„Ich finde Stille nur schön, wenn sie frei gewählt ist“. Die BVZ traf Nina „FIVA“ Sonnenberg vor ihrem Auftritt beim Picture On Festival. Eine Musikerin, die dem Rap seit 20 Jahren treu ist und bei deren Auftritten kein Wort umsonst ist – und das, obwohl sie ihr schon auch manchmal fehlen, die Worte.

Von Vanessa Bruckner. Erstellt am 12. August 2019 (08:01)

BVZ: Nina, du bist Rapperin, Autorin, Moderatorin und auch im Poetry-Slam erfolgreich. Worte spielen also eine große Rolle in deinem Leben. Gibt es denn überhaupt Situationen in denen du ohne Worte auskommst?

FIVA: Auf jeden Fall und auch leider. Still bin ich vorwiegend, wenn ich schlafe, aber es gibt auch viele überfordernde Situationen. Ich schätze das Wort sehr, weil ich es mag, wenn man etwas erklären kann, wenn mir jemand etwas damit klar macht. Worte sind extrem tröstend, können einen glücklich machen, aber auch verletzen. Wenn man aber gar nichts mehr sagen kann, also Stille herrscht, ist das beängstigend. Ich finde Stille nur schön, wenn sie frei gewählt ist. Situationen in denen man nichts sagen kann, finde ich persönlich furchtbar. Ich bin in den letzten Jahren in solchen Situationen gewesen. Als meine Mama starb, konnte ich meine Gefühle nicht in Worte fassen, ich konnte nicht darüber sprechen. Das Album, das wir jetzt geschrieben haben, hat mir dann dabei geholfen, Dinge zu erklären, die ganz stark sind.

Dein Bezug zur Musik ist ja von vielen Seiten gegeben. Du bist nicht nur selbst Musikerin sondern auch Radiomoderatorin bei FM4 und hast ein eigenes Label. Ist der Rock´n Roll nur noch für die Ü50 Generation interessant und weiß die Jugend denn überhaupt noch, wie ein Walzer klingt? Wie siehst du das Musikgeschehen im Jahr 2019?

Ganz, ganz toll! Es gibt natürlich immer eine Pik, also eine Musikrichtung ist immer grad ganz groß, aber vor allem mit Hilfe des riesigen Zugangs durch Musikplattformen und Streaming Diensten, die vielleicht uns Künstlern nicht immer gelegen kommen, hast du aber wiederum die Möglichkeit, die alten Alben von früher zu hören, sowie die neuen und die Verbindungen dazwischen mit dazu. Dadurch, so denke ich, oder so wünsche ich es mir zumindest, ist der Musikgeschmack total divers geworden und man sieht es doch auch hier am Picture On Festival: Hier spielen Clawfinger und wir, Sisters of Mercy und Saint Chameleon. Da denkt man sich im Vorfeld „wer kommt denn da jetzt aller hin, wie sieht das Publikum zu diesem Line-Up denn aus?“ - und vor Ort siehst du dann: sie kommen alle und es ist wieder ausverkauft, weil die Leute Bock haben auf Musik, gute Live Shows und Bühne. Es ist heute ganz legitim, jeden Musikgeschmack zu haben und man kann Fan von vielen Bands sein. Das ist toll!

Warum ist der RAP aktuell scheinbar das Pik der Jugend? Also warum ist Sprechgesang gerade so „in“ beim Nachwuchs?

FIVA: Also erst einmal sind die neuen Sachen ziemlich cool, die gerade rauskommen und man braucht coole Musik, wenn man jung ist. Man muss sich mit der Identität eines Künstlers abgeben können. Ich mein, wenn man die Rolling Stones hernimmt, worum ging es damals bei denen? Um Drogen, um Frauen und so viel hat sich da im Bezug auf den heutigen Rap auch nicht verändert. Ich hab 1999 angefangen mit Rap und jetzt, 20 Jahre später, ist er wieder da, also weg war er ja nie, aber aktuell hat er eben wieder eine Hochphase. Das ist wie in der Mode, wie mit so vielen Dingen im Leben: Ein Hype kommt und flaut wieder ab und kommt dann eben wieder.

Das Picture On Festival und sein Publikum sind ja ein ganz besonderes. In Bildein gibt es keine Grenzen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wo kommst du als Künstlerin auch mal an deine Grenzen?

FIVA: Deshalb sind wir ja auch wieder hier, weil das Picture On so besonders ist! Wir fahren ja gut sieben Stunden von München bis nach Bildein, das ist schon ein ordentliches Stück, aber ich wollte unbedingt wieder hierher, weil ich es in so guter Erinnerung hatte. Es ist so liebenswert hier, ein buntes Festival. Um deine Frage nach meinen Grenzen in der Kunst zu beantworten: Wenn ich Musik höre, dann ist der persönliche Geschmack natürlich eine Grenze. Mir müssen Melodie und Text gefallen, klare Sache. Rechtsradikale oder frauenfeindliche Texte, da gibt es auch keine Diskussion, klare Grenze also. Und an meine Grenzen als Musikerin komme ich eben, wenn mir die Wörter fehlen. Wenn ich etwas fühle oder etwas ganz sicher weiß, aber es nicht in Worte fassen kann. Worte sind etwas Großes, das wiederum, das weiß ich.