Rote UNESCO-Liste wird konkreter. Nach langem Drängen von Naturschützern stellt die UNESCO nun Ungarn die Route ins Fenster und droht mit der„Roten Liste“, sollte der Mega-Bau nicht gestoppt werden.

Von Markus Kaiser, Daniel Hahofer und Peter Wagentristl. Erstellt am 10. Juni 2021 (05:41)

Nachdem sich Umweltorganisationen wie „Alliance for Nature“ seit geraumer Zeit gegen die Verbauung des Neusiedler Sees sowohl auf ungarischer als auch auf österreichischer Seite stark machten, kommen nun die ersten Steine ins Rollen. Die UNESCO schaltetete sich ein und wandte sich an die ungarische Botschaft.

In einem offiziellen Schreiben spricht sich das UNESCO-Welterbe-Zentrum gegen den aktuell geplanten Mega-Bau in Fertörakos aus. Das Bauprojekt würde „in seiner Größe und Form der Authentizität und Integrität der Kulturlandschaft ‚Fertö/Neusiedler See‘ schaden“ sowie „den außergewöhnlichen, universellen Wert des Gebietes beeinträchtigen“.

ICOMOS erläutert Bauvorhaben

Des Weiteren verweist die Mitteilung auf einen Bericht von ICOMOS International (der BVZ liegt der Bericht vor), der die Kritikpunkte des Bauvorhabens erläutert und zu einem Stopp der Bauarbeiten am ungarischen Seeufer rät. Sollte dies nicht passieren, droht die Eintragung des Gebietes auf die „Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten“. Christian Schuhböck von der „Alliance for Nature“ stuft die Intervention der UNESCO als „wichtigen Teilerfolg“ ein: „Wir versuchen seit zwei Jahren, die UNESCO über die Problematik zu informieren. Die jetzige Übermittlung seitens der Direktorin an den ungarischen Botschafter ist daher ein äußerst bedeutsamer Schritt.“

„Sollte kein Stopp erfolgen, muss der Neusiedler See auf die ‚rote Liste‘ gesetzt werden.“ Christian Schuhböck, Alliance for Nature.

Die UNESCO plant nun im Zuge einer Sitzung im Juli, über die Eintragung der Kulturlandschaft am Neusiedler See auf die „Rote Liste“ zu diskutieren. Entscheidend sei allerdings die Reaktion Ungarns auf die Forderungen der UNESCO. „Sollte kein Stopp erfolgen, muss der See auf die ‚Rote Liste‘“, fasst Schuhböck zusammen.

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein

Doch nicht nur auf ungarischer Seite würden Tourismusprojekte entstehen, die der umliegenden Region schaden. Die „Alliance for Nature“ kritisiert insbesondere Projekte an österreichischen Seeufern, die direkt an Schilfgürteln oder auf offenen Wasserflächen errichtet werden. Hierzu zählen Bauvorhaben in Gemeinden wie Breitenbrunn, Neusiedl und Oggau. „Hier werden Halbinseln aufgeschüttet und Kanäle durch Schilfgürtel geschlagen, um Appartements bzw. Bungalows platzieren zu können“, bekrittelt Schuhböck. „Dies beeinträchtigt nicht bloß die Flora und Fauna, sondern auch das Landschaftsbild. Diese neu errichteten Gebäude haben mit der traditionellen, ländlichen Kultur und Architektur nichts mehr zu tun.“

Die Kritik an den österreichischen Bauprojekten teilen auch die ungarischen „Fertő tó barátai“ (Freunde des Neusiedler Sees). Obmann Gyula Mayor dementiert etwa, dass „wir österreichische Geschäftsinteressen vertreten. Leider wurden diese Argumente von Kommunalpolitikern und dem Projektleiter vorgebracht.“ Die Kritik am Mega-Projekt in Fertörakos sei auf ungarischer Seite häufig mit dem Vorwurf gekontert worden, die Kritik sei von der burgenländischen Tourismus-Konkurrenz gesteuert — was die Seefreunde freilich zurückweisen.

Ein weiteres Problem stellt eine angedachte Straßenöffnung von Mörbisch nach Fertörakos dar (von der die BVZ exklusiv berichtete): „Dadurch würde es zu motorisiertem Verkehr in der Nähe der Seeufer kommen. Dieses erhöhte Verkehrsaufkommen würde den Nationalpark sowie das Welterbe-Gebiet weiter beeinträchtigen.“

Grüne Kritik stößt auf Widerspruch

Die burgenländischen Grünen forderten die Landesregierung dazu auf, die Seeufer zu schützen. Alle Großprojekte auf der österreichischen Seite sollten, ebenso wie jenes in Fertörakos, vorläufig gestoppt und die UNESCO eingebunden werden, betonte Klubobfrau Regina Petrik in einer Aussendung. Einen entsprechenden Antrag der Grünen im Landtag habe die SPÖ im Vorjahr abgelehnt.

Das Engagement der Grünen betrachtet Schuhböck allerdings kritisch: „Die Grünen setzen sich immer wieder auf die Initiativen der ‚Alliance for Nature‘, beinharte Arbeit leistet die Partei jedoch nicht. Wir empfinden es als Frechheit, dass sie sich mit fremden Federn schmücken. Damit will die Partei bloß politisches Kleingeld verdienen.“ Zudem falle eine grenzübergreifende Umweltverträglichkeitsprüfung in die Kompetenz von Umweltministerin Leonore Gewessler — „sie sollten lieber ihre Parteifreundin animieren, die Hebel in Bewegung zu setzen.“

Ins selbe Horn bläst auch Naturschutzreferentin Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Eisenkopf: „Beim Projekt Fertörakos handelt es sich um ein Bauverfahren nach ungarischem Recht. Das Land Burgenland hat keine rechtlichen Möglichkeiten dagegen vorzugehen“, heißt es aus ihrem Büro.

Eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung, die das Burgenland immer wieder gefordert hatte, sei laut dem Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus für nicht notwendig befunden worden. Auch das Bundeskanzleramt habe damals keine Gefahr für einen Verlust des Welterbestatus gesehen.