Anschober zog Bilanz nach einem Jahr Corona. Knapp ein Jahr nach den ersten bestätigten Covid-19-Fällen in Österreich zogen am Freitag Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und Experten eine Bilanz. Als "Jahr, das wir nie vergessen werden" bezeichnete Anschober das vergangene. Für die nächsten Wochen bis Ostern erwarte er noch eine "wirkliche Risikophase" mit "leicht steigenden Zahlen". Laut dem Simulationsforscher Niki Popper haben bereits rund 15 Prozent der Österreicher eine Infektion überstanden.

Von APA / BVZ.at. Erstellt am 19. Februar 2021 (12:52)
Gesundheitsminister Anschober rechnet mit "leicht steigenden Zahlen"
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Aktuell üben laut Anschober nicht zuletzt die Virus-Varianten "stärkeren Druck auf Tagesinfektionszahlen" aus, sagte er bei der Pressekonferenz. "Fakt ist, dass wir bei den Neuinfektionen einen Anstieg erleben", betonte auch Simulationsforscher Popper von der Technischen Universität Wien. Die schlechte Nachricht sei, dass die effektive Reproduktionszahl größer als eins ist. Das heißt, dass ein Infizierter mehr als eine weitere Person ansteckt. Leicht rückläufig wiederum ist weiterhin die Zahl der belegten Spitalsbetten.

Es gehe nicht um "No-Covid", sondern um insgesamt niedrige Zahlen. "Wenn wir jetzt vier Wochen leicht steigen, haben wir es nicht im Griff", betonte Popper. Es brauche jetzt zumindest Stabilität bzw. leicht sinkende Fallzahlen. Denn nur dann könne man ökonomische, soziale, gesellschaftliche, kulturelle und medizinische Aspekte unter einen Hut bringen. Außerdem müsse die Datenlage verbessert werden, forderte der Wissenschafter.

Laut den Modellen der Simulationsforscher haben inklusive Dunkelzifferfällen bereits rund 15 Prozent der Österreicher eine Infektion überstanden. Das bedeutet, dass "zumindest 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen temporär immun sind", sagte Popper. Wie lange die Immunisierung anhält, sei aber weiterhin nicht klar. Er betonte, dass mit intensivem Testen und Isolieren die Zahl der Neuinfektionen nach unten gedrückt werden kann. Die Impfung ist ein "wirklicher Gamechanger, aber nicht die Lösung auf Dauer, wir werden neue Mutationen erleben, es wird eine neue Normalität geben", sagte Popper.

Mit einer "sehr präzisen Bewertung" der Covid-19-Situation soll der künftige Umgang mit dem Virus definiert werden, meinte der Gesundheitsminister. Der 1. März sei "der Tag, an dem entschieden wird", so Anschober. Weitere Öffnungsschritte vor diesem neuralgischen Datum halte er daher für unrealistisch. Die Entscheidung zur Verlängerung der Ausreisebeschränkungen in Tirol soll noch im Laufe des Freitags fallen.

In den vergangenen Tagen arbeite man u.a. mit 250.000 Tests pro Tag gegen ein stärkeres neuerliches Ansteigen der Fallzahlen. Noch nicht eingerechnet seien hier die Tests an den Schulen. Dass die britischen und südafrikanischen Mutationen ein Problem werden, sei vor dem Jahreswechsel klar geworden. Erst kurz zuvor sei es gelungen, die hierzulande um den November aus dem Ruder gelaufenen Infektionszahlen mit erneuten Lockdowns auf ein "Plateau" mit moderaten Neuansteckungen zu begrenzen. Die Mutationen hätten sich "massiv ausgedehnt" und seien auf dem Weg zur "Dominanz", betonte Anschober. Bei den Nachweisen sehe man weiter, dass der Osten stärker von der britischen Variante betroffen ist, und die Südafrika-Variante bekanntermaßen in Tirol kursiert.

Auch angesichts dieser Entwicklungen beobachte man nun "leichte Steigerungen, die noch nicht dramatisch" seien, sagte der Gesundheitsminister. Die Bevölkerung müsse jetzt trotzdem "sehr, sehr konsequent sein". Dass das funktionieren kann, zeige die Umstellung auf die Verwendung der FFP2-Masken, die "perfekt gelebt" würde. Ein Stück weit an den weiter höheren Zahlen schuld sei auch das zuletzt stark intensivierte Testen. "Ein Teil des Anstieges ist erklärbar, weil genau hingesehen wird", sagte Anschober.

