Verschwörungsmythen: Ingrid Brodnig erhebt "Einspruch!". In einer Zeit, in der Menschen mit Unsicherheit zu kämpfen haben, florieren Verschwörungsmythen. Die bevorstehende Coronaimpfung für die breite Bevölkerung facht das Desinformationsfeuer noch zusätzlich an. Gerade rechtzeitig erscheint somit das neue Buch von Ingrid Brodnig "Einspruch! Verschwörungsmythen und Fake News kontern - in der Familie, im Freundeskreis und online". Das Buch kommt am Montag auf den Markt und hält, was der Titel verspricht.

Von APA / BVZ.at. Erstellt am 24. Januar 2021 (09:00)
Ingrid Brodnig versucht, gegen Verschwörungstheorien anzugehen
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Wie diskutiert man mit jemandem, der den Boden der Tatsachen längst verlassen hat? Wie ist es möglich, effektiv für die Faktenlage einzutreten und dabei dennoch Beziehung und Nerven zu schonen? Warum glauben zusehends mehr Personen an Verschwörungsmythen, und was kann gar von derartigen Erzählungen gelernt werden? Diesen und vielen weiteren Fragen widmet sich die Digitalexpertin und Autorin von Büchern wie "Hass im Netz". Dabei betont Brodnig auf etwas kurz geratenen 160 Seiten wiederholt, nicht das Wundermittel gegen Desinformation und irreführende Behauptungen parat zu haben. Sie verspricht aber "Kniffe, wie man diese logisch etwas rascher durchschauen und argumentativ eine Spur effizienter kontern kann".

Brodnig untermauert ihre Diskussionstipps zumeist mit wissenschaftlichen Studien und Theorien. Ihr klarer Schreibstil und anschaulich gewählte Beispiele lassen die Lektüre jedoch nicht trocken werden. Vielmehr eignet man sich erstaunlich einfach die Funktionsweise eines "Third-Person-Effects" oder "Confirmation bias" an und versteht zugleich, wann es sich besonders lohnen könnte, auf "wertebasiertes Kommunizieren" zu setzen.

Natürlich ist auch so manche Binsenweisheit enthalten. Dass es nicht zielführend ist, jemanden zu beleidigen, da er sich dadurch eher hinter seiner eigenen Meinung verbarrikadiert ("Nasty-Effect"), dürfte wohl bei den wenigsten Lesern für Überraschung sorgen. Dass die Autorin deshalb kein Fan davon ist, jemanden als "Covidioten" zu bezeichnen, versteht sich fast von selbst.

Die Coronapandemie fungiert zwar aus aktuellem Anlass als Aufhänger, doch wartet das Buch mit einer breiten Palette an weitverbreiteten Verschwörungserzählungen auf. Dadurch erlangt man eine gewisse Sattelfestigkeit, sollte einen das Gegenüber mit "QAnon", "Chemtrails" oder dem nicht belegten Dauerbrenner "Autismus als Folge einer Masern-Mumps-Röteln-Impfung" konfrontieren. Mit derartigem Wissen ausgestattet lassen sich die unlogischen Seiten dieser Erzählungen besser aufzeigen und andere Personen bereits im Vorfeld gegen unsinnige Argumente impfen.

Besonders wertvoll sind jene Passagen des Buches, in denen Brodnig Einblick in die Welt der Verschwörungsgläubigen gibt. Durch Interviews und Erzählungen macht sie es nachvollziehbarer, wie man in die Situation gelangen kann, selbst die absurdesten Dinge zu glauben. So führt sie etwa das Beispiel eines Pensionisten mit Hochschulabschluss an, der durch verstärkte Internetnutzung gepaart mit geringer digitalen Kompetenz plötzlich zu wissen glaubte, dass das Bleich- und Desinfektionsmittel Chlordioxid als Wundermittel gegen viele Erkrankungen - darunter auch Covid-19 - wirke. In Wahrheit ist das Mittel selbst in verdünntem Zustand schädlich für die Gesundheit. Der Mann trank dennoch täglich eine kleine verdünnte Menge davon.

Was Brodnig damit klarmacht: "Falschmeldungen - gerade in Bezug auf Gesundheitsthemen - können ernste Konsequenzen haben." Umso wichtiger sei es, Falsches zu kontern, ohne sich selbst damit zu überfordern. Mit diesem Buch liefert sie ein gelungenes Hilfswerkzeug am Puls der Zeit, das den Lesenden erstaunt, entsetzt, informiert und nicht zuletzt auch dank gelungener Illustrationen von Marie-Pascale Gafinen belustigt.

(S E R V I C E - Ingrid Brodnig: "Einspruch! Verschwörungsmythen und Fake News kontern - in der Familie, im Freundeskreis und online", Illustrationen von Marie-Pascale Gafinen, Brandstätter Verlag, 160 Seiten, 20 Euro, erscheint am 25. Jänner)