Interview mit Wilhelm Pammer: „Man muss nicht alles können“

Der längstdienende Bürgermeister des Landes, Willi Pammer (VP), verabschiedet sich in die Polit-Pension. 32 Jahre stand er der Gemeinde Gerersdorf-Sulz vor. Im BVZ-Interview blickt er zurück.

Erstellt am 29. Oktober 2021 | 05:59
Wilhelm Pammer
Wilhelm Pammer blickt auf viel Arbeit, aber auch auf viele schöne Zeiten zurück: „Ich bin ein Mensch, der immer das
Gemeinsame sucht.“
Foto: Foto: Carina Fenz

Nach 32 Jahren als Ortschef haben Sie bestimmt viel zu erzählen. Wenn Sie an den Beginn zurückdenken – wie hat sich das Amt verändert?
Wilhelm Pammer: Die Zeit ist schnelllebiger geworden, die Herausforderungen sind enorm gestiegen und heute wird viel mehr an Arbeitsleistung verlangt. Auch für eine kleine Gemeinde ist viel an Infrastruktur zu erledigen. Da ist aber auch vieles verloren gegangen. Zu Beginn meiner Amtszeit hatten wir fünf Gasthäuser, jetzt haben wir keines. Wir hatten vier Nahversorger und heute keinen mehr, wir haben keine Bankstelle und kein Postamt mehr. Das sind schon Dinge, die auch den Bürgermeister fordern.

Machen Sie sich da auch selbst einen Vorwurf?
Pammer: Nicht wirklich. Ein politisch Andersdenkender könnte das sagen, aber das stimmt nicht. Wir sind Leidtragende einer Entwicklung, die in den vergangenen Jahrzehnten viele andere Gemeinden in ähnlicher Weise getroffen hat. Das größte Problem liegt in der Bevölkerungsentwicklung. Wir haben seit 20 Jahren einen enormen Rückgang an junger Bevölkerung. Junge Leute sind dazu gezwungen, sich anderswo ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und das Pendeln, wie es früher war, hat aufgehört. Niemand will mehr getrennt von seiner Familie leben.

Hat es ein Bürgermeister im Südburgenland schwieriger als im Norden?
Pammer: Auf jeden Fall, würde ich sagen. Nicht nur wegen der Bevölkerungsentwicklung, sondern auch wegen der Siedlungsart. Wir haben eine Gemeinde mit drei Ortsteilen und mehr als 1.000 Einwohnern. Da gibt es viele Vereine, und die haben einige Veranstaltungen, und der Bürgermeister hat dort fast Anwesenheitspflicht. Das ist viel mehr an Zeitaufwand und auch eine finanzielle Mehrbelastung, wenn man nur an die Feuerwehr denkt. Wir haben in jedem Ortsteil eine – und die brauchen vom Bürgermeister die dreifache Ausstattung für die Sicherheit.

Wie kann man dann all diesen Wünschen gerecht werden?
Pammer: Wir sind 1971 als Großgemeinde aus drei Ortsteilen zusammengefügt worden, und es war die ersten 15 bis 20 Jahre eine schwierige Frage: Ob wir überhaupt zusammenpassen, ob ein Ortsteil finanziell ausgebremst wird?

Dieses Misstrauen habe ich abgebaut, indem ich ein Ortsteil-Budget eingeführt habe. Seither hat es bei uns nie einen Gedanken an eine Gemeindetrennung gegeben. Wir haben immer versucht, auch parteipolitisch nie einen Hardliner-Kurs zu fahren. Mir war immer wichtig, alle Entscheidungsträger und Gemeinderäte zu einer gemeinsamen Entscheidung einzubinden. Ich kann das heute mit gutem Gewissen übergeben.

Es heißt auch immer, dass Bürgermeister wegen vieler Haftungsfragen mit einem Fuß „im Kriminal“ stehen. Wie sehen Sie das?
Pammer: Die ersten Jahre meiner Amtszeit habe ich versucht, einen Mittelweg zwischen verordnungsmäßigen Rahmenbedingungen und den Wünschen der Bürger zu gehen. Ich habe vor kurzem zum Beispiel fast eine Androhung für eine Strafzahlung oder Haftstrafe bekommen. Und ich habe gesagt: Wenn das so ist, dann gehe ich in Haft, mir ist das egal.

Was ist da genau passiert?
Pammer: Das war eine Umwelt- Geschichte. Wir haben Sträucher zur Stabilisierung der Landesstraße schneiden lassen, das hätten wir aber nicht an der sogenannten Sohle des Grabens wegschneiden dürfen, sondern nur am Rand. Da habe ich eine nette Berufung geschrieben und man hat das dann zurückgenommen, weil von fünf Argumenten nicht einmal ein halbes gestimmt hat. Hätte man das nicht zurückgenommen, hätte ich mich neun Stunden in Haft begeben. Das habe ich wirklich überlegt, es ging um 100 Euro. Ich als Bürgermeister habe alles richtig gemeldet und aus meiner Sicht nur Gutes getan.

