Ginkgo – das lebende Fossil

Erstellt am 20. September 2022 | 06:00
Lesezeit: 5 Min
Ginkgo
Ginkgo
Foto: Lukeneder
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was es mit den Ginkgos in manchen Gärten auf sich hat? Braucht es besondere Voraussetzungen, um Ginkgos in unseren Breiten zu kultivieren, und was ist ein lebendes Fossil? Wissenschaftler Alexander Lukeneder liefert eine Erklärung…
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Nun, es ist wie es ist: Ja, ich habe auch einen Ginkgo in meinem Garten. Er hat sich im Laufe der Zeit gut entwickelt und wurde von mir schon 3 Mal umgepflanzt. Vor rund 20 Jahren habe ich die Samen von einem Baum abgeschnitten, selbst eingelegt und kultiviert. Und es ist daraus wirklich etwas geworden! Von 10 eingelegten Samen habe ich 3 Ginkgos hervorgebracht, obwohl damals jeder zu mir gesagt hat: Das wird ohnedies nichts. So kann man sich irren!

Heute steht eines dieser Bäumchen mit mittlerweile gut 2 Metern Höhe in Oberösterreich bei meinem Elternaus und ein Baum bei mir im Garten. Mein Exemplar misst jetzt schon stolze 5 Meter! Vorsicht, ein Ginkgobaum kann mitunter 20 Meter hoch werden, in Extremfällen bis zu 50 Meter. Man braucht also genügend Platz dafür – hoffentlich haben auch die Nachbarn Freude damit! Bis es soweit ist, dauert es aber hunderte Jahre, also besteht vorerst noch kein Grund zur Sorge. Der Ginkgo ist jedenfalls mein ganzer Stolz unter meinen eigenen botanischen Beständen.

Das hat in meinem Fall natürlich einen tieferen Grund und hängt mit meinem Beruf zusammen. Als Paläontologe hat man ja auch mit fossilen Pflanzen zu tun. Das ist zwar nicht mein Spezialgebiet, aber die fossilen – also versteinerten – Ginkgoblätter haben mir immer schon sehr gut gefallen. Auch das satte Grün der auffällig gefächerten Blätter finde ich sehr ansprechend. Ginkgo oder Ginkgo biloba, die am weitesten verbreitete Art, hat den ursprünglichen Verbreitungsraum in China, ist jetzt aber schon weltweit anzutreffen. Natürliche Vorkommen des Baumes gibt es vorwiegend in der Provinz Guizhou im Südwesten Chinas.

Als einziger lebender Vertreter der Ordnung Ginkgoales ist er eine wahre Rarität unter den Samenpflanzen. Von Seefahren um die Mitte des 18. Jahrhunderts nach Europa gebracht, ist der Zierbaum heute ein beliebtes botanisches Element bei der Gestaltung von Alleen und Gärten. Für mich persönlich hat der Baum zudem eine ganz spezielle Bedeutung, da genau vor 7 Jahren aus all den existierenden Baumarten ausgerechnet ein Ginkgo als Kinder-Lebensbaum für unsere Tochter Lisa ausgewählt und in Gablitz gepflanzt wurde – eine wundervolle Gablitzer Tradition für die neugeborenen Kinder, wie ich meine!

Der sommergrüne Ginkgo wirft seine formschönen Fächerblätter im Herbst ab. Die Fächer sind im Übrigen gabelnervig, also dichotom. Der Ginkgo selbst ist zweihäusig, es gibt somit weibliche und männliche Bäume. Ob Sie ein männliches oder weibliches Exemplar in Ihrem Garten haben, können Sie erst nach rund 20 Jahren feststellen, wenn der Ginkgo seine Geschlechtsreife erreicht hat. Dann klärt sich die Frage aber sehr schnell, denn die weiblichen Früchte verfaulen unter unglaublichem Gestank nach ranziger Butter. Dafür verantwortlich sind die Buttersäure und die Capronsäure in den Früchten. Letztere zeigen eine Ähnlichkeit mit Kirschen, sind aber gelblich gefärbt. Die Devise lautet also: Schnell aufsammeln und weg damit, oder eben einsetzen und abwarten.

Lebendes Fossil

Der Name Ginkgo stammt von der sinojapanischen Aussprache von Yinxing, was übersetzt so viel bedeutet wie Silber-Aprikose. Erdgeschichtlich und als fossile Pflanze kennen wir Ginkgos schon seit über 290 Millionen Jahren. Daraus leitet sich auch die Bezeichnung als lebendes Fossil ab, was exakt wissenschaftlich zwar widersinnig ist, aber im Sprachgebrauch dennoch weite Verwendung findet. Natürlich kann ein Fossil im strengen Sinn nicht lebend sein, man weiß jedoch sofort, was gemeint ist: ein über Jahrmillionen nahezu unverändertes Lebewesen, egal ob Pflanze oder Tier.

Wahrscheinlich kennen Sie das Perlboot, den Nautilus, den Quastenflosser Latimeria oder den Pfeilschwanzkrebs Limulus – einige weitere Beispiele für Lebewesen, die über hunderte Millionen Jahren nahezu unverändert geblieben sind. Fossile Vertreter all dieser Gattungen können Sie sich im Naturhistorischen Museum in Wien ansehen. Ginkgo kennen wir schon aus dem Perm, ab dem frühen Mesozoikum – dem Erdmittelalter – wird der Fossilbefund vielfältiger.

Von der Trias also, dem folgenden Jura mit der Gattung Ginkgo bis in die Kreidezeit lässt sich die Spur der Ginkgos bis in unsere heutigen Gärten weiterverfolgen. Im Mesozoikum nahezu weltweit verbreitet, kam es später durch klimatische Veränderungen zu starken Einschnitten. Erst der Mensch sorgte dann neuerlich für eine weltweite Verbreitung des Ginkgos.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß mit Ihrem eigenen Ginkgo oder bei Spaziergängen durch Ginkgo-Alleen in der Natur. Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie neugierig.

WebTipp

https://www.nhm-wien.ac.at/

https://flora.nhm-wien.ac.at/Seiten-Familien/Ginkgoaceae.htm