Europäischer Trauerakt für deutschen Altkanzler Kohl. Mit einem historischen Trauerakt hat Europa Abschied von einem seiner bedeutendsten Staatsmänner genommen. "Helmut Kohl war ein deutscher Patriot, aber auch ein europäischer Patriot", sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Samstag im Europarlament von Straßburg. "Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant." Überschattet wurde die Feier vom Streit in der Familie Kohl.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 01. Juli 2017 (16:51)
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Merkel verabschiedet sich von Kohl

"In Liebe, deine Maike" - mit diesen Worten auf dem Kranz vor dem aufgebahrten Sarg hat sich die Witwe von ihrem Mann verabschiedet. In der ersten Reihe mit schwarzem Hut und schwarzer Sonnenbrille saß Maike Kohl-Richter beim Trauerakt in Straßburg - Kohls beide Söhne hingegen fehlten.

Der Familienzwist, der seit dem Tod von Kohl am 16. Juni neu aufgebrochen war, wurde damit für alle Welt noch einmal deutlich. Kohls ältester Sohn Walter hatte sich einen Staatsakt in Deutschland für seinen Vater gewünscht, am Brandenburger Tor, dem Symbol für den Mauerfall. Und Kohls Beerdigung in seiner Heimatstadt Ludwigshafen, neben Walters Mutter und Kohls erster Frau Hannelore. Doch die Witwe lehnte beides ab, forcierte stattdessen den europäischen Staatsakt.

In ihrer Traueransprache in Straßburg wich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die ausgiebig Kohls Verdienste würdigte, auch dem heiklen Thema Kohl-Familie nicht aus. Kohls Sarg werde später zurück in seine Heimatstadt Ludwigshafen gebracht, sagte sie. "Hier war er zu Hause, lange Jahre zusammen mit seiner ersten Frau Hannelore, die ihm in guten wie in schlechten Zeiten stets zur Seite stand."

Merkel nannte ihren christdemokratischen Parteifreund Kohl einen großen Brückenbauer. "Er war ein den Menschen zugewandter Weltpolitiker", sagte die CDU-Chefin. Jetzt müssten die nächsten Generationen sein Vermächtnis bewahren - den engagierten, unermüdlichen Einsatz für Frieden, Freiheit und Einheit.

Merkel dankte dem Altkanzler auch persönlich: "Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben." Sie schilderte ihren Amtsvorgänger als Mann der absoluten Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und unerschütterlichen Überzeugung - und auch als Politiker, an dem sich viele Menschen gerieben hätten und der Gegenargumente scharf abwehren konnte.

Dann wandte die Kanzlerin sich Maike Kohl-Richter zu: "Sie haben ihren Ehemann Helmut Kohl in all den letzten Jahren voller Hingebung und Liebe begleitet, bis zuletzt. Ihnen gehört mein Mitgefühl." Und wohl mit Blick auf die Söhne, die auch bei der Beerdigung am Abend in Speyer nicht dabei sein wollten, schloss die Kanzlerin das Thema mit den Worten ab: "Mein Mitgefühl gehört allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauern."

EU-Ratspräsident Donald Tusk verband seine Würdigung des deutschen Altkanzlers vor dem in eine blaue Europaflagge gehüllten Sarg mit einem Appell an die heutigen Politiker des Kontinents, klare Botschaften zu senden: "Ein Ja für die Union, ein Ja für die Freiheit, ein Ja für die Menschenrechte." Kohl war am 16. Juni mit 87 Jahren in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben.

Auch Juncker erinnerte an Kohls Rolle als Kanzler der deutschen Wiedervereinigung und beim Zusammenwachsen Europas. Zwischen beiden Zielen habe es für ihn keinen Widerspruch gegeben. In "geduldigen Einzelgesprächen" habe er die Skepsis in manchen europäischen Ländern gegen die deutsche Einigung abgebaut. "Er hat die Gunst der Stunde richtig eingeschätzt und genutzt." Ohne Kohl hätte es zudem den Euro nicht gegeben, sagte Juncker. "Für ihn war der Euro stets europäische Friedenspolitik mit anderen Mitteln."

Der französische Präsident Emmanuel Macron würdigte den Altkanzler als großen Freund seines Landes. "Helmut Kohl reichte uns die Hand." Macron erinnerte an die Annäherung beider Länder in den 80er Jahren und die Nähe Kohls zum damaligen französischen Präsidenten Francois Mitterrand.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton sagte, Kohl habe eine Welt gewollt, in der Zusammenarbeit als besser gilt als der Konflikt. "Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand niemanden dominiert." Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew erinnerte an die engen Beziehungen Kohls zu seinem Land. Für den Altkanzler sei Russland Bestandteil eines vereinten Europas gewesen, sagte Medwedew, der in Straßburg als Privatperson sprach. "Für ihn war das ein Teil eines gemeinsamen Hauses, ohne Stacheldraht."

Aus Österreich reisten Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) sowie der ÖVP-Europaabgeordnete Othmar Karas in Vertretung von Außenminister Sebastian Kurz nach Straßburg.

Erstmals wurde für einen Politiker ein solcher europäischer Trauerakt ausgerichtet. Einen deutschen Staatsakt für Kohl wird es dagegen nicht geben. Der mit einer Europaflagge bedeckte Sarg des Altkanzlers war in der Früh aus Kohls Haus in Ludwigshafen-Oggersheim getragen worden. Anschließend machte sich ein Fahrzeugkonvoi auf den Weg nach Straßburg. Nach der Zeremonie wurden die sterblichen Überreste des Altkanzlers dann mit einem Hubschrauber wieder nach Deutschland zurückgeflogen worden.

Hunderte Menschen erwiesen Kohl dann in seiner Heimatstadt Ludwigshafen die letzte Ehre. Sie säumten die Straßen und Plätze der Stadt, als am Samstagnachmittag der Trauerzug mit Kohls Sarg durch die Stadt fuhr. Viele Menschen applaudierten, andere filmten oder fotografierten die Fahrt.

Nach der Fahrt durch die Stadt traf der Trauerzug an einer nahe gelegenen Schiffsanlegestelle in Reffenthal am Rhein ein. Soldaten der Bundeswehr trugen den Sarg Kohls auf die MS Mainz. Das Schiff machte sich danach auf den Weg nach Speyer. Dort ist am frühen Abend zunächst ein Pontifikal-Requiem im Dom geplant, bevor Kohl nach einem militärischen Ehrengeleit im engsten Kreis beigesetzt wird.