Trauer um Bär "Jerry" in Arbesbach. Trauriger Start in die neue Saison: Der Bärenwald Arbesbach verabschiedet sich vom 32-jährigen "Jerry". Der ehemalige Zirkusbär verbrachte 20 Jahre im Bärenwald. Er hatte zuletzt starke Gelenksprobleme und musste eingeschläfert werden.

Von Red. Zwettl. Erstellt am 04. Juni 2020 (10:12)

Die Freude war groß, als der von "Vier Pfoten" geführten Bärenwald Arbesbach am 15. Mai endlich wieder seine Pforten für Besucher öffnen konnte. Jetzt ist diese Freude jedoch von Trauer überschattet: Der 32-jährige ehemalige Zirkusbär Jerry musste vor wenigen Tagen von seinem Leiden erlöst werden. Seine Gelenke waren in Folge der tierquälerischen Haltungsbedingungen, denen Jerry vor seiner Rettung durch Vier Pfoten jahrelang ausgesetzt war, stark in Mitleidenschaft gezogen und bereiteten ihm in den letzten Tagen starke Schmerzen.

„Es ist sehr traurig für uns, Jerry zu verlieren. Er ist uns so ans Herz gewachsen. Es tröstet uns aber die Tatsache, dass er 20 Jahre in unserem Bärenwald ein schönes Leben verbringen konnte“, sagt Betriebsleiterin Sigrid Zederbauer. Schon seit einigen Jahren nahm die körperliche Fitness von Jerry und auch von seinem Bruder Tom, der gemeinsam mit ihm von Vier Pfoten 2000 gerettet worden war, sichtbar ab. Daher nahm das Bärenwald-Team in den Gehegen der beiden auch immer wieder gezielte Adaptierungen vor, um auch den alten Bären noch eine gute Zeit unter liebevoller Betreuung zu sichern. Sie wurden mit schmerzstillenden und entzündungshemmenden Medikamenten sowie Nahrungsergänzungsmitteln zur Stärkung der Gelenke optimal versorgt.

„Gerade über Jerrys Entwicklung waren wir eigentlich im vergangenen Jahr sehr erfreut“, berichtet Zederbauer. „Vor zwei Wochen zeigte sich jedoch eine markante Verschlechterung vor allem in seiner Fortbewegung. Schließlich zog er sich in eine Höhle zurück und wollte nicht mehr aufstehen. Offensichtlich schwand auch sein Lebenswille.“ Das Tierärzteteam rückte daher am Pfingstmontag an, um Jerry unter Betäubung zu untersuchen. Der Befund zeigte schnell, dass weitere Behandlungen der Gelenke aussichtslos waren und Jerry keine Aussicht mehr auf eine aktive Fortbewegung hatte. Um ihm weiteres Leiden zu ersparen, wurde beschlossen, ihn nicht mehr aus der Narkose aufwachen zu lassen.

Tom und Jerry: Bärenleid als Zirkusattraktion

Jerry wurde, ebenso wie sein Bruder Tom, 1988 im Tierpark von Ostrau in Tschechien geboren. Im Alter von vier Monaten wurde das Brüderpaar von einem Dompteur gekauft und lebte bis 1993 im kommerziell geführten Tierpark Safaripark Gänserndorf. Dort musste Jerry in der sogenannten „Bärenschule" Kunststücke vor Publikum zum Besten geben. 1994 gründete sein Besitzer dann ein eigenes Zirkusunternehmen. Von da an lebten die beiden Bären ständig auf Rädern, sie mussten im viel zu engen Zirkuswagen quer durch Europa reisen. Auf Archivaufnahmen ist zu sehen, wie sie, auf den Hinterbeinen aufgerichtet, über Hindernisse springen, durch die Manege marschieren und andere, für die Gelenke extrem belastende Bewegungen vollführen.
Seit 1995 versuchte Vier Pfoten, Tom und Jerry aus der Gefangenschaft zu befreien, was nach einer gütlichen Einigung zwischen dem Land Niederösterreich, ihrem Besitzer und Vier Pfoten im Frühling 2000 schließlich auch gelang. Seit Mitte September 2000 leben die Bärenbrüder im Bärenwald Arbesbach und gehören somit neben Liese, die 2017 verstarb, Vinzenz und Brumca zu den ersten Bären, die Vier Pfoten retten konnte.

„Ich erinnere mich gerne an den schönen Moment, als wir Jerry und seinen Bruder Tom endlich in ihr neues Zuhause bringen konnten. Dieser lange Prozess, bis wir die Bären in unsere Obhut bekamen, war schon zermürbend“, sagt Vier Pfoten-Geschäftsführer Josef Pfabigan. „Die beiden waren so tapfer, obwohl der Transport zunächst viel Stress für sie bedeute. Sie haben neugierig ihr großes Gehege erkundigt, wobei sie immer dicht beieinander blieben. Seit damals blieben sie unzertrennlich. Nicht nur sein Gefährte Tom, wir alle werden Jerry sehr vermissen.“  

Ein ruhiger, aber auch verspielter Bär

Jerry war ein ruhiger, eher schüchterner Bär. Sigrid Zederbauer erzählt: „Er war kein Bär der Extreme. Sein Futter hat er immer sehr sanft und in kleinen Häppchen genüsslich verspeist. Alles wurde sachte auf die Vorderpfote gelegt, inspiziert und vorsichtig gegessen.“

Dennoch war er immer auch sehr neugierig und aktiv auf der Suche nach Futter im Gehege unterwegs, hat Kästen und Rohre dabei geschickt erkundet. Trotz seiner zurückhaltenden Art hat er in den vergangenen Jahren auch so viel Selbstbewusstsein entwickelt, um sich bei Gelegenheit auch mal ein Stück Gurke oder ein Ei von seinem Bruder Tom zu stibitzen. Nach der Futtersuche hat er es sich dann in seiner Höhle gemütlich gemacht, wobei er sich oft einen weichen Strohpolster vor der Höhle zurechtgelegt hat, damit ihm die Sonne auf den Kopf scheinen konnte.

Mit seinem Bruder Tom teilte er sich hin und wieder auch den Schlafplatz. Früher stand er immer irgendwie im Schatten des mutigeren und aktiveren Tom. „Aber das Schöne ist, dass Jerry durch unsere Bemühungen im hohen Alter selbstbewusster, geschickter und verspielter wurde. Unser Tierpflegerteam hat bei ihm viel Einführungsvermögen an den Tag gelegt und mit unendlicher Geduld immer wieder neue Beschäftigungsobjekte und Anreize für Jerry geschaffen. Bis vor kurzem haben wir ihn immer wieder beim ausgelassenen Spielen mit Gehegekollegen Vinzenz beobachten können. Das hat uns sehr gerührt und auch bestärkt in unserer Überzeugung, dass es durchaus Sinn macht, wenn wir uns auch bei unseren alten Tieren noch um eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bemühen“, fasst es Zederbauer zusammen.

Zuhause für fünf Braunbären

Der Bärenwald Arbesbach ist eine von mehreren Bärenauffangstationen von Vier Pfoten. Derzeit leben mit Vinzenz, Tom, Brumca, Erich und Emma dort fünf Braunbären auf insgesamt 14.000 Quadratmetern. Für Besucher gibt es täglich zwischen 10 und 18 Uhr die Möglichkeit, diese faszinierenden Tiere aus nächster Nähe zu beobachten. Jeden Mittwoch und Freitag um 15 Uhr, am Samstag um 16 Uhr und am Sonntag um 10.30 Uhr findet eine Führung (auch ohne Voranmeldung) statt.