Ressourcen für Prävention fehlen. Im vergangenen Jahr sind 5.816 Menschen, die von Gewalt in der Familie betroffen waren, von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie unterstützt worden. Doch die Ressourcen reichen nach wie vor nicht aus, um Betroffene längerfristig zu betreuen und die notwendige multi-institutionelle Zusammenarbeit umzusetzen, sagte Geschäftsführerin Rosa Logar am Montag.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 23. Juli 2019 (05:01)
APA (dpa/Archiv)
Familiäre Gewalt ist keineswegs geschlechtsneutral

Familiäre Gewalt ist keineswegs geschlechtsneutral: Fast alle der betreuten Personen (86,7 Prozent) waren weiblich, während 92 Prozent der Gefährder Männer waren. Im Vergleich zu 2017 ging die Zahl der Betretungsverbote österreichweit zwar von 8.755 auf 8.076 zurück, das sei jedoch ein Grund zur Sorge, denn: "Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Opfer weniger an die Polizei wenden", betonte Logar angesichts des gerade publizierten Tätigkeitsberichtes der Wiener Interventionsstelle. Alle beteiligten Institutionen müssten nun herausfinden, warum es dennoch weniger Betretungsverbote gab.

Das Jahr 2018 sei in vielerlei Hinsicht herausfordernd gewesen: "Wir sind bestürzt über die Tatsache, dass 41 Frauen ermordet wurden, ein großer Teil von ihnen durch ihre ehemaligen oder aktuellen Partner bzw. nahe Familienangehörige." Die Interventionsstelle unterstützt in Fällen von Gewalt und Stalking die Hinterbliebenen in Form von psychosozialer Unterstützung und Begleitung im gerichtlichen Verfahren. Von den 2018 Betreuten waren 5.043 Personen Frauen und 509 minderjährig, rund 3.000 Fälle werden jährlich von der Polizei zugewiesen.

Die hohe Zahl an schweren Gewaltvorfällen, Morden und Mordversuchen im Jahr 2018 zeige, wie wichtig eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen sei, erklärte Logar. Die multi-institutionelle Kooperation in Fällen von Hochrisikosituationen sei eine wesentliche und anerkannte Methode der Prävention und des Schutzes der Betroffenen. Nachdem entsprechende Fallkonferenzen (MARAC) jedoch gestoppt worden waren, habe es seit mittlerweile fast zwei Jahren keine solchen Zusammenkünfte gegeben. Früher habe man sich ein Mal im Monat zusammengesetzt.

Doch nur auf der Basis von ausreichendem Informationsaustausch, gemeinsamer Gefährlichkeitseinschätzung und Sicherheitsplanung von Behörden und Einrichtungen besteht laut Logar die Chance, im Vorfeld einer schweren Gewalttat die adäquaten Schritte zu setzen. Für die notwendige enge Kooperation aller relevanten Einrichtungen und Institutionen brauche es dringend mehr personelle und finanzielle Ressourcen. "Daher hoffen wir sehr, dass die Bundesregierung möglichst rasch ein multi-institutionelles Modell der Zusammenarbeit im Sinne des Opferschutzes einführt, das auf den jahrelangen Erfahrungen der Wiener Interventionsstelle mit dem Projekt MARAC aufbaut".

Nur 5,5 Stunden Betreuung bzw. Begleitung kann die Interventionsstelle derzeit pro Fall investieren. "Das ist viel zu wenig, das ist nur eine Feuerwehrfunktion", kritisierte Logar. "Es reicht nicht, nur zwei, drei Mal mit den betroffenen Familien zu reden." So komme es dazu, dass Gewalt eskaliert, obwohl schon viele Behörden involviert waren. Bei vielen der Tötungsdelikte habe es eine Vorgeschichte gegeben: "Da müssen wir dranbleiben", betonte Logar. "Wenn wir immer nur ein Minimum investieren, wird sich die Gewalt fortsetzen."

Laut Istanbul-Konvention, zu der sich Österreich verpflichtet hat, muss zudem für die Hilfe und Unterstützung von Kindern, die Zeugen von Gewalt wurden, gesorgt werden. Die Umsetzung wird bisher jedoch als mangelhaft beurteilt. Mindestens 5.347 Kinder und minderjährige Jugendliche wurden in Wien 2018 Zeugen von Gewalt. In der Interventionsstelle fehlen derzeit dringend zwei Stellen zur Betreuung von Hochrisikofällen sowie zwei für die Kinderbetreuung, die mit Fachpersonal besetzt werden müssten.

Hinsichtlich des von der ehemaligen türkis-blauen Regierung geplanten Gewaltschutzpakets, das im Herbst doch noch beschlossen werden soll, gibt es seitens der Interventionsstelle Kritik. Auch wenn "es immer gut ist, wenn etwas getan wird", seien Ergänzungen nötig. So sei etwa Strafverschärfung nie das vorrangige Problem gewesen, stellte Logar klar. Die "Bannmeile" sei zwar gut, aber nicht, wenn dabei der Schutz in Kindergärten und Schulen nicht thematisiert werde. Die Idee zur Täterarbeit sei sehr unausgereift, Fallkonferenzen sollen nur von der Polizei einberufen werden können - "das scheint wie ein autoritäres Vorgehen", kritisierte Logar.

Vielmehr müsse es Bemühungen geben, damit in Zukunft nicht mehr so viele Verfahren eingestellt werden. Hier brauche es einen opfer-sensiblen Umgang. Oft führe auch die Überlastung durch die knappen Ressourcen zu einer Einstellung. Hinweisen auf diese Mängel werde man weiterhin.