Gen-Mutationen bedingen offenbar Covid-19-Immunität

Das weltweit größte Covid-Forschungskonsortium, der "COVID human genetic effort" (COVIDhge), ist Genen auf der Spur, die eine natürliche Immunität gegen das SARS-CoV-2 Virus bedingen könnten. Der Tiroler Lungenfacharzt Ivan Tancevski ist Teil des Verbundes und führt auch an der MedUni Innsbruck eigene Studien dazu durch. Nun zielen die Forschenden auf die Entwicklung einer Therapie zur Behandlung Infizierter ab, führte Tancevski im APA-Gespräch aus.

Erstellt am 19. Oktober 2021 | 05:00
Gen-Mutationen können natürliche Corona-Immunität bedingen
Gen-Mutationen können natürliche Corona-Immunität bedingen
Foto: APA/dpa-Zentralbild

"Genetische Veranlagungen können einen gewissen Schutz vor Infektionskrankheiten hervorrufen", erklärte Tancevski, der an der von Günter Weiss geleiteten Universitätsklinik für Innere Medizin II tätig ist. So schütze etwa eine Mutation in der Struktur von roten Blutkörperchen - die zur sogenannten Sichelzellenanämie führt - vor Malaria Tropica, der schwerwiegendsten Form von Malaria. Eine genetisch bedingte Resistenz wurde auch bei HIV gefunden. Hier wurde bereits eine Therapie entwickelt, die auf diesen Erkenntnissen fußt, berichtete Tancevski.

Im Zusammenhang mit Covid-19 sei immer wieder die vermeintliche Resistenz von Personen mit Blutgruppe 0 diskutiert worden - 40 Prozent der Bevölkerung zählen zu dieser Gruppe, so der Wissenschafter. Es habe sich jedoch herausgestellt, dass jene lediglich in einem geringen Ausmaß vor einer Covid-Infektion geschützt seien.

Des Weiteren stehe das Enzym ACE2 in der Membran von Körperzellen immer wieder im Fokus der Forscher - denn das Coronavirus SARS-CoV-2 nutzt es zum Andocken an die menschliche Zelle. Das Forschungskonsortium habe natürlich auch mutierte Varianten dieses Enzyms im Visier, zitierte Tancevski Erkenntnisse des Verbundes, die in einem am Montag im Fachjournal "Nature Immunology" publizierten Aufsatz beschrieben werden.

Um davon mögliche Therapieansätze abzuleiten, würden weltweit Haushalte gesucht, in denen eine Person nachweislich an Corona erkrankt war, enge Kontaktpersonen aber nicht infiziert wurden. "Die Suche gestaltet sich als schwierig", so Tancevski, "denn die Gründe hierfür sind vielfältig. So kann die Virenanzahl zu klein oder die Kontaktdauer zu kurz gewesen sein. Ebenso ist es denkbar, dass die nicht infizierte Person durch eine vorhergegangene Infektion - etwa einem Schnupfen durch ein herkömmliches Coronavirus - eine Teilimmunität aufwies", erläuterte der Lungenfacharzt.

Weil sich die Suche nach Probandinnen und Probanden als kompliziert erweise, gehe man in Innsbruck "einen zusätzlichen Weg", berichtete der Mediziner: "Wir suchen Mutationen im Rahmen des COVIDhge in Entzündungsgenen und testen diese dann zunächst in Zellkulturen, die wir mit dem SARS-CoV-2 Virus infizieren."

Ziel sei es, Gene zu finden, auf deren Basis man eine Therapie gegen das Coronavirus entwickeln könne, sagte Tancevski - ähnlich wie für HIV. "Es geht auch darum, jetzt Therapien für die Zukunft zu entwickeln". Er wolle nicht "pessimistisch" sein, doch "Tatsache ist, dass es zuletzt alle zehn bis 15 Jahre schwere Epidemien mit Coronaviren gegeben hat", erinnerte Tancevski an MERS (2012/13) und SARS (2002/3).

Tancevski und Weiss sind seit Herbst vergangenen Jahres Teil einer rund 120 internationale Experten großen Gruppe, die sich im Rahmen des COVIDhge-Konsortiums wöchentlich über den aktuellen Forschungsstand austauscht. Der Forschungsverbund, der von Jean-Laurent Casanova von der Rockefeller University in New York geleitet wird, treibt derzeit rund 15 Projekte voran.

(S E R V I C E - https://doi.org/10.1038/s41590-021-01030-z)