Staubiger Ort, vielfältige Reize. Eine Reise nach Israel? Pilger können mitunter davon berichten, sahen im Heiligen Land drei Flugstunden von Wien entfernt vielleicht Betlehem, Jerusalem oder Nazareth, verbunden allenfalls mit einem Stopp im pulsierenden Tel Aviv oder einem Bad im nahen Toten Meer. Südlich davon kommt aber die Wüste.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 09. Januar 2019 (02:02)

Die Negev-Wüste beheimatet auf gut zwei Dritteln der Landesfläche Israels bestenfalls ein Zehntel der fast acht Millionen Einwohner. Abseits der klassischen Touristenströme ist das Dreieck zwischen Totem Meer, Ägypten und Jordanien aber ein Land, das das scheinbare Nichts und das sprudelnde Leben höchst plakativ verbindet.

Etwa in der Kleinstadt Mitzpe Ramon. Auf 900 Metern Seehöhe (das Tote Meer liegt im Vergleich mehr als 400 Meter unter dem Meeresspiegel) thront sie über einem bis zu 40 Kilometer breiten Meteoriten-Krater. Wer von den wilden Klippen ins weitläufige, dürre Natur- und Landschaftsschutz-Gebiet blickt, wähnt sich auf einem anderen Planeten. Umso überraschender ist die bunte Tierwelt, die sich hier behauptet – selbst Leoparden und Wölfe tun das, wie der überwältigend inszenierte Film im Besucherzentrum (merke: alle Filme in Israels Besucherzentren sind überwältigend inszeniert) zeigt.

Isoliert … aber nicht verloren

„Das ist die einzige Wüste weltweit, an der von jeder Stelle aus via Handy Hilfe angefordert werden kann. Heli und Arzt sind in maximal zwei Stunden zur Stelle“, sagt Alen, der sein eigenes Überleben in der Wüste mit Jeep-Touren sichert. Gut zu wissen. Jagt doch der knorrige Ironman-Veteran gerade sein 23 Jahre altes Gefährt über eine irre Schotterpiste durch den Kraterboden. „Das ist der isolierteste Ort Israels – aber, 37 Kilometer von der Zivilisation entfernt, auch der sauberste.“

Der tausend Kilometer lange Israel National Trail zwischen Nord und Süd führt indes Weitwanderer hier durch, Mountainbiker sieht man genauso. Verirren kann man sich laut Ironman Alen dank lückenloser Beschilderung nicht. Verdursten mit etwas Weitblick auch nicht: Auf tadellosen Campingplätzen lässt es sich nicht nur gepflegt nächtigen, sondern auch mit dem größten Luxus der Gegend eindecken: Wasser. Laut Alen fallen davon bloß 200 Milli-liter pro Quadratmeter vom Himmel. Pro Jahr, wohlgemerkt.

Datteln aus Zeiten Jesu Christi?

Komfortabler geht es im Auto über tadellose Straßen, die von Ramon und Totem Meer schnurstracks in eine Richtung zeigen: Eilat, sowas wie das Las Vegas am Roten Meer. Das Landschaftsbild wirkt am Weg wie eine Endlosschleife: Links in einer unüberschaubar langen Kette die mehr als 1.700 Meter hohen jordanischen Berge, rechts die weniger hohen Ausbuchtungen des Negev. Größere Orte gibt es hüben wie drüben nicht, die Monotonie unterbrechen die Nachweise dafür, dass es auch hier Leben gibt: Dattelhaine, die oft kilometerlange Farbstreifen in die karge Landschaft ziehen, bringen in der trockenen Affenhitze dank Zugang zu Grundwasser die fleischigen Medjouls hervor, die auch unser Supermarkt-Angebot dominieren. Ein drei Tage langes Fest wird den Datteln hier nach der Ernte im Herbst gewidmet.

Bewirtschaftet werden die Plantagen meist von jenen, die hier neben Beduinen am ehesten leben: von Bewohnern in Kibbu-
zim. Ein Kibbuz ist eine (oft) basisdemokratische Kollektivsiedlung mit geteiltem Eigentum und gemeinsamer Suche nach einer besseren Welt. In der Arava-Senke gibt es mehrere solcher Oasen verschiedenster Ausprägung, meist ein paar hundert Mitglieder schlank, aber sehr schlagkräftig. Der Kibbuz Ketura vereint ein Forschungsinstitut mit einer in 500- Glasröhren-Kilometern florierenden Mikroalgen-Produktion, der Stromproduktion aus 140.000
Panels sowie einer Dattelzucht.

Mit Glück wird hier eines Tages eine historische Dattel gedeihen: Am Tafelberg Masada wurde vor 2.000 Jahren eine gigantische Festung errichtet, die auch dank erhaltener Spuren der römischen Belagerung als UNESCO-Weltkulturerbe gilt. Vor 13 Jahren wurde einer der bei Ausgrabungen gefundenen Dattelkerne aus der Zeit Jesu Christi zum Keimen gebracht. Sobald auch ein männlicher Kern austreibt, können erste Methusalem-Datteln geerntet werden. Jetzt schon braut Neil, der Braumeister, in der eigenen Hausbrauerei als Spezialbier das köstlich herbe Smoked Date Ale.

Leben nach der „Erleichterung“

Für den Kibbuz Lotan sind Datteln sogar die Haupteinnahmequelle neben einem Ökotourismus, der zunehmend mehr Interessierte aus aller Welt in Kibbuzim spült. In Lotan ist alleine schon die „Erleichterung“ beim Gemeinschaftshaus ein Erlebnis, das etwa zu Klängen Vivaldis geschieht und dank Beimengung von Spänen ohne Spülung auf biologische Weise in den Naturkreislauf zur Gemüseaufzucht rückgeführt wird. Touristen, Studenten oder Seminarteilnehmer bestaunen auch, wie aus Essensabfällen Biogas zum Betreiben des Herdes oder Altware in schicken Wohnraum verbaut wird.

Vom Kibbuz zu Stein-Kolossen

Das Kibbuz Elifaz bietet am Fuße des Timna-Nationalparks tolle und günstige Fremdenzimmer, züchtet neben Zitrusfrüchten oder medizinischem Cannabis auch Datteln, die etwa in Form eines köstlichen Likörs erwerbbar sind. Elifaz ist an den spektakulären Timna-Park – einem breiten Tal-Einschnitt unter Klippen der Arava – angebunden. Der Timna-Ausflug ist ein Muss im Süden Isreals. Durch Erosion entstandene Stein-Kolosse ragen hier aus der staubigen Erde, darunter die ergehbare Säulenwand Salomons Säulen, die Sphinx oder die Pilze. Beim Besucher-Center am Timna-See kann man eine Runde mit dem Tretboot drehen, ein Bike zum Erstrampeln der Sehenswürdigkeiten auf ausgeschilderten Routen leihen oder zelten – und sich mit billigen Datteln eindecken. Im Timna-Park mit 150.000 Gästen im Jahr finden auch große Events statt, der Mountainbike-Marathon Samara-thon, das Live- oder das Camping-Festival, oder Yoga Arava, ein weitläufiges Yoga-Wochen-

ende mit tausend Teilnehmern, die sich zum Höhepunkt vor Salomons Säulen zu Sprüchen wie „playing with your limitations, but honoring them …“ gemeinsam der Sache hingeben.

Eilat: Großer Duty-Free-Shop

Quicklebendiger, blitzblanker Kontrapunkt zur staubigen Wüstenei ist ganz im Süden die Hafenstadt Eilat – nach 1945 zur Tourismus-Metropole aufgebaut, heute gut 50.000 Einwohner und über 10.000 Hotelbetten stark. Der Staat zeigt hier, wie Regionalförderung funktionieren kann: „Eilat ist als steuerfreie Zone ein großer Duty-Free-Shop, zieht Shopping-Fans aus allen Teilen des Landes an“, sagt Guide Michal. Das Wachstum kesselte den Flughafen irgendwann zwischen Bettenburgen und Shopping-Tempeln ein – also soll heuer stattdessen 18 Kilometer im Norden ein neuer Airport eröffnet und günstig an europäische Flughäfen angebunden werden.

Die schier endlose Flanier-, Party- und Fressmeile mit megalomaner Leuchtreklame, Bars, bis Mitternacht offenen Malls und Designer-Shops, Vergnügungspark oder Hotels auf der einen Seite, sauberem Badestrand mit Palmen am sanften Roten Meer auf der anderen, kann man lieben – muss man aber nicht. Wer es weniger schrill mag, der findet nämlich in naher Umgebung noch was, wofür Eilat steht: Wassersport-Möglichkeiten und wunderbare Natur-Erlebnisse.

Am Dolphin Reef lässt es sich am Strand und in Pools entspannen – oder mit Delfinen schwimmen und tauchen, wenn die es wollen. Betreiber Omer: Die Tiere kommen aus freien Stücken aus dem offenen Meer, weil sie den Kontakt mit Menschen mögen und selbst entscheiden können, wem sie wann nahe kommen oder fern bleiben. Unweit davon lädt die Coral Beach Nature Reserve zum Schnorcheln und Tauchen an Unterwasserpfaden entlang der Riffe. Der Underwater Observatory Marine Park vereint daneben tiefe Einblicke aus der Höhe oder von unter der Meeresoberfläche in die Riffs (deren Tiere, wie betont wird, nicht angefüttert werden). Mehr als 800 Arten sind in Aquarien oder Pools zu bestaunen.

Der Reiz des Südens in Israel ist vielfältig – vor allem als nahe Alternative in der kühlen Jahreszeit: Ist es bei uns am unwirtlichsten, dann kühlt der fast immer sonnige Negev auf angenehme Temperaturen ab. Das wiegt Gegenargumente wie echt heftige Geduldproben am Flughafen oder eine teils mäßige Service-Orientierung gegenüber Touristen durchaus auf.

Israel-Tourismus im Internet: https://new.goisrael.com