Vor allem die größere Anzahl an geimpften Personen - diese Woche werde die Zahl von 500.000 Impfungen erreicht - "ist spielentscheidend", betonte Anschober. Die Situation sollte sich um Ostern demnach vor allem bei den Risikogruppen entspannen. Wie es danach weiter gehe, werde in einer "klaren Strategie" für den Umgang mit dem Virus festgelegt. Der Arbeitsprozess dazu sei im Laufen, so Anschober, der auch ankündigte, genauer auf Folgeerscheinungen, wie negative psychosoziale Auswirkungen zu achten und Perspektiven für Jugendliche schaffen, die unter der Krise besonders leiden.

Günter Weiss, Direktor des Departments Innere Medizin, Medizinische Universität Innsbruck, hat vor rund einem Jahr die ersten Covid-19-Patienten stationär aufgenommen und "den Sprung von der Theorie in die Praxis genommen". Er betonte, dass keine Infektionskrankheit so schnell derart gut erforscht wurde. Allerdings wisse man nach wie vor nicht, welche Patienten warum einen schweren Verlauf entwickeln können. Es mussten auch Menschen ohne klassische Risikofaktoren und Vorerkrankungen intensivmedizinisch versorgt werden, sie seien "völlig niedergestreckt worden". Weiss wies auch darauf hin, dass es nach wie vor kein "wirklich wirksames Medikament" gegen Covid-19 gibt.

"Corona ist leider Teil unseres Lebens geworden und wird Teil unseres Lebens bleiben, wir werden mit dem Virus und den ständigen Veränderungen leben müssen", konstatierte Weiss. Er betonte, dass der Balanceakt zwischen notwendigen Maßnahmen und dem Wiederlangen oder der Rückkehr zu einer Normalität anhalten wird.

Die Frage der Verhältnismäßigkeit ist auch für den ärztlichen Leiter des auf Suchtkrankheiten spezialisierten Anton-Proksch-Instituts, Michael Musalek, "die große Herausforderung". Für ihn ist die Covid-19-Krise auch eine "psychosoziale Krise". Psychische Probleme würden sich ausbreiten "wie eine virale Erkrankung". Vor allem Menschen, die schon vorher psychische Probleme hatten, seien nun verstärkt betroffen. "Die Covid-Krise ist ein wirklicher Brandbeschleuniger", so der Psychiater und Psychotherapeut.

In der Rückschau gebe es aber auch viele Lichtblicke, so die Experten. Elisabeth Puchhammer-Stöckl von der Medizinischen Universität Wien betonte die "unglaubliche Geschwindigkeit des Wissenstransfers" im vergangenen Jahr. Sofort sei die Sequenz des Virus veröffentlicht, unglaublich schnell Testmöglichkeiten entwickelt worden, all das sei einhergegangen mit zahlreichen Studien.

Auch sie betonte, dass wir mit dem Virus weiterleben müssen. Die Herausforderung der nächsten Monate und Jahre sei die Entwicklung von Medikamenten und die Erforschung, "was für einen schweren Verlauf prädestiniert", warum manche Menschen Geschmacksstörungen haben oder andere Darmsymptomatiken. Außerdem müsse herausgefunden werden, woran gemessen werden kann, was nach einer Impfung und vor einer Infektion schützt. Die Frage sei, welchen Antikörperspiegel man benötige, um beispielsweise ein Jahr geschützt zu sein, sagte die Virologin.

Mit der Covid-19-Erkrankung direkt zu kämpfen hatte die Leiterin des Jüdischen Museums Wien, Danielle Spera. Das unerwünschte Mitbringsel von einer Dienstreise erwies sich schon im "relativ milden Verlauf" als Herausforderung - die oft unterschätzten Langzeitfolgen inklusive. Speras Ehemann habe sich nach zehn Tagen Erkrankung sogar in Krankenhausbehandlung begeben müssen, wie sie erklärte. Covid-19 folge leider "keinem Muster" und habe "das Leben von uns allen verändert". Die Forschung arbeite zum Glück an Lösungen. Wie Impfungen die Situation verbessern können, zeige das "Vorbild Israel", so Spera, die einen Appell zur möglichst baldigen Öffnung der Kulturbetriebe lancierte.