Europa-Radweg: Vorhang Auf, Bild Ein. Der Eiserne Vorhang fiel 1989. Heute verläuft dort ein Radweg. Er passiert Bildein. Initiator Michael Cramer besuchte das Dorf ohne Grenzen.

Von Maximilian Wiesler. Erstellt am 13. August 2020 (05:28)

Grenzen trennen. Grenzen spalten. Der Eiserne Vorhang tat dies. Auch. Oder besser: Und wie. Er teilte Europa in Ost und West. Mittendrin: Bildein im Südburgenland. Das Dorf mit rund 350 Einwohnern grenzt unmittelbar an die ungarische Ortschaft Pornoapati, zu Deutsch Pernau. Mehr Grenze geht nicht, mag man meinen. Mag man, denn Bildein versteht sich seit jeher und vor allem heute als „Das Dorf ohne Grenzen“.

Und nicht nur die Bildeiner denken so, auch andere tun das. Michael Cramer ist einer von ihnen. Nicht nur einer von vielen, sondern einer, der ganz ausschlaggebend wirkt und sich für die Förderung der europäischen Identität einsetzt. Er wurde im deutschen Gevelsberg geboren, war von 1989 bis 2004 verkehrspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin und von 2004 bis 2019 Mitglied im Europäischen Parlament im Ausschuss für Verkehr und Tourismus und sagt: „Europa war jahrzehntelang gespalten. Der Eiserne Vorhang verlief auf einer Länge von 10.000 Kilometern von der Barentssee an der norwegisch-russischen Grenze bis zum Schwarzen Meer an der bulgarisch-türkischen Grenze. Heute trennt er nicht mehr, sondern ist Symbol einer gemeinsamen und gesamteuropäischen Erfahrung im wiedervereinten Europa.“ Dass dem heute so ist, daran ist Cramer entscheidend (mit)beteiligt. Er ließ Ideen Taten folgen und setzte 2005 die Entwicklung des „Europa-Radwegs Eiserner Vorhang“ in Bewegung. Mit großer Mehrheit aller Mitgliedsstaaten und Fraktionen wurde im Herbst desselben Jahres seinem Antrag, der die Kommission auffordert, die Initiative „Iron Curtain Trail“ umzusetzen, um die europäische Identität zu fördern, zugestimmt.

„Bei uns werden solche Grenzgeschichten der nächsten Generation weitergegeben. Friede, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand sind keine Selbstverständlichkeit und müssen immer wieder erarbeitet werden.“ Walter Temmel

Der Rad- und Wanderweg, der von Cramer initiiert wurde und step-by-step wächst, verläuft entlang der Linie des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Auf dem früheren Todesstreifen soll Reisen auf den Spuren der gemeinsamen Geschichte des Kontinents ermöglicht werden. 20 Staaten, darunter 15 EU-Mitgliedstaaten, sind am Projekt beteiligt. Mittendrin: Wieder Bildein, das ja in diesem Fall routentechnisch, aber auch identitätslebend unumgänglich ist. Und weil dem so ist, besuchte Michael Cramer gemeinsam mit Bezirksvorsteherin-Stv. Barbara Neuroth aus dem 4. Wiener Gemeindebezirk Wieden kürzlich das Dorf, das sich als grenzenlos versteht… Um sich einen Überblick vor Ort zu verschaffen und um beim Treffen mit LAbg. Bgm. Walter Temmel Geschichten zu erzählen, Geschichten zu hören und Ideen auszutauschen. Im Mittelpunkt des Aufenthalts stand – wie soll es anders sein? - der Rad- und Wanderweg, der die Möglichkeit bieten soll, sich in einem Grünen Band zu bewegen. Das Projekt wurde als „EV13“ in das EuroVelo-Konzept der Europäischen Kommission aufgenommen. Es ist Realität. Die vorgeschlagene Route wurde anhand von fünf Entscheidungskriterien ausgewählt. Sie soll möglichst nahe an der ehemaligen Grenze verlaufen, diese häufig queren, vorzugsweise komfortabel zu befahrende Wege beinhalten, stark frequentierte Straßen meiden und viele Zeugnisse der Geschichte integrieren.

Bildein, das Pinkatal und seine Umgebung scheinen, prädestiniert dafür zu sein. Abgerundet wurde der Ideenaustausch mit Michael Cramer und Barbara Neuroth mit einem Besuch des burgenländischen geschichte(n)hauses im Bildeiner Ortskern und des Grenzerfahrungsweges. „Bei uns werden solche Grenzgeschichten der nächsten Generation weitergegeben. Friede, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand sind keine Selbstverständlichkeit und müssen immer wieder erarbeitet werden“, sagt Walter Temmel. Er blickt dabei zurück. Und gleichzeitig doch auch nach vor.