Wundert man sich da, dass in der Gemeindepolitik kaum Nachwuchs zu finden ist?
Pammer: Dass junge Leute nichts mit der Gemeindepolitik zu tun haben wollen, das liegt nicht nur an parteipolitischen Gründen, sondern es ist einfach zu aufwendig. Junge sind auch in den Vereinen gefragt und haben einen Beruf, eine Familie, und wollen Freizeit haben. Ich bewundere ja meine Frau, wie viel Zeit sie auf mich verzichtet hat. Das ist heute nur mehr schwer vorstellbar.

Sie haben keinen Computer im Büro. Haben Sie sich daran nie gewöhnt?
Pammer: Ich habe zum Computer ein sehr peripheres Verhältnis, aber ich kann natürlich drauf schreiben und Mails verschicken. Ich hab ihn aber aus meinem Büro rausgestellt und sage immer: Man soll und muss im Leben nicht alles können, man muss jemanden kennen, der alles kann (lacht).

Der Bürgermeister-Beruf hat bei allen Mühen wohl auch was Schönes, oder? Was waren Ihre erfreulichsten Erlebnisse?
Pammer: Die Umsetzung des Hochwasserschutzes nach den Unwettern 2009 war für mich eine ganz tolle Geschichte. Und ich bin auch Obmann des Vereins Freilichtmuseum und seit 40 Jahren Mitglied im Singkreis. Da ist es immer schön, wenn man sieht, dass die Veranstaltungen und Konzerte über die Grenzen hinaus bekannt sind. Auch das sind Dinge, wo man gemeinsam vieles bewegt. Das gibt mir persönlich viel, weil ich ein Mensch bin, der immer das Gemeinsame sucht.

Das zeigt sich auch beim gemeinsamen Fußballverein …
Pammer: Ja, das war vor 30 Jahren unmöglich, da hat man gegeneinander gekämpft.

In der Politik – sei es im Bund oder im Land – ist der Ton aber rauer geworden. Ist das in der Gemeinde anders?
Pammer: Wir sind noch in der glücklichen Lage, dass man diese Dinge auf höherer Ebene austrägt, weil wir relativ gut miteinander können. Man kann sich aber in der Politik nicht über gewisse Dinge hinwegsetzen. Man muss auch Akzeptanz mit dem politischen Mitbewerber haben. Schade ist, dass gewisse Machenschaften in der hohen Politik auch nach unten abfärben.

Was mir wehtut, ist, dass der, der an der Spitze steht, von der Opposition einfach gemeinsam bekämpft wird und man ihn zu beseitigen versucht. Solange man einen gemeinsamen Feind hat, ist es leicht, gegen irgendjemanden zu sein. Ich fürchte, wenn wir nicht, wie der Bundespräsident zum Nationalfeiertag gesagt hat, wieder zurückfinden, dass man wieder gemeinsam etwas angeht, ist das nicht gut für die Bevölkerung und für die Mentalität.

Was würden Sie sich im Hinblick auf die Bundespolitik wünschen?
Pammer: Ich würde mir eine Konzentrations-Regierung nach Schweizer Modell wünschen. Das ist jetzt natürlich schwierig, weil es viele Parteien gibt. Die gemeinsame Meinungsfindung wäre zwar irrsinnig herausfordernd, aber es würde viele Probleme von Haus aus minimieren, weil alle eingebunden sind.

Was richten Sie der heutigen Politiker-Generation aus?
Pammer: Man sollte sich nach eigenem Verständnis in die Politik einbringen, nicht nur von irgendjemandem etwas vorgeben und parteipolitisch alles in ein Schema einfließen lassen. Mir ist wichtig, dass die Jugend sich Gedanken macht, unseren Planeten für die nächsten Generationen zumindest so zu erhalten, wie er heute ist. Das geht für mich wieder nur, wenn alle Parteien versuchen, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Eine Frage zum Abschluss: Was machen Sie in Ihrer Pension ohne das Bürgermeisteramt?
Pammer: Ich habe eine große Familie, drei Kinder und sieben Enkelkinder. Ich möchte unbedingt noch viel mehr Zeit mit allen verbringen, in Freude und großer Zufriedenheit.

Gibt es zum Abschied also eher ein lachendes oder eher ein weinendes Auge?
Pammer: Es sind gemischte Gefühle, aber ich glaube, die Freude, dass ich mich jetzt meiner Familie widmen kann, wird ein bisschen überwiegen.