bin eher die Art Autorin, die sehr penibel vorab recherchiert. Einfach drauf loszuschreiben – das ist nicht so meines.“

Ein drohender Regenguss unterbricht das Interview nach gestoppten 96 Minuten abrupt. Es hat sich – im besten, weil lehrreichen Sinne – wie eine Vorlesung angefühlt. Franz Bauer blickt nach oben den Regentropfen entgegen: „Da freut sich die Landwirtschaft.“

Der Weg vom literarischen Olymp hinab geht schnell. Schneller, als er beim Bergabfahren mit einem Rucksack voller Leseproben ohnehin gehen sollte. Fast so, als hätten die mitgenommenen Ideen von burgenländischer Grenzland-Identität, von dem Gewinn durch Mehrsprachigkeit und dem Kampf zwischen A3 und Natur ihr eigenes Gewicht entwickelt.