Moschendorfer spricht über Erinnerungen an Ostern 1945. Friedrich Sladek flüchtete zu Ostern 1945 vor den sowjetischen Besatzungstruppen. Er erinnert sich und beurteilt die aktuelle Corona-Situation.

Von Maximilian Wiesler. Erstellt am 16. April 2020 (05:23)
Am Gründonnerstag vor 75 Jahren startete Friedrich Sladeks Flucht. Der Moschendorfer spricht offen über Erlebnisse, die ihn bis heute nicht loslassen.
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Friedrich Sladek Senior stammt aus dem Grenzdorf Moschendorf. 1938 geboren, erlebte er das Ende des Zweiten Weltkriegs als Kind hautnah mit. Seine Erinnerungen sind trotz damals jungen Alters präsent. Die Coronavirus-Pandemie, die oft als „größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet wird, und die im Zuge dieser getroffenen Maßnahmen, die massive Einschnitte in das soziale Leben mit sich bringen, lassen ihn zurückblicken. Er hat seine Erlebnisse niedergeschrieben und dabei vor allem die Osterwoche im April 1945 in den Fokus gerückt. Zudem wirft er einen Blick auf die Corona-Krise, mit Emotion: als 82-Jähriger gehört er jener Gruppe an, die durch das Virus besonders gefährdet ist.

Letzte Lieferung kam am Gründonnerstag

„Meine Mutter hat damals in Moschendorf eine Gemischtwarenhandlung betrieben, mein Vater war bereits lange im Krieg, kämpfte in Norddeutschland. Am Gründonnerstag des Jahres 1945, also vor 75 Jahren, kam eine Lieferung. Es war die letzte für unser Lebensmittelgeschäft“, erinnert sich Sladek im Detail an einen Tag, den er nie vergessen wird und der sein Denken prägen sollte.

„Der Fahrer des Lieferwagens hat angesichts des bevorstehenden Einmarschs der Russen (Anm.: erfolgte Mitte April 1945) zu meiner Mutter gesagt, dass er sie nicht alleine mit mir zurücklässt. Dass etwas nicht stimmt, war mir schon bewusst. Als Siebenjähriger ist man nicht dumm. Die Ungarn haben bereits Tage zuvor ihre Tiere in Richtung Westen getrieben. Die Straßen waren ständig besetzt, wir konnten sie nicht mal überqueren“, verweist er auf den Ausnahmezustand, der im Dorf herrschte. „Wir haben dann sofort die Flucht vor der Frontlinie angetreten. Bis wir mit dem Lkw nach Stegersbach gekommen sind, hat es einige Stunden gedauert“, beschreibt er die Umstände einer „beschwerlichen Fahrt“ und ergänzt: „Ich kann mich deshalb so genau daran erinnern, da der Fahrer unterwegs mehrere Male Holz für den Holzvergasermotor schneiden musste. Auch um Mitternacht, in Güssing.“

„Dass etwas nicht stimmt, war mir schon bewusst. Als Siebenjähriger ist man nicht dumm.“ Friedrich Sladek über die letzten Kriegstage 1945

Die Situation sei für ihn nur schwer fassbar gewesen. Die letzten beiden Kriegsjahre habe er intensiv miterlebt, besagtes Osterwochenende ebenso. An diesem drängte die Zeit, war man permanent mit Herausforderungen konfrontiert, die Angst, erwischt zu werden, begleitete ihn. „Die Flucht nach Stanz im Mürztal, zur Schwester meiner Mutter, hat über zwei Tage gedauert. Wir mussten große Teile der Wegstrecke zu Fuß zurücklegen, durch tiefen Schnee gehen. Am zweiten Tag habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich großen Hunger habe. Sie konnte meinen Wunsch allerdings nicht erfüllen, da wir keine Lebensmittel mehr hatten.“

Die beiden setzten, obwohl körperlich stark geschwächt, ihre „Reise“ fort, um unterwegs eine weitere Schreckensnachricht zu erfahren. Auf die Frage eines Straßenarbeiters, wo sie denn hin wollen, entgegnete Sladeks Mutter, dass sie der einziehenden sowjetischen Besatzungsmacht entkommen wollen. Die präzise Antwort des Mannes schockte: „Aber die Russen kommen doch auch hier her. Wärt ihr doch daheim geblieben.“

Die Flucht gelang vorerst dennoch, die Ungewissheit blieb. Erst drei Monate später kehrte Friedrich Sladek nach Moschendorf, sein Vater aus dem Krieg zurück, die Familie war wieder vereint. Der Wiederaufbau und der Weg in einen strukturierten Alltag gestaltete sich schwierig, doch auch diese Herausforderung bewältigte man.

Heute, 75 Jahre später, stellt das Coronavirus ein Hindernis dar. Dieses sei mit dem Zweiten Weltkrieg keineswegs gleichzustellen, die derzeitige Situation eine wesentlich bessere, betont Sladek, den realitätsferne Vergleiche mit dem Krieg stören. „Damals war es enorm tragisch.“ Heute müsse er nicht hungern. Er sei bestens versorgt und versuche, sich fit zu halten. Dennoch mahnt er, die Lage nicht zu unterschätzen und appelliert, die Maßnahmen der Bundesregierung einzuhalten: „Bleibt daheim. Zum Selbst- und Fremdschutz. Wir müssen darauf achten, damit nicht noch mehr Menschen sterben müssen.“