„Zu spät gebremst“: Unfallopfer soll auch zahlen

Nicht nur der vorschriftswidrig fahrende Unfall-Lenker, sondern auch das Opfer des Crashs wurde verurteilt.

Elisabeth Kirchmeir Erstellt am 03. Mai 2018 | 05:35
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Das Gericht sprach eine Strafe von drei Monaten bedingt aus
Das Gericht sprach eine Strafe von drei Monaten bedingt aus
Foto: APA (Symbolbild/dpa)

Sekundenlang war ein alkoholisierter Lenker ohne Führerschein auf der falschen Fahrbahnhälfte unterwegs, wo er mit einem entgegenkommenden Auto kollidierte. Vorige Woche musste sich nicht nur der Alko-Lenker vor Gericht verantworten, sondern auch der Lenker des entgegenkommenden Fahrzeugs: Dieser habe laut Berechnungen des beigezogenen Verkehrssachverständigen zu spät gebremst – so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Der schwere Unfall ereignete sich am 15. Juli 2017 auf der Landesstraße zwischen Zahling und Eltendorf.

Ein 33-jähriger Mann aus dem Bezirk Güssing, dem zuvor bereits wegen Alkohol am Steuer der Führerschein abgenommen worden war, saß am Steuer seines Autos. Auch an diesem Tag war er mit 2,1 Promille Alkohol im Blut deutlich fahruntauglich.

Gleichzeitig war ein 27-jähriger Lehrer aus Graz in der Gegenrichtung unterwegs. Am Beifahrersitz saß dessen 25-jährige Freundin, hinten ihr der 15-jährige Bruder.

„Das Auto kam mir relativ zügig entgegen“, erinnerte sich der Lehrer. „Ich dachte, der Lenker hat sich kurz verschaut und wird wieder zurück auf seine Fahrspur lenken.“

Er ging vom Gas und bremste, als er zu seinem Schrecken bemerkte, dass der Entgegenkommende nicht reagierte.

Auto auf der falschen Seite - da hat es geknallt

„Das Auto fuhr auf uns zu, da hat es schon geknallt“, bestätigte die Freundin des Lehrers. Alle drei Personen wurden bei dem Unfall verletzt.

Der Unfall-Verursacher selbst konnte sich an das Ereignis nicht mehr erinnern, er bekannte sich aber schuldig. Bei dem Unfall hatte er selbst schwere Verletzungen erlitten, in den Gerichtssaal kam er mit Gehstock.

„Eine um eine Sekunde frühere Reaktion des Zweitangeklagten hätte den Zusammenstoß der beiden Autos verhindert“, erklärte der Verkehrssachverständige, der den Unfall in verschiedenen Simulationsmodellen rekonstruiert hatte.

„Der Unfall-Lenker hätte vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen werden müssen“, erklärte Staatsanwältin Verena Strnad. Das deutlichere Verschulden liege beim alkoholisierten Unfall-Lenker, jedoch sei auch der Lehrer nicht aus der Verantwortung zu nehmen.

„Es gibt kein Fehlverhalten auf Seiten meines Mandanten“, ersuchte der Verteidiger des Lehrers um einen Freispruch.

Richterin Birgit Falb sprach beide Männer schuldig. Der Erstangeklagte wurde zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und 960 Euro Geldstrafe verurteilt. Der Lehrer erhielt eine Geldstrafe von 1500 Euro, davon die Hälfte unbedingt.

„Der Sachverständige hat erklärt, dass es möglich gewesen wäre, früher zu bremsen“, begründete die Richterin ihre Entscheidung. Der Lehrer meldete Berufung gegen das Urteil an.