Eisenstädter Stations-Arzt: "Corona ist unberechenbar". Covid ist keine Grippe, trifft nicht nur Alte und Masken helfen sehr wohl. Ein Arzt der Corona-Station des Krankenhauses Barmherzige Brüder Eisenstadt räumt im BVZ-Interview mit gängigen Corona-Missverständnissen auf.

Von Markus Wagentristl. Erstellt am 19. November 2020 (05:55)
Mittlerweile ist eine dritte Covid Infektionsstation im Krankenhaus Barmherzige Brüder Eisenstadt eingerichtet. Auf den Covid-Stationen sammelt Dr. Christian Toth Erfahrungen mit dem neuartigen Virus.
BB/Schmirl

Oberarzt Dr. Christian Toth aus Eisenstadt ist Facharzt für Innere Medizin und seit 2015 im Krankenhaus Barmherzige Brüder Eisenstadt. Er ist auch in der Corona-Station tätig und hat derzeit alle Hände voll zu tun. Für die Fragen der BVZ nahm er sich dennoch Zeit.

BVZ: Was sagen Sie jenen Menschen, deren Meinung nach Corona nur eine Art Grippe sei?

Dr. Christian Toth: So wie die Influenza ist Covid-19 eine Viruserkrankung, die aber wesentlich infektiöser ist, mit einem sehr raschen Anstieg und sehr schweren Verläufen, insbesondere Erkrankungen der Lungenfunktionen. Das bedeutet, dass mehr Patienten im Krankenhaus behandelt werden müssen als bei Influenza und ein Prozentsatz davon in weiterer Folge auch eine Behandlung auf einer Überwachungs- oder Intensivstation braucht. Während einer Grippewelle sind mehr Patienten zu Hause behandelbar als bei einer Corona-Virusinfektion.

Was erhoffen Sie sich von der Corona-Impfung?

Toth: Mit dem Grippevirus leben wir schon lange, daher ist es für uns berechenbarer geworden. Es zeigt nicht so viele Facetten. Bei der Grippe wissen wir, sie ist saisonal, es gibt eine Impfung, es gibt Erfahrung zu den Verläufen zu den anzuwendenden Therapien. Bei der Corona-Viruserkrankung trifft das nicht zu. Es gibt noch keine ausgereiften Therapieformen, es gibt keine Impfung und wir wissen nicht, wann sie kommt. Wir Mediziner sind alle in einem Lernprozess, weil wir vieles über das Corona-Virus noch nicht wissen.

Wieso spitzt sich die Lage gerade jetzt so dramatisch zu?

Toth: Im Winter ist das Immunsystem geschwächter und wir halten uns mehr in geschlossenen Räumen auf. Das sind Gründe, warum Virusinfektionen im Herbst/Winter/Frühjahr IMMER häufiger ausbrechen als im Sommer, wo die Ansteckungsraten geringer sind. Ganz weg ist die Grippe im Sommer auch nicht.

Was sind Ihre Erfahrungen bei der Covid-Behandlung in Eisenstadt?

Toth: Über das breite Symptomprofil des Virus und auch in den Therapien haben wir jetzt schon mehr Wissen als zu Beginn der Virusinfektion.

Was das Virus weiterhin unberechenbar macht, ist, dass der Gesundheitszustand von Covid-Patienten, die stabil scheinen, extrem schnell kippen kann, dass sie eine Beatmung und intensivmedizinische Behandlung benötigen. Die Krankheitsverläufe sind weniger berechenbar, als wir das sonst kennen.

Um beim Vergleich mit der Grippe zu bleiben. Bei einer Grippevirusinfektion verschlechtert sich zwar der Gesundheitszustand kontinuierlich, aber nicht so schnell und plötzlich.

Was ist im Krankenhausbetrieb anders gegenüber dem 1. Lockdown im Frühjahr?

Toth: Im Augenblick versuchen wir einen Normalbetrieb, wenn auch in reduzierter Form, möglichst lange aufrecht zu halten und fortzuführen. Denn Corona ist nicht anstatt anderer Erkrankungen sondern ist hinzu gekommen. Da steigt die physische Belastung, weil wir noch mehr Patienten haben, als im Normalbetrieb.

Trifft es wirklich nur alte Menschen so schlimm, dass sie Intensiv-Behandlung brauchen?

Toth: Es kann jeden treffen, es ist keine Frage des Alters! Ein Krankheitsverlauf ist, unabhängig vom Alter, nicht vorhersehbar. Vorerkrankungen spielen eine Rolle, aber rein am Alter lässt sich die Intensität eines Krankheitsverlaufs nicht festmachen. Es gibt auch junge Patienten, die einen intensiven Krankheitsverlauf haben und lange an einer Coronavirusinfektion leiden.

Kann man mit Maskentragen und Händewaschen etwas ändern?

Toth: Jeder Einzelne von uns kann mit der Einhaltung der bekannten Kleinigkeiten seinen Beitrag leisten, um die Verbreitung des Virus einzudämmen: Abstand halten, Maske tragen, soziale Kontakte reduzieren und regelmäßige Händedesinfektion.

Gerade das Masken-Ttragen – ich verstehe es, es ist unangenehm – aber wenn wir wollen, dass es endet, kann und muss jeder von uns einen kleinen Beitrag leisten.

Haben Sie noch genug Betten und Personal in der Intensivstation?

Toth: Wenn wir uns an die Regeln halten, werden wir hoffentlich gut durch den Winter kommen. Was in den Medien aus den Spitälern berichtet wird, das ist real. Das Gesundheitssystem ist derzeit wirklich sehr belastet und die die Kapazitäten sind enden wollend. Wir arbeiten an unserem Limit.

Wie schätzen Sie die Entwicklung für die nächsten Wochen ein?

Toth: Den exponentiellen Anstieg müssen wir jetzt bremsen! Daher nochmals - jeder kann dazu seinen Beitrag leisten.

Das Problem mit den Ankündigungen von Lockdowns ist, dass an den Tagen davor ein Shopping-Wahnsinn ausbricht und alle in die Einkaufszentren strömen. Die Auswirkungen vom vergangenen Wochenende und von Montag werden uns voraussichtlich nächste Woche begegnen, denn die Inkubationszeit ist mit 7 bis 10 Tagen bekannt. So können wir uns ausrechnen, ab wann es neue Infektionszahlen gibt.

Ich hoffe aber, dass sich die Zahlen zumindest stabilisieren und nicht noch weiter steigen.