Emine Sevgi Özdamar erhält Georg-Büchner-Preis 2022

Aktualisiert am 09. August 2022 | 14:54
Lesezeit: 4 Min
Emine Sevgi Özdamar erhält mit 50.000 Euro dotierten Preis
Emine Sevgi Özdamar erhält mit 50.000 Euro dotierten Preis
Foto: APA/dpa
Die türkisch-deutsche Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar erhält den "Georg-Büchner-Preis 2022". Dies teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Dienstag in Darmstadt mit. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum und wird seit 1951 verliehen. Übergeben werden soll die Ehrung an die 75-jährige Autorin am 5. November in Darmstadt.
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Die deutsche Sprache verdanke Özdamar "neue Horizonte, Themen und einen hochpoetischen Sound". Die am 10. August 1946 in Malatya (Türkei) geborene Schriftstellerin, Schauspielerin und Theaterregisseurin, die 1965 erstmals das noch geteilte Berlin besuchte und 1991 den Bachmann-Preis erhielt, bereichere "seit über drei Jahrzehnten die deutschsprachige Literaturszene mit ihren Romanen, Erzählungen und Theaterstücken, zuletzt mit dem Opus magnum 'Ein von Schatten begrenzter Raum'", heißt es in der Jury-Begründung: "Ungewohnte literarische Stilmittel und aus dem Türkischen inspirierte Sprechweisen prägen ihre multiperspektivischen Texte, die neben intimen persönlichen Erfahrungen ein breites Panorama deutsch-türkischer Geschichte entfalten − vom Ersten Weltkrieg über die Aufbruchstimmung der sechziger und siebziger Jahre bis in unsere Gegenwart." Özdamars Werk eröffne "einen zugleich intellektuellen wie poetischen Dialog zwischen verschiedenen Sprachen, Kulturen und Weltanschauungen, an dem wir lesend teilhaben dürfen."

Für Özdamar kam die Auszeichnung unerwartet: "Man ist immer überrascht, auch mit den anderen Preisen. Plötzlich kommt der Anruf", sagte sie zur Deutschen Presse-Agentur. Als frühzeitiges Geburtsgeschenk sieht Özdamar, die derzeit an der ägäischen Küste in der Türkei ist, den Preis nicht. "Daran habe ich gar nicht gedacht."

Vergangenes und Geliebtes bewahren ist ein Antrieb für die künstlerische Arbeit von Özdamar. "Ich hatte früher immer gesagt, ich möchte die Toten ins Gedächtnis rufen", sagte sie. Beim Schreiben finde man auch Menschen, die man geliebt habe, die aber nicht mehr leben, meinte die Preisträgerin, die an diesem Mittwoch 76 Jahre alt wird und in der Türkei und in Berlin lebt. Ihre ersten Wörter für Bücher fand sie jedoch in Düsseldorf. "Das war eine friedliche Stadt und da habe ich angefangen zu schreiben", erinnerte sie sich. In die Türkei konnte sie damals nur selten. "Früher konnten wir sehr wenig kommen, weil ich am Theater arbeitete und mein Mann auch."

Zu ihren bekanntesten Büchern gehört der Roman "Das Leben ist eine Karawanserei: hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus". Für einen Auszug daraus erhielt sie auch den Bachmann-Preis. Das Buch ist ebenso wie die Nachfolge-Werke "Die Brücke vom Goldenen Horn" (1998) und "Seltsame Sterne starren zur Erde" (2003) autobiografisch geprägt. Alle drei Romane wurden wegen ihrer literarischen Qualität von der Kritik hoch gelobt. Das gilt auch für ihr jüngstes Werk "Ein von Schatten begrenzter Raum", das 2021 erschien und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.

"Menschliche Körper sind wie alte Zivilisationen. Schichtweise lagern wir mehrere Gefühle, das sind die Stoffe", sagte Özdamar über ihre Intention. Unter Druck setzen möchte sie sich bei ihrer Arbeit nicht. "Ganz am Anfang wusste ich, dass ich drei Romane hintereinander schreiben möchte - Kindheit, junges Mädchen, junge Frau." Sie möge es aber nicht, wenn sie mit einem Buch fertig sei, sofort mit einem neuen Buch zu beginnen. Das müsse, wie bei einer Schwangerschaft ein Kind, reifen.

Özdamar ist die zwölfte Frau, die mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wird. Zu den Preisträgern gehören u.a. Max Frisch (1958), Günter Grass (1965) und Heinrich Böll (1967) sowie zuletzt Rainald Goetz, Marcel Beyer, Jan Wagner, Terézia Mora, Lukas Bärfuss und Elke Erb. Im vergangenen Jahr erhielt der Grazer Schriftsteller Clemens J. Setz die begehrte Auszeichnung.

Seit 1951 vergibt die Akademie für Sprache und Dichtung den Preis an Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Die Preisträger müssen "durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten" und "an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben", heißt es in der Satzung. Der Preis wird vom Bund, dem Land Hessen und der Stadt Darmstadt finanziert.

Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner ("Woyzeck"). Er wurde 1813 im Großherzogtum Hessen geboren und starb 1837 in Zürich.

(S E R V I C E - www.buechnerpreis.de)