Ojan Assadian: „Die sechste Welle kommt im Oktober“

Erstellt am 22. September 2022 | 05:06
Lesezeit: 6 Min
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Ojan Assadian, Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Wiener Neustadt: Das Spital wird die Lehren aus der Pandemie in den Neubau des Klinikums einfließen lassen. Eine persönliche Lehre des Fachmanns: Langfristige Prognosen zur Corona-Entwicklung gibt er nach zwei Jahren Pandemie keine mehr ab.
Foto: Baldauf
Ojan Assadian, Spezialist für Infektionskrankheiten und Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Wiener Neustadt, über Prognosen für den dritten Corona-Herbst, die Lockerung der Maßnahmen und was das Spital aus der Pandemie mitnimmt.
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NÖN: In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Pandemie in den Hintergrund gerückt, Tests und Maßnahmen wurden zurückgefahren. Welche Rolle spielt Corona aktuell im Krankenhausbetrieb?
Ojan Assadian: Aktuell haben wir 23 Patienten mit SARS-CoV-2-Nachweis. Davon sind sieben wegen klinischer Symptome einer Covid-19-Erkrankung stationär aufgenommen, die anderen sind wegen anderer Erkrankungen hier. Bei für uns handhabbaren Zahlen wie diesen bedeutet das für uns praktisch, dass wir die Grundlagen der Hygiene, die immer schon propagiert wurden, auch konsequent umsetzen können: Kein Patient kommt unabgeklärt in den weiteren Behandlungspfad, jeder wird auf SARS-CoV-2 untersucht.

Welche Entwicklung in der Pandemie erwarten Sie für den Herbst?
Assadian: Unsere aktuellen Prognosen weisen darauf hin, dass mit Oktober die 6. Welle kommen wird. Sie wird über den Oktober durchlaufen, wahrscheinlich mit einer Spitze Mitte Oktober, und dann vermutlich wieder abklingen. Das ist aktuell das Szenario, auf das wir uns vorbereiten. Wir beobachten dabei aber engmaschig die epidemiologischen Signale, um auf mögliche Änderungen rasch reagieren zu können.

Inwieweit können Sie sich im Landesklinikum auf eine neue Welle vorbereiten?
Assadian: Der wesentlichste Punkt ist die Vorbereitung auf unterschiedliche Szenarien. Für jede epidemiologische Annahme muss präzise bekannt sein, welche Betten in welchen Zimmern die Covid-19-Station werden. Wie gehen wir mit Verdachtsfällen um, deren Status noch nicht abgeklärt ist? Unser Ansatz für die sechste Welle ist: Wir werden eine kleine Anzahl an Verdachtsbetten in räumlicher Nähe zur Covid-19-Station haben. Zusätzlich wird jede Fachabteilung für ihre Verdachtspatienten zwei Isolierzimmer mit jeweils einem Bett einplanen.

Wir werden ein Mittelmaß an vernünftigen Maßnahmen finden.

Die Corona-Maßnahmen wurden stark gelockert – was sagen Sie fachlich dazu?
Assadian: Zur Bewertung jeder Maßnahme muss man zunächst ein klares Bild darüber haben, welches Gesamtziel erreicht werden soll. Wenn die epidemiologische Situation und die vorherrschende Virusvariante so bleiben, wie es jetzt aussieht, wird es eine sechste, siebente und achte Welle geben. Diese werden dann immer mehr an Intensität, also Anzahl der am Virus Erkrankten, abnehmen. Bildlich gesprochen schwingt die Pandemie dann aus.
Bei den aktuellen Maßnahmen wird wirtschaftliches Leben möglich sein und soziale Aktivitäten können ausgedehnt werden.

Das klingt so, als wären Sie rein fachlich, als Infektiologe, eher gegen die Lockerungen.
Assadian: Als Arzt ist es meine Aufgabe, die Gesundheit der Menschen zu schützen. Es gibt eben unnötige Risiken. Es ist nicht notwendig, dass sich Menschen absichtlich in schlecht belüfteten Räumen unter engen Verhältnissen sozial austauschen. Dass Menschenmassen zusammenstehen und kulturelle Veranstaltungen – Stichwort Konzerte und Festivals – ohne jede Präventivmaßnahme abgehalten werden. Aus infektiologischer Sicht ist es hochproblematisch, dass im Schulbetrieb und anderswo viele Menschen, auch SARS-CoV-2- positiv getestet, zusammenkommen und dies unkontrolliert geschieht. Aus sozialer Sicht kann mir aber die Ausbildung und Erziehung aller Kinder ein wichtiges Kriterium sein.

Wo sollten sich die Maßnahmen einpendeln?
Assadian: Wir werden ein Mittelmaß an vernünftigen Maßnahmen finden: Überlegen, ob ich zu einer Veranstaltung gehen muss. Mund-Nasenschutz tragen, auch wenn es nicht gesetzlich vorgegeben ist. Impfen. Und: Auf den eigenen Körper achten.

Wie würden Sie persönlich im Moment eine große Familienfeier handhaben?
Assadian: Ich würde sagen: Jeder, der krank ist, braucht gar nicht zu kommen. Seid bitte getestet. Wenn es geht, treffen wir uns im Freien, nicht in einem kleinen Raum. Und wenn wir drinnen sind, setze ich mir die Maske auf.

Nach heutigem Wissensstand: Wie sehr wird uns Corona in einem Jahr beschäftigen?
Assadian: Vor zwei Jahren hätte ich versucht, Ihnen eine brauchbare fachliche Antwort zu geben. Heute muss ich sagen: Ich kann es nicht sagen, ehrlich nicht. Dies hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere der Entwicklung von Virusvarianten.

Zum Corona-Virus gibt es auch viel – teils gefährliches – Halbwissen oder schlicht Unsinn, der verbreitet wird. Wie gehen Sie damit um? 
Assadian: Ich habe mich immer unglaublich darüber gefreut, wenn sich Menschen für infektiologische Themen interessiert haben. Auch wenn vielleicht etwas nicht ganz richtig gesagt oder verstanden wird, ist es immer noch besser, als sich überhaupt nicht damit zu beschäftigen. Aus infektiologischer Sicht bin ich glücklich, dass die Bevölkerung jetzt Begriffe wie Prävalenz, Inzidenz etc. kennt – ist doch toll! Ich bin auch für jeden Kollegen und jede Kollegin dankbar, die sich einbringen möchten – wir haben sehr viel zu tun und es gibt ohnedies zu wenige von uns. Es gibt aber manchmal Dinge, die fachlich so sehr falsch sind – aber ganz ehrlich, was soll ich machen? Ich atme dann tief durch und denke mir meinen Teil.

Die Lehren aus der Pandemie sollen auch in den Neubau des Landesklinikums einfließen, der in den kommenden Jahren in Wiener Neustadt entstehen wird. Können Sie schon Beispiele nennen, was das konkret heißt?
Assadian: Wir werden eine adäquate Anzahl von Einzelzimmern haben, die gleichzeitig als Isolierzimmer verwendet werden können. Ein anderes Beispiel: Die Dialyse-Abteilung wird Behandlungsplätze haben, die eine Rettung von außen bespielen kann. Damit soll es nicht notwendig sein, dass ein infektiöser Patient quer durch das ganze Haus transportiert wird.

Die Personalsituation ist im Gesundheitsbereich seit Jahren angespannt. Wie sieht es im Landesklinikum nach zweieinhalb Jahren Corona-Pandemie aus?
Assadian: Auch wir haben unbesetzte Stellen, auch wir werden uns schwertun, qualifiziertes Personal in ausreichender Quantität zu finden. Viele Leute haben in den letzten zweieinhalb Jahren gelernt, dass es auch andere Dinge im Leben gibt und auch andere Lebensmodelle möglich sind. Was interessant ist: Standorte, die eine gewisse fachliche Attraktivität zeigen, ziehen sehr wohl Leute an. Wir haben in Wiener Neustadt mehrere Abteilungen, die einen hervorragenden Ruf haben – da ist ein großer Drang dorthin.

Vor einem Jahr fehlten im Landesklinikum Wiener Neustadt zehn Anästhesisten, auch Operationen mussten deswegen verschoben werden. Ist diese Lücke mittlerweile geschlossen?
Assadian: Ja, komplett.