Plagiatsvorwürfe gegen Ministerin Aschbacher. "Plagiate, falsche Zitate und mangelnde Deutschkenntnisse" ortet der "Plagiatsjäger" Stefan Weber in der Diplomarbeit von Arbeits- und Familienministerin Christine Aschbacher (ÖVP). Die an der FH Wiener Neustadt verfasste Arbeit "unterbietet alle wissenschaftlichen Standards", so Weber in seinem Blog. "Schwerwiegende Plagiate" sieht er auch in der Kurzfassung von Aschbachers 2020 eingereichter Dissertation. Diese ist online und enthält ebenfalls fragwürdige Stellen.

Von APA / BVZ.at. Update am 09. Januar 2021 (13:10)
ÖVP-Politikerin: Habe "nach bestem Wissen und Gewissen" gearbeitet
APA

Aus dem Büro Aschbachers hieß es gegenüber der APA, dass die Ministerin "nach bestem Wissen und Gewissen" gearbeitet habe. Die Diplomarbeit sei bereits 2006 eingereicht und mit einem "Sehr Gut" beurteilt worden. Sowohl bei dieser als auch bei der an der Technischen Universität Bratislava eingereichten Dissertation habe es sich bei den Betreuern um in der Community anerkannte Professoren gehandelt, auf deren Urteil sie weiter vertraue.

Laut der Analyse Webers hat Aschbacher in der Diplomarbeit zum Thema "Key Account Management" zahlreiche Stellen zum Teil wortwörtlich abgeschrieben und nicht korrekt zitiert. Damit würden sie als Plagiate gelten. Dazu käme holpriges Deutsch an zahlreichen Stellen.

Auch in der von der "Kleinen Zeitung" online veröffentlichten Dissertation der Ministerin finden sich Passagen, die wörtlich aus anderen Quellen kopiert wurden. So gibt Aschbacher an einer Stelle einen ins Deutsche übersetzten "Forbes"-Artikel wider. Und zwar inklusive der markanten Feststellung: "Annahmen sind wie Seepocken an der Seite eines Bootes; sie verlangsamen uns." Den Artikel des US-Wirtschaftsmagazins nennt sie in einer Fußnote zwar als Referenz. Allerdings macht sie aus der Feststellung des Original-Autors, er habe im Lauf seiner Karriere mit Hunderten Teams zusammengearbeitet, die Behauptung: "In dieser Dissertation wurde mit Hunderten von Teams (...) zusammengearbeitet."

Die FH Wiener Neustadt will laut Online-"Standard" die Diplomarbeit nun prüfen. Sollte die Hochschule zum Schluss kommen, dass der Magister-Grad durch das Vortäuschen wissenschaftlicher Leistungen erschlichen wurde, ist er wieder abzuerkennen. Dafür ist allerdings nicht nur das eine oder andere schlampige Zitat nötig: Eine Erschleichung ist erst dann anzunehmen, wenn einerseits Täuschungsabsicht vorliegt und andererseits "wesentliche Teile" ohne entsprechenden Ausweis abgeschrieben wurden.

Konsequenzen hätte eine Aberkennung des Magistergrads auch für den PhD-Titel Aschbachers, den sie im Vorjahr in der Slowakei mit einer Dissertation zum "Entwurf eines Führungsstils für innovative Unternehmen" erlangt hatte. Unabhängig von der Dissertation wird im Regelfall ein Titel, der auf Grundlage einer erschlichenen Studienzulassung erlangt wurde, ebenfalls aberkannt.

Laut ihrem Sprecher hat Aschbacher ihre Dissertation bereits im Dezember 2019 fertiggestellt, als Abgabedatum wird in der Dissertation der 31. Mai 2020 genannt. Die Defensio fand seinen Angaben zufolge im August statt. Thema der im Studienfach "Maschinenbau" verfassten Arbeit ist demnach der "Entwurf eines Führungsstils für Innovative Unternehmen".

Faßmann erinnert an Guttenberg

 Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will die Prüfung durch die FH Wiener Neustadt abwarten. Er erinnerte am Samstag aber an den Fall eines nach ähnlichen Vorwürfen zurückgetretenen deutschen Ministers.

Dass Qualifizierungsarbeiten von Politikerinnen und Politikern im Fokus medialer Aufmerksamkeit stehen, sei nicht neu, sagte Faßmann bei einer Pressekonferenz am Samstag, auf die Plagiatsvorwürfe gegen seine Parteikollegin angesprochen. "Mir fällt spontan Guttenberg ein, den es ganz hart getroffen hat", verwies Faßmann auf den deutschen CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg, der nach der Aberkennung seines Doktortitels 2011 als Verteidigungsminister zurückgetreten war. Die Fachhochschule Wiener Neustadt, wo Aschbacher ihre Diplomarbeit verfasst hat, habe die richtige Vorgangsweise gewählt und prüfe den Fall nun. Vermutlich werde es eine externe Begutachtung geben. Deren Ergebnisse müsse man abwarten, sagte der Wissenschaftsminister. Keine Stellungnahme gibt es vorerst vom Bundeskanzleramt.

Die FPÖ forderte am Samstag die Aberkennung der akademischen Titel und den Rücktritt der Ministerin. "Der Kanzler muss sofort den Rücktritt seiner Ministerin einleiten, um weiteren Schaden von der Republik abzuwenden", forderte FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz in einer Aussendung. Die Dissertation lese sich, als sei sie von einem Ghostwriter mit nicht-deutscher Muttersprache oder von einem Übersetzungsprogramm geschrieben worden. In einer parlamentarischen Anfrage will er von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) außerdem erfahren, ob den von der "Kommission für wissenschaftliche Integrität" schon für 2019 aufgezeigten Mängeln bei Abschlüssen an einer "Hochschule im benachbarten Ausland" mit Kooperationsvertrag in Österreich nachgegangen werde.

Auch aus der SPÖ kamen am Wochenende Rücktrittsforderungen - unter anderem vom Nationalratsabgeordneten Max Lercher: "So geht es jedenfalls nicht, dass man von den normalen Leuten fordert, immer noch mehr zu leisten und sich dann selber durchschummelt."