Zu viele Reize auf einmal für Autisten. Autisten erleben viel mehr Details der Welt, die sie umgibt. Sie denken anders und können oft nicht einordnen, was sie fühlen. Sie sind loyal und ehrlich. Und dennoch ist jeder Autist einzigartig.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 31. Juli 2019 (01:50)
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Christa Heinrich-Cseh und Ulla Schmiedicke versuchen, über Autismus aufzuklären und die Situation für Betroffene zu verbessern.

„Wenn Menschen an Autismus denken, haben sie ein Bild im Kopf: Rainman“, erzählt Christa Heinrich-Cseh. Doch: Autisten sind sehr verschieden. Es gibt einen Spruch, der hier gut passt, erzählt Ulla Schmiedicke. „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten.“

Gemeinsam haben die Damen südlich von Wien die Elterninitiative Autismus-Welt gegründet. Mit welchem Ziel? „Es geht um ein Annähern von Autisten und Nicht-Autisten.“ Darum, Autismus etwas besser zu verstehen. Aber auch darum, die Situation von autistischen Kindern in Schulen zu verbessern. „Unser Anliegen ist es, die Inklusion zu fördern und die Rahmenbedingungen dafür richtig zu setzen.“ Dazu ist eine Zusammenarbeit mit dem Land NÖ geplant.

„Sie spüren zu viel.“ Christa Heinrich-Cseh

Was Autismus ausmacht? „Autismus ist kein Fehler, sondern ein anderes Betriebssystem“, zitiert Thomas, ein 13-jähriger Autist. „Es ist keine Krankheit. Es ist eine Wesensart“, ergänzt Heinrich-Cseh. Autisten, so betont sie, leiden nicht unter Autismus, sondern unter der Intoleranz und dem Unverständnis gegenüber dem Unbekannten.

Allerdings können gleichzeitig auch Krankheiten und Störungen auftreten. Wie etwa Epilepsie, Zwangs- und Angststörungen.

Was Autisten denken und fühlen, können sie oft nicht erklären und einordnen, so Schmiedicke. Sie denken anders. Manche Autisten haben ein eidetisches (fotografisches) Gedächtnis und können sich Jahre später an zahlreiche Details erinnern. Im Alltag wird diese Detailverliebtheit aber zur Herausforderung. „Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht“, beschreibt Schmiedicke. Autisten nehmen zahllose Reize gleichzeitig wahr. „Sie spüren zu viel“, so Heinrich-Cseh. So ist es etwa schwierig, Reize, wie beispielsweise Geräusche und Gerüche, richtig einzuordnen und zu filtern. Die Fülle an Wahrnehmungen kann so anstrengend werden, dass manche jungen Autisten schon nach drei Stunden Schule völlig erschöpft sind.

Manche autistischen Kinder meistern die Schule auch im sozialen Umgang mit ihrer Umgebung ohne Probleme, anderen kann es schwerer fallen. Wenn sie sich überfordert fühlen, kann es passieren, dass sie unter den Tisch kraxeln oder sich auf den Boden legen und weinen. Andere beginnen zu schreien oder werden aggressiv. Sie sind teilweise provokant.

Dann, wissen die beiden Autismus-Welt-Initiatorinnen aus Erfahrung, funktionieren weder Diskussionen noch Vorwürfe. Statt dessen, so rät Heinrich-Cseh, sollte man zum Beispiel als Lehrer oder Elternteil ruhig bleiben, das Kind zur Ruhe kommen lassen. Und ganz wichtig: „Es nicht persönlich nehmen, sondern darüberstehen“, ergänzt Schmiedicke, auch wenn das manchmal sehr schwer fällt. Denn: Erst wenn der Erwachsene Sicherheit ausstrahlt und die Situation beherrscht, beruhigt sich das Kind. Wichtig sei zudem, insbesondere für Lehrer, eine Beziehung zum Kind aufzubauen. Wichtig für alle Beteiligten ist Humor, darin sind sich die Damen einig. Damit fällt alles leichter.

Gewohnheiten und Ordnung

Wichtig für Autisten sind Gewohnheiten, Ordnung und Systematik. „Rituale geben Sicherheit und Vertrauen, so Heinrich-Cseh. Fällt aber etwas aus dem System oder entspricht etwas nicht der Gewohnheit, kann das verärgern. „Unvorhersehbares bedeutet Stress“, erläutert Heinrich-Cseh. Aber Betroffene können lernen, damit umzugehen. Wichtig ist, dass Termine außerhalb der Routine vorher ausführlich angekündigt werden.

Übrigens gibt es viele Kinder, die mit ihrem Spielzeug nicht so spielen wie andere, sondern es sortieren. Zum Beispiel nach Farbe oder Größe.

Und in der Schule? „Wenn ich in Deutsch eine neue Regel lerne, suche ich dahinter immer ein System.“ Manchmal lassen sich diese gut finden, manchmal aber auch nicht.

Oft konzentrieren sich Autisten sehr stark auf ein Interessensgebiet. Zum Beispiel Dinosaurier oder aber auch mittelalterliche Flächenbewirtschaftung. Darüber weiß der Betreffende dann alles – und alle in seinem Umfeld. Bis er ein neues Thema findet – oder auch ewig dabei bleibt.

Was Autisten außerdem ausmacht? „Autisten sind loyal, verlässlich und ehrlich“, so Heinrich-Cseh. „Manchmal zu ehrlich.“ Da kann es schon einmal vorkommen, dass man fragt, wie einem das Kleid passt. Und die Antwort „schiach“ ist. Nicht unbedingt die beste Voraussetzung bei Bewerbungen, wenn man alle persönlichen Schwächen sofort zugibt – irgendwie aber auch sympathisch.

www.autismus-welt